Ein Polizist steht vor dem abgesperrten Breitscheidplatz. | Bildquelle: dpa

V-Mann "Murat" Islamist enttarnt V-Mann

Stand: 16.10.2020 06:00 Uhr

Er gilt als Top-Informant aus der Islamistenszene: "Murat" warnte vor dem Attentäter Amri, beschaffte Einblicke in Terror-Netzwerke, verhalf zu Anklagen. Nun könnte er in Gefahr sein: Ein bekannter Islamist hat seine Identität enttarnt.

Von Angelika Henkel, NDR

Für die Bundesanwaltschaft ist er ein wichtiger Zeuge, für Islamisten hingegen ein Verräter - und für das Oberlandesgericht Celle ist er unerreichbar: "Murat Cem". So lautet der Deckname von Deutschlands inzwischen wohl berühmtestem V-Mann, der offenbar wieder unter Polizeischutz steht, da sein Leben in Gefahr sein könnte. Im Sommer wurde "Murat Cem" enttarnt: Ein Verteidiger nannte in einem Prozess in einem Antrag seinen Klarnamen und die Meldeadresse.

Pikant dürfte sein, wer die Identität von "Murat Cem" offenkundig herausgefunden hatte. Ein Mann aus der Islamisten-Szene reklamiert dies für sich: Bernhard Falk. Nun hat er einen dicken Stapel Papiere vor sich liegen: eng beschriebene Aufzeichnungen seiner Recherchen rund um den V-Mann, der in die Islamistenszene vordrang wie wohl kein zweiter.

Ex-Terrorist recherchierte

"Nur durch Logik, Ortskenntnis und Internetrecherche bin ich darauf gekommen" behauptet Falk - nicht ohne Stolz. Der 53-Jährige ist Salafist, betreut inhaftierte Islamisten bundesweit. Nicht nur der Verfassungsschutz hat ihn im Visier, auch die Polizei: Taucht er beim Prozess in Celle auf, wird er auf Schritt und Tritt beobachtet und durchsucht. Er selbst empfindet das als Schikane. Doch seine Vergangenheit als ehemaliger Linksterrorist, verurteilt wegen versuchter Attentate, lassen die Polizei offenkundig vorsichtig sein.

Falk las das Buch "Undercover" sehr genau. Es ist ein präzise recherchiertes Werk, in dem Redakteure des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" die anonyme Geschichte von "Murat Cem" aufgeschrieben haben. Der V-Mann selbst hatte sich an die Journalisten gewandt, um sein beeindruckendes Leben als Top-Quelle zu beschreiben. Die Redakteure verifizierten seine Aussagen durch sorgfältige Recherchen.

Öffentliche Quellen verwendet

Zeile für Zeile ging Falk den Bestseller durch - und stieß auf einer Seite auf eine eigentlich nebensächliche Beschreibung eines Gerichtsgebäudes. Was dann folgt, war denkbar einfach: Er glich die Bilder im Internet ab - und fand auf der Justizseite weitere Informationen über einen Prozess, bei dem "Murat Cem" selbst wegen eines Eigentumsdeliktes jüngst zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Ein Anwalt übernahm die weitere Anfrage beim Gericht - so geriet der Echtname in ihre Hände.

Die Recherche ging weiter: Falk identifizierte weitere Orte aus "Murat Cems" Leben, die im Buch beschrieben sind. Er fand - so die Darstellung von Falk - über den realen Namen des Mannes in sozialen Netzwerken sogar Angaben über Schule, Freunde und die nahe Familie von "Murat" - jenem Top-Spitzel, der das "Who is Who" der Islamistenszene quer durch Deutschland kutschierte und so an Informationen kam.

Mordaufruf gegen "Murat Cem"

Diese Informationen belasteten auch Ahmed A. alias Abu Walaa, den mutmaßlichen Chef der Terrrormiliz "Islamischer Staat" in Deutschland, und brachten ihn mit weiteren Männern vor das Oberlandesgericht Celle. Vor der Verhaftung 2016 verbreitete Abu Walaa einen hasserfüllten Aufruf via "Telegram": Wer Murat, den Verräter zu fassen kriege, solle ihn vernichten.

Wie gefährdet ist "Murat Cem" jetzt? Das Landeskriminalamt in Düsseldorf gibt darauf keine Antwort. Laut Verfassungsschutz Niedersachsen ist die Unterstützung für den einstigen Prediger Abu Walaa in der Szene ungebrochen. Bernhard Falk betont gegenüber dem NDR, er werde den Namen nicht an Glaubensbrüder aus der Szene geben: "Ich will nicht, dass meine Erkenntnisse dafür benutzt werden, den Mann zu bedrohen oder ihn zu beeinträchtigen."

Streit über öffentliche Vernehmung

Sein Ziel sei ein anderes: Er will eine direkte Vernehmung von "Murat Cem" beim OLG erreichen. Der Senat solle sich ein eigenes Bild von der Glaubwürdigkeit des Mannes machen können. Das war bisher nicht möglich: Das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt verweigert eine Aussagegenehmigung. Irritierend findet Falk, dass er als Privatperson und nicht der OLG-Senat herausgefunden hat, wie "Murat Cem" in Wirklichkeit heißt und wo er bis vor der Enttarnung wohnte. Doch trotz dieser nun vorliegenden Informationen sind die jüngsten Versuche der Richter, den Ex-V-Mann für eine Vernehmung auf den Zeugenstuhl zu holen, ins Leere gelaufen.

Tatsächlich ist das eine Schwachstelle des Prozesses in Celle: Statt unmittelbar die Quelle, also "Murat Cem", zu hören, wurden statt seiner Person drei Polizeibeamte vernommen. Das ist durchaus üblich, aber ein Makel für Deutschlands relevantesten Terrorprozess, der vor allem auf Indizien und Zeugenaussagen fußt.

Über dieses Thema berichtete NDR 1 Niedersachsen Aktuell am 16. September 2020 um 08:00 Uhr.

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