Pakete mit Amazonlogo liegen auf einem Wagen. | dpa
Exklusiv

Trotz Neuregelung Amazon entsorgt weiterhin Neuwaren

Stand: 20.05.2021 06:00 Uhr

Amazon vernichtet weiterhin systematisch Neuwaren. Das zeigen Recherchen von Panorama und der "Zeit". Eine gesetzliche Neuregelung sollte dies eigentlich verhindern, doch es fehlt an entsprechenden Verordnungen.

Von Sebastian Friedrich, Johannes Jolmes, NDR und Hannah Knuth, Die Zeit

In einer riesigen Lagerhalle stehen zwei Meter hohe Kisten, gefüllt mit Spielwaren, T-Shirts, Büchern, Kalendern und Elektro-Artikeln. Alles Neuwaren, doch sie werden in dieser Abteilung für die Vernichtung vorbereitet. An einigen der acht Arbeitsplätze, die als "Destroy-Stationen" gekennzeichnet sind, entfernen Beschäftigte die Verpackungen der Waren und sortieren die noch gebrauchsfähige Ware nach den Kriterien der Mülltrennung, bevor sie in den Müllkartons landet.

Diese "Destroy-Stationen" befinden sich in den Hallen des Amazon-Logistikzentrums im niedersächsischen Winsen (Luhe). Das belegen unter anderem Aufnahmen, die Panorama und der Wochenzeitung "Die Zeit" vorliegen. Greenpeace hatte einen Rechercheur in das Logistiklager eingeschleust. Er hatte dort im Auftrag der Umweltorganisation mehrere Wochen gearbeitet und heimlich Bildaufnahmen gemacht. Im Vorfeld hatte Greenpeace Hinweise bekommen, Amazon plane eine Umgehung gesetzlicher Bestimmungen. Panorama und "Zeit" haben die Greenpeace-Recherchen anhand eigener Quellen überprüft.

Entsorgung statt hoher Lagergebühren

Die Aufnahmen und Aussagen dokumentieren eine offenbar fest in den Produktionsablauf des Winsener Zentrums integrierte Abteilung mit acht Arbeitsplätzen, an denen regelmäßig Neuware entsorgt wird. Allein aus diesem Lager soll mehrmals im Monat Neuware abgeholt und zu einem Entsorgungsunternehmen gebracht werden, das sie dann verbrennt oder zu Putzlappen verarbeitet.

Vernichtet wird nach Informationen von Panorama und "Zeit" in Winsen vor allem nicht verkaufte Ware von Dritthändlern, die ihre Ware über Amazon vertreiben. Der Online-Händler bietet ihnen unter anderem die Entsorgung an, wenn etwa ihre in dem Logistik-Zentrum gelagerte Ware über einen bestimmten Zeitraum hinweg nicht verkauft wurde. Das bestätigt Christian Pietsch gegenüber Panorama und "Zeit", dessen Unternehmen über Amazon Lederwaren anbietet.

Man müsse die Artikel bei Amazon binnen einer gewissen Zeit verkaufen, weil sonst hohe Langzeitlagergebühren anfielen. Eine verfügbare Preisliste von Amazon für Dritthändler, "gültig ab April 2021", belegt das. Darin heißt es: "Die Langzeitlagergebühr wird nicht berechnet, wenn vor der Erhebung der Gebühr eine Entfernung oder Entsorgung der Einheiten angefordert wurde." Der Preisliste ist auch zu entnehmen: Amazon erhebt für die Entsorgung eine Gebühr.

Amazon räumt Vernichtung von Neuware ein

Amazon bestreitet die Vernichtung von Neuware nicht. Man arbeite aber daran, möglichst gar keine Produkte zu deponieren. "Nur wenn wir keine andere Möglichkeit mehr haben, geben wir Artikel zum Recycling oder zur Energierückgewinnung - oder als allerletzte Option - zur Deponierung." Es handele sich dabei um wenige Produkte, die Zahl befände sich im "Promillebereich". Wie viele Tonnen Neuware das übersetzt bedeutet, verrät der Konzern nicht. 

Amazon steht wegen der Entsorgung von Neu- oder Retourwaren nicht zum ersten Mal in der Kritik. Nach einer Reihe von Medienberichten - unter anderem vom NDR im Dezember 2019 - kündigte Bundesumweltministerin Svenja Schulze im Februar 2020 eine Novelle des Kreislaufwirtschaftsgesetzes an, mit der die Unternehmen stärker in die Verantwortung genommen werden sollten. Man wisse, dass neuwertige Ware vernichtet wird. "Das ist etwas, dem ich jetzt endlich einen Riegel vorschieben will", so Schulze damals.

Gesetz wird nicht umgesetzt

Eine sogenannte "Obhutspflicht" sollte Abhilfe schaffen, damit bei den Unternehmen neuwertige Produkte nicht einfach im Müll landen. Mit dieser Regelung sei zum ersten Mal eine gesetzliche Grundlage geschaffen worden, um die Vernichtung neuwertiger Waren zurückzudrängen, so Schulze damals. Das Gesetz gilt seit 2020, aber es wird bislang mangels notwendiger Verordnungen nicht umgesetzt. An denen werde bereits gearbeitet, so Schulze vor mehr als 15 Monaten.

Bisher kam es aber zu keiner einzigen Verordnung. Das Bundesumweltministerium verweist darauf, man betrete mit der gesetzlichen Obhutspflicht juristisches Neuland. Vor konkreten Rechtsverordnungen müsse man wissen, wie viele Waren überhaupt vernichtet werden. "Denn nur mit diesen Daten können wir Schlupflöcher vermeiden und sicherstellen, dass keiner den neuen Regeln ausweichen kann. Die Pflicht für Unternehmen zur Transparenz ist also der nächste logische Schritt", so ein Sprecher des Bundesumweltministeriums gegenüber Panorama und "Zeit".

Auf Anfrage macht das Umweltministerium erstmals deutlich, bei welchen Händlern es das Problem sieht: "Die Verordnung soll weniger auf kleine, mittelständische Händler abzielen als auf große Unternehmen, bei denen Überproduktion und Warenvernichtung oft Teil des Geschäftsmodells ist."

Konkrete Verordnung ist nicht in Sicht

Ob überhaupt irgendwann konkrete Verordnungen zur Obhutspflicht verabschiedet werden, ist ungewiss. Vertreter verschiedener Händlerverbände, die mit dem Umweltministerium wegen der Obhutspflicht im Austausch sind, gehen nicht davon aus, dass in dieser Legislaturperiode noch eine Verordnung in Kraft treten werde. Mehrere Treffen zwischen dem Ministerium, den Verbänden und den Unternehmen haben bislang nicht einmal zu einem Entwurf einer Verordnung geführt.

Selbst das Bundesumweltministerium hält es für sehr unwahrscheinlich, dass noch in dieser Legislaturperiode eine entsprechende Transparenz-Verordnung auf den Weg gebracht wird.