Aus Deutschland abgeschobene afghanische Flüchtlinge nach ihrer Ankunft in Kabul | Bildquelle: dpa

Abgeschobene Afghanen Statt Perspektiven droht Gewalt

Stand: 09.10.2019 21:16 Uhr

Deutschland schiebt weiter nach Afghanistan ab. Doch dort droht den meisten Betroffenen Gewalt, Verfolgung und Ausgrenzung. Das Auswärtige Amt sieht die Regierung in Kabul in der Pflicht.

Von Gabor Halasz, NDR

Es bekommt kaum noch jemand mit, die Schlagzeilen sind kleiner geworden. Seit Ende 2016 fliegt fast jeden Monat ein Abschiebeflieger von Deutschland nach Kabul. Am Mittwoch landete der achtundzwanzigste. An Bord waren 44 Afghanen. Unter ihnen waren laut Bundesinnenministerium 28 verurteilte Straftäter.

Meist verliert sich die Spur der Abgeschobenen schnell und sie werden in Deutschland vergessen. Eine Studie der Sozialwissenschaftlerin Friederike Stahlmann vom Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung zeichnet den Weg nach. Das zentrale Ergebnis ist, "dass Gewalt gegen Abgeschobene oder ihre Familien aufgrund deren Rückkehr nicht nur zu erwarten ist, sondern in kürzester Zeit auch eintritt."

Stahlmann konnte etwa zehn Prozent der bis April 2019 abgeschobenen Afghanen befragen. Im Gespräch mit dem NDR sagt Stahlmann, sie sei erschrocken wie hoch die Zahl derer sei, die von Gewalt betroffen sind. Laut Studie sind es mehr als 90 Prozent der Befragten, die länger als zwei Monate im Land blieben. Stahlmann ergänzt: "Die Abgeschobenen sind nicht nur den allgemeinen Risiken im Land ausgesetzt, sondern es spielt auch eine Rolle, dass sie abgeschoben wurden."

Zusammenarbeit mit dem Feind

Im Land gelten sie als verwestlicht oder ihnen wird vorgeworfen, mit dem Feind zusammengearbeitet zu haben. Die Studie berichtet von einem Fall, in dem ein Abgeschobener schon nach einer Woche von den Taliban gefangen genommen und drei Tage misshandelt wurde.

Zwei Männer wurden auf der Fahrt in ihre Heimatprovinzen von den Taliban festgenommen und misshandelt, weil sie laut Studie unter dem Verdacht standen für die Ungläubigen gearbeitet zu haben. "In beiden Fällen war das Verdachtsmerkmal der fehlende Bart", erklärt Stahlmann. In drei Fällen wurden Abgeschobene bei Anschlägen so schwer verletzt, dass sie im Krankenhaus behandelt werden mussten.

Das Auswärtige Amt spricht von einer sehr volatilen Sicherheitslage in Afghanistan. Pauschale Aussagen über die Gefährdungen Einzelner ließen sich nicht treffen. Ein Sprecher erklärte, die Bundesregierung setze sich intensiv für eine generelle Gewaltreduktion in Afghanistan ein. In Afghanistan selbst könnten nur die afghanische Regierung, die afghanischen Sicherheitsbehörden und die afghanische Justiz gegen Gewalt vorgehen. "Diese Institutionen zu stärken ist eines der maßgeblichen Ziele des deutschen Afghanistan-Engagements", sagte er.

Familien verweigern den Kontakt

Die Studie kommt zu dem Schluss: "Um der Verfolgung durch die Taliban zu unterliegen, genügt die Tatsache, in Europa gewesen zu sein." Wer sein Leben mehrfach auf der Flucht riskiere, um dann bei den "ungläubigen Besatzern" um Schutz zu bitten, sei aus Sicht der Taliban offensichtlich auf die andere Seite übergelaufen.

Vermeintlich unislamisches Verhalten kann ein Grund für Verfolgung sein. Ein Abgeschobener hatte in Deutschland beim Frühjahrsputz in einer Kirche mitgeholfen. Ein Artikel darüber war bei Facebook verlinkt worden. Andere Rückkehrer haben in Deutschland eine Freundin gehabt oder sogar eine Familie gegründet. Hochzeiten wurden nicht von den afghanischen Familien autorisiert.

Oft, so berichtet die Studie, sind die Abgeschobenen auf sich allein gestellt. Die Familien verweigerten teilweise den Kontakt oder waren nicht bereit, finanziell zu helfen. So warfen einige Familien Betroffenen vor, dass sie die Abschiebung durch Straftaten in Deutschland fahrlässig verschuldet und damit auch die humanitäre Sicherung der Familien verspielt hätten.

Keine berufliche Zukunft

"Wer sich als Abgeschobener outen muss, begibt sich in Gefahr", erzählt Stahlmann. Dadurch werde dann in der Konsequenz auch eine Existenzgründung unmöglich gemacht, für die es laut Studie kein erfolgreiches Beispiel gibt.

Ein Befragter wurde misshandelt statt bezahlt. Ein anderer Mann kündigte seinen Job als Ingenieur, nachdem Taliban auf das Büro seines Arbeitgebers einen Anschlag verübt hatten. Ein weiterer Abgeschobener fand Arbeit als Kfz-Mechaniker bei Verwandten. Doch der Familie wurde die Gefahr durch die Anwesenheit des Rückkehres zu groß. Sie entschieden, dass er sich verstecken und das Land wieder verlassen soll.

Die meisten der Befragten leben immer noch von Hilfen aus dem Ausland, zum Beispiel von privaten Unterstützern aus Deutschland. Nur einer der 51 Befragten gab an, in Afghanistan bleiben zu wollen. Nur noch etwa die Hälfte ist überhaupt im Land. Viele hoffen auf eine Rückkehr nach Deutschland. Zu den Gründen zählen Eheschließungen, Kinder oder das Angebot, eine Lehre zu machen. Drei Männer konnten bereits wieder per Visum nach Deutschland einreisen. 22 weitere sind geflohen, zum Beispiel nach Iran, Pakistan, die Türkei, Griechenland und Österreich.

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