Der Schriftzug "Wirecard" prangt am Firmensitz des Zahlungsdienstleisters in Aschheim bei München. | dpa
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Wirecard Ein "Honigtopf" für Ehemalige

Stand: 29.01.2021 16:31 Uhr

Tausende Mails aus der Wirecard-Führungsebene enthüllen brisante Details aus dem Inneren des insolventen Zahlungsdienstleisters. WDR, NDR und SZ haben mehr als 200 Gigabyte Mails und weitere Dokumente ausgewertet.

Von M. Grill, A. Kammerer, L. Kampf, R. Pinkert, S. Pittelkow, K. Riedel und N. Wischmeyer, WDR/NDR

Hunderttausende Mails bieten den bisher tiefsten Blick in das Herz jenes Konzerns, hinter dessen Türen sich einer der größten Wirtschaftsskandale der deutschen Geschichte abgespielt hat - Wirecard. Die Daten wurden Reportern von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" zugespielt. Sie fanden Spuren zu russischen Oligarchen, Unterlagen zu Konten und Kreditkarten für Ermittlungen des Bundeskriminalamtes, mit dem diese mutmaßliche Kriminelle überführen wollten, sowie dubiose Geldflüsse.  

Markus Grill
Lena Kampf
Sebastian Pittelkow
Katja Riedel

Nicht zuletzt enthüllen die Wirecard-Mails die Arbeit einer Vielzahl hochbezahlter Berater. Sie trugen dazu bei, dass sich der Konzern über Jahre hinweg als Opfer von Leerverkäufern und einer orchestrierten Kampagne darstellen konnte. Allein 2019 veranschlagte Wirecard mehr als 40 Millionen Euro für diese wirtschaftlichen, juristischen und politischen Berater. Ein Dokument von Ende Juni 2020 zeigt alle bewilligten Ausgaben des Konzerns für das Geschäftsjahr 2019, von gut 15.000 Euro für eine Aufsichtsratstagung im österreichischen Luxus-Spa bis hin zu 20.000 Euro, die an den CDU- Wirtschaftsrat überwiesen wurden - als Mitgliedsbeitrag.

Marsalek im Mittelpunkt eines Geldkarussells

Die Unterlagen liefern auch einen Einblick in den "Freundeskreis" um den flüchtigen Wirecard-Vorstand Jan Marsalek, der mutmaßlich von Krediten und Bürgschaften mithilfe der hauseigenen Wirecard-Bank profitiert hat. Marsalek soll diese Geschäfte federführend eingefädelt haben. So stellen es jedenfalls zwei vertrauliche Prüfberichte heraus, die darauf hindeuten, dass vor allem Marsalek mit Partnerfirmen und langjährigen Geschäftsfreunden eine Art Geldkarussell organisiert hatte.

Einer der geheimen Berichte stammt von der hauseigenen Revision der Bank. Das Manager-Magazin hatte zuerst über ihn berichtet. Der andere Bericht vom September 2020 stammt von einer Kanzlei. Darin sollen sich auch bereits bestehende Vorwürfe gegen die Bankenaufsicht (Bafin) verdichten. Sie hätte demnach früher mitbekommen müssen, dass offenbar über Jahre hinweg fragwürdige Kredite und Bürgschaften vergeben worden waren.

Marsalek und weitere Verdächtige sollen die Wirecard-Bank gezielt instrumentalisiert haben, um mutmaßlich Geld aus dem Konzern zu schleusen und die Umsätze auf Gruppenebene zu schönen. Geld aus Darlehen der Wirecard-Bank ist dabei mutmaßlich wieder zurück in andere Konzerngesellschaften geflossen. Die Bafin erklärte dazu, die Wirecard-Bank sei mit dem Wissen von damals ordnungsgemäß beaufsichtigt und geprüft worden. Aus jetziger Sicht stelle sich natürlich vieles anders dar. Derzeit werde der Aufsichtsansatz in der Bankenaufsicht und die organisatorische Aufstellung der BaFin überprüft.

Ehemalige als Berater

Das Kontaktnetzwerk der Wirecard-Manager spannt einen weiten Bogen zwischen Kunden, die unter Geldwäscheverdacht stehen und wirtschaftlichen und politischen Eliten, die sie selbst oder ihre Berater zum Wohle Wirecards "laufen" ließen. Die Wirecard-Welt spielt in edlen Hotels am Tegernsee, in Berlin, auf den Seychellen oder Mauritius und zeigt, wie die Manager Teil eines Wirtschafts-Jetsets waren, die auf Yachten, in Flugzeugsesseln und Hotel-Lobbys internationale Geschäfte anbahnten, abschlossen und offenbar leichthändig Millionensummen freigaben.

Wirecard war auch ein Honigtopf für viele Berater. Vor allem viele Ehemalige: Ein Ex-Geheimdienstkoordinator stand offenbar auf der Payroll von Wirecard, zudem mit Karl-Theodor zu Guttenberg ein Ex-Bundesminister sowie ein Ex-Polizeichef aus Bayern. Über eine PR-Agentur wurde mit Kai Diekmann auch ein ehemaliger "Bild"-Chefredakteur für Wirecard tätig. Sie alle nutzten ihre lebenslang geknüpften, auch politischen Kontakte für Wirecard.

Offenbar glaubten viele bereitwillig das Narrativ von Wirecard als Opfer übler Machenschaften von Leerverkäufern und Verleumdungen unseriöser Journalisten. Dies jedenfalls geht aus zahlreichen E-Mails hervor, die WDR, NDR und "SZ" vorliegen. Tatsächlich überdeckte dieses Narrativ bis zum vergangenen Juni den Milliardenbetrug bei dem Zahlungsdienstleister, von dem so viele Strippenzieher und Berater über Jahre hinweg mit Gagen zum Teil in Millionenhöhe profitiert hatten.

Guttenberg und Diekmann beteiligt

Auch Karl-Theodor zu Guttenberg half Wirecard mit seiner Firma Spitzberg Partners vier Jahre lang. Selbst Kanzlerin Angela Merkel teilte er bei einem Treffen im Kanzleramt mit, dass der Dax-Konzern aus Aschheim den Markteintritt in China plane, was das Kanzleramt und die Botschaft in Peking durchaus wohlwollend unterstützten. Der Ex-Verteidigungsminister hatte sich über Jahre bei seinen Kontakten für Wirecard verwendet.

Über seine Beratung hatte Guttenberg bereits Mitte Dezember vor dem Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestages ausgesagt. Auf die Frage eines Abgeordneten, ob er sich mit Kai Diekmann über Wirecard ausgetauscht habe, sagte er, er könne sich nicht erinnern. Er wisse es nicht, könne es nicht ausschließen, könne durchaus sein. "Ich weiß es nicht."

Tatsächlich legen Mails und Terminpläne aber nahe, dass die beiden an mindestens einer Besprechung gemeinsam teilnahmen, Mitte Januar 2020. Ex-"Bild"-Chef Diekmann hatte im Zusammenhang mit der Wirecard-Leerverkaufsverbots-Initiative offenbar auch zwei Staatssekretäre im Wirtschafts- und Finanzministerium. Wirecard-Chef Markus Braun bot Diekmann nach einer ersten Besprechung per Mail noch einmal ausdrücklich seine Hilfe an: Der Austausch habe ihm großen Spaß gemacht.

Kommunikation über Telegram

So tief der Einblick in die Wirecard-Welt ist, so unvollständig bleibt er: Neben dem üblichen Mailverkehr schuf sich das Unternehmen einen verschlüsselten Kommunikationskanal. Dabei griff man auf den von einem Russen gegründeten Messengerdienst Telegram zurück, von dem WDR, NDR und "SZ" auch Nachrichten vorliegen.

Offenbar war die App gar auf den Firmenhandys vorinstalliert. Bei brisanteren Themen wechselte man Mails zufolge auf den Messengerdienst. So nutzten Marsalek und eine enge Vertraute den Kanal offenbar auch, um über die heiklen Kreditvergaben zu sprechen. Kurz vor Marsaleks Flucht, als sich die Schlinge immer mehr zuzog und Ermittler mehrerer Wirtschaftsprüfer verschwundene Milliarden auf den Philippinen und einen Riesenbluff zutage geführt hatten, vertröstete Marsalek via Telegram eine enge Vertraute: Wie immer sei alles nicht so einfach. Die Navy Seals, eine Spezialeinheit der US-Marine, würden schließlich auch sagen, dass der einzig einfache Tag gestern war.

Mehr zum Thema auch in der Sendung Monitor um 21:55 im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das Erste in der Sendung "Monitor" am 28. Januar 2021 um 21:55 Uhr.