Am Bürogebäude des Wirtschaftsprüfers in Berlin hängt das Logo "EY"  | HAYOUNG JEON/EPA-EFE/Shutterstoc
Exklusiv

Wirecard-Skandal Folgen für die Prüfer 

Stand: 03.12.2020 09:12 Uhr

Hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY im Fall Wirecard versagt?  Die zuständige Aufsichtsstelle erhebt in einer Strafanzeige schwere Vorwürfe gegen drei Abschlussprüfer.

Von Lena Kampf, WDR, und Reiko Pinkert, NDR

Die Abschlussprüferaufsichtsstelle (APAS) hat mehrere namentlich benannte EY-Prüfer von Wirecard Ende September bei der Generalstaatsanwaltschaft Berlin angezeigt. Der Vorwurf: Die langjährigen Abschlussprüfer des inzwischen insolventen Dax-Konzerns könnten in den Jahren 2016 bis 2020 gegen ihre berufsrechtlichen Pflichten verstoßen haben. Möglicherweise seien "Straftaten im Zusammenhang mit der Berufsausübung" begangen worden, heißt es in dem 28-seitigen Schreiben das WDR, NDR und SZ vorliegt. 

Lena Kampf

In drei Fällen hätten die Wirtschaftsprüfer womöglich in ihren Prüfungsberichten "unrichtig berichtet" und entdeckte Unregelmäßigkeiten verschwiegen. In einem Fall hätten sie etwa die Staatsanwaltschaft nicht informiert, obwohl sie nach Ansicht der APAS dazu verpflichtet gewesen seien. Bei der Konzernbilanz für das Jahr 2017 vermutet die APAS sogar einen Bestätigungsvermerk, der "inhaltlich unrichtig" gewesen sein könnte.

Möglicherweise hätten die Prüfer mehrfach gegen Paragraf 332 Handelsgesetzbuch verstoßen, indem bei den öffentlichen Testaten der besagten Wirecard-Bilanzen "erhebliche Umstände" verschwiegen worden seien. So etwas könnte mit bis zu drei Jahren Gefängnis oder Geldstrafen geahndet werden.

EY bestätigte bis 2018 alle Abschlüsse

Die Wirtschaftsprüfergesellschaft EY war mehr als zehn Jahre Hausprüfer von Wirecard, einem zuletzt im Dax notierten Zahlungsdienstleister. Die Jahresabschlüsse wurden von den Prüfern bis einschließlich 2018 stets uneingeschränkt bestätigt. Erst für das Jahr 2019 verweigerte EY das Testat, da sich Ungereimtheiten in Bezug auf Treuhänderkonten in Asien mehrten. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt inzwischen wegen "gewerbsmäßigen Bandenbetrugs" in Höhe von 3,2 Milliarden Euro gegen mehrere Ex-Manager der Firma.

EY erklärte schon vor Monaten, man habe sich nichts zuschulden kommen lassen, sondern sei mutmaßlichen Betrügern aufgesessen. Die Wirtschaftsprüfgesellschaft will "schnellstmöglichst" im Untersuchungsausschuss des Bundestags aussagen, sofern der Bundesgerichtshof (BGH) in einem dort anhängigen Verfahren den Weg dazu frei macht. Vom BGH erhofft sich EY Rechtssicherheit, was die Entbindung von der Schweigepflicht anbelangt. Die Prüfgesellschaft will dem Untersuchungsausschuss auch umfassendes Aktenmaterial vorlegen.

Im Bundestag soll auch die APAS aussagen. Die APAS ist beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle angesiedelt und seit Mitte 2016 für die Aufsicht über Wirtschaftsprüfer großer Unternehmen zuständig. Im Zusammenhang mit Wirecard leitete die Stelle bereits Anfang Juni eine Sonderuntersuchung der Arbeit von EY ein.

Wussten die Prüfer früher Bescheid?

Dabei monierten die Aufseher, dass EY früher über dubiose Vorgänge bei Wirecard informiert gewesen sein könnte als bisher bekannt. Bei der Prüfung der Wirecard-Bilanzen der Jahre 2015 bis 2017 durch EY glaubt die APAS, schwere Fehler gefunden zu haben. So seien Vorwürfe aus dem Jahr 2016 nicht adäquat untersucht worden und fänden sich auch nicht in den Prüfberichten. Es ging um den Vorwurf, Wirecard wickele heimlich und getarnt Zahlungen für Online-Casinos in den USA ab und umgehe so die dortigen Glücksspiel-Verbote.

Der Wirecard-Vorstand soll das nach angeblich umfassenden Untersuchungen alles zurückgewiesen haben. Der damalige Finanzvorstand soll aber zugegeben haben, dass man "nicht in die tiefsten Löcher" gebohrt habe und dass es nichts Schriftliches über die eigene Untersuchung gebe.

EY wiederum soll sich "überzeugt" gegeben haben, dass die Vorwürfe durch den Wirecard-Vorstand verfolgt und beurteilt worden seien. Dem entgegen steht die Schilderung der APAS, EY habe selbst eingeräumt, keine "umfassende forensische Sonderprüfung" durchgeführt zu haben - offenbar in Absprache mit der Wirecard-Geschäftsführung. So steht es zumindest in der APAS-Strafanzeige.

Fragwürdige Übernahme nicht erwähnt

Die APAS thematisiert auch den Umgang der Prüfer mit einer fragwürdigen Übernahme in Indien. Ende 2015 hatte Wirecard eine indische Unternehmensgruppe von einem Fonds auf Mauritius erworben, der die Gruppe nur wenige Monate zuvor für etwa ein Zehntel des Preises übernommen hatte. Vorwürfe eines Whistleblowers, Wirecard-Manager hätten sich dabei womöglich bereichert, untersuchte EY 2017 und 2018 nach Ansicht der APAS unzureichend und habe sie nicht angemessen in Prüfberichten ausgeführt. 

Die Anzeige sei allerdings, so schreibt es die APAS selbst,  eine "vorläufige Bewertung erster Ermittlungsergebnisse". Es sei "noch keine abschließende Auswertung aller Unterlagen" erfolgt. Wie EY bei der Prüfung der Wirecard-Bilanzen 2018 und 2019 vorgegangen sei, werde noch untersucht.

EY nimmt Anzeige "zur Kenntnis"

"Wir nehmen die Anschuldigungen zur Kenntnis", sagte ein Sprecher von EY gegenüber WDR, NDR und SZ und verwies darüber hinaus auf die Verschwiegenheitspflichten der Prüfer. Er kritisierte jedoch die APAS in einer Stellungnahme. Diese habe nach nur sechs Arbeitstagen ihre Erkenntnisse an die Generalstaatsanwaltschaft Berlin übermittelt. "Nach unserer Auffassung haben wir in diesem Sachverhalt bisher kein ausreichendes rechtliches Gehör erhalten und unsere umfangreichen Unterlagen sind nicht ausreichend gewürdigt worden", so der EY-Sprecher. 

Die APAS äußerte sich unter Verweis auf Verschwiegenheitspflichten nicht. Die Berliner Generalstaatsanwaltschaft hat die 28-seitige Strafanzeige an die für Wirecard zuständige Staatsanwaltschaft München I weitergereicht. Die hatte bislang keinen Anlass gesehen, gegen EY-Prüfer zu ermitteln und prüft nun die APAS-Anzeige.