Markus Braun ist als Vorstandsvorsitzender von Wirecard zurückgetreten. | dpa
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Wirecard Mailwechsel belastet Ex-Chef Braun

Stand: 18.01.2021 18:00 Uhr

Hat sich Ex-Wirecard-Chef Braun der Marktmanipulation schuldig gemacht? Ein Mailwechsel über eine Mitteilung an die Märkte, der WDR, NDR und SZ vorliegt, belastet ihn.

Von Lena Kampf und Reiko Pinkert, WDR/NDR

Die Ergebnisse der Sonderuntersuchung standen kurz bevor und sie sollten am Ende fatal sein für den Wirecard-Konzern. Wirtschaftsprüfer von KPMG hatten im Auftrag des Aufsichtsrats monatelang die Bilanzen des Finanzdienstleisters aus Aschheim bei München wegen Manipulationvorwürfen geprüft - und waren zu dem Schluss gekommen, dass diverse Sachverhalte aufgrund von Prüfhemmnissen nicht aufklärbar seien.

Lena Kampf

Nicht nur das: Die Sonderprüfer sahen sich sogar außerstande, ausgewiesene Umsätze zu finden und deren Existenz zu bestätigen. Zum Teil ging es dabei um Zahlungen von mindestens einer Milliarde Euro. Die Veröffentlichung des KPMG-Sondergutachtens Ende April 2020 sollte der Anfang vom Ende des Wirecard-Konzerns werden. Danach brach der Aktienkurs ein. Später weigerten sich die Hausprüfer von EY, den Jahresabschluss zu testieren. Alles flog im Juni 2020 endgültig auf, als der Dax-Konzern ungeklärte Buchungen von 1,9 Milliarden Euro einräumen musste.

Anleger vorsätzlich getäuscht?

Dennoch versuchte der damalige Vorstandschef Markus Braun offenbar noch wenige Tage vor Veröffentlichung des Gutachtens, den Konzern öffentlich zu entlasten - trotz eingehender Warnungen von KPMG.

Braun, der nach Recherchen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" mindestens seit dem 17. April 2020 über die Ergebnisse der KPMG-Prüfung informiert gewesen sein soll, tauschte dazu bemerkenswerte E-Mails mit den Prüfern aus. Sie werfen die Frage auf, ob Braun Aktionäre und die Öffentlichkeit vorsätzlich getäuscht hat.

So plante er am 20. April 2020 noch die Veröffentlichung einer sogenannten Ad-hoc Mitteilung - einer Pflichtmitteilung über Insiderinformationen. Anstatt wahrheitsgemäß über die für Wirecard nicht entlastenden Ergebnisse zu unterrichten, sollte die Mitteilung den Titel "Untersuchung liefert bislang keine Belege für Bilanzmanipulation" tragen.

Der interne Mailwechsel zeigt, dass die KPMG-Prüfer Braun vor diesem Schritt warnten. So schrieb der mit der Sache betraute KPMG-Vorstand Sven-Olaf Leitz Braun persönlich an. Was der Konzernchef als Ad-Hoc-Meldung an der Börse zu verbreiten gedenke, entspreche nicht den wahrgenommenen tatsächlichen Gegebenheiten. Es stehe auch nicht im Einklang mit dem, was die KPMG zuvor bei Wirecard schriftlich und mündlich vorgetragen habe, schrieb der Vorstand der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Im Sinne der Sonderuntersuchung sei es vielmehr sachgerecht, bekannt zu geben, dass diverse Sachverhalte aufgrund von "Hemmnissen" nicht hätten ermittelt und beurteilt werden können, so die Ansicht von Sven-Olaf Leitz.

Mitteilung trotz Warnungen veröffentlicht

Doch Braun blieb bei seiner Linie und gab die bekannte Ad-Hoc-Meldung am 22. April 2020 heraus. Darin heißt es, es habe "keine substanziellen Feststellungen gegeben, die für die Jahresabschlüsse im Untersuchungszeitraum zu Korrekturbedarf geführt hätten". Und: "Belege für die öffentlich erhobenen Vorwürfe der Bilanzmanipulation wurden nicht gefunden".

Gegenüber Leitz soll sich Braun damit gerechtfertigt haben, er nehme das vollständig auf seine Kappe. So jedenfalls gab Leitz in einer internen KPMG-Mail ein Telefonat mit Braun wieder, das am 22. April 2020 von 19.37 bis 19.39 Uhr stattgefunden haben soll, kurz vor der Ad-Hoc-Meldung, die um 21.03 Uhr erfolgte.

Vorwurf der Marktmanipulation

Die Dokumente spielen der Münchner Oberstaatsanwältin Hildegard Bäumler-Hösl in die Hände, die seit Juni vergangenen Jahres gegen Braun ermittelt. Seit Juli sitzt Braun in Untersuchungshaft. Er hatte sich selbst gestellt. Einer von insgesamt mehreren Vorwürfen gegen den langjährigen Wirecard-Chef lautet, dieser habe die Aktionäre von Wirecard getäuscht und so den Börsenkurs seines Unternehmens manipuliert. Marktmanipulation, so der juristische Begriff für Täuschungsmanöver an der Börse, kann mit bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft werden. Mit einer Anklage gegen Braun rechnen Beobachter im Laufe des Jahres.

Braun selbst nahm zu den Vorwürfen in mehreren Vernehmungen der Oberstaatsanwältin Stellung, will sich aber auf eine Anfrage von WDR, NDR und SZ bei seinen Verteidigern nicht äußern. Braun hatte bei den Vernehmungen immer wieder ausgesagt, er habe von den mutmaßlichen Machenschaften von Ex-Vorstand Jan Marsalek nichts gewusst und auch keine Straftaten begangen. Von den mehr als 500 Millionen Euro, die bei Wirecard abgeflossen und offenbar in dunklen Kanälen versickert sind, ist bislang auch nichts bei Braun gefunden worden.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 19. November 2020 um 14:30 Uhr.