Soldaten sind am Flughafen Kabul im Einsatz (Archivbild). | dpa
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Afghanistan-Aufarbeitung Diplomat könnte zur Schlüsselfigur werden

Stand: 08.07.2022 12:58 Uhr

In Berlin beginnt ein Untersuchungsausschuss, um aufzuarbeiten, wie im August 2021 die afghanische Hauptstadt Kabul binnen kürzester Zeit an die Taliban fallen konnte. Ein Diplomat könnte zum Schlüsselzeugen werden.

Von Martin Kaul, WDR, Gabor Halasz, Volkmar Kabisch und Christoph Heinzle, NDR

Es wäre verwunderlich, wenn der Afghanistan-Untersuchungsausschuss, der heute im Deutschen Bundestag erstmals zusammenkommt, diesen Mann nicht vorladen würde. Kaum ein deutscher Diplomat kennt Afghanistan so gut wie Markus Potzel. Er war nah dran, als es um die internationalen Verhandlungen zwischen USA und Taliban ging - die am Ende zur blitzartigen Machtübernahme der Islamisten in Afghanistan geführt haben.

Der frühere Sonderbeauftragte der Bundesregierung sollte gerade zum zweiten Mal Botschafter in Afghanistan werden, als die Taliban Mitte August 2021 plötzlich vor den Toren der Hauptstadt standen. 

 

Geheimdienst schätzte Taliban falsch ein

Es war der 13. August, ein Freitag - da meldete der Auslandsgeheimdienst der Bundesregierung in Berlin noch: "Taliban-Führung derzeit kein Interesse an militärischer Einnahme Kabuls" und: "Übernahme Kabuls vor dem 11. September unwahrscheinlich". Wenige Tage später übernahmen die Islamisten den Präsidentenpalast in Kabul. Der afghanische Präsident war geflohen - und Spezialkräfte der Bundeswehr landeten zur größten militärischen Evakuierungsmission im Ausland auf dem Flughafen in Kabul. 

Wie konnte es soweit kommen? Wie gelang den militant-islamistischen Taliban die Machtübernahme so schnell? Und warum war die deutsche Regierung so schlecht darauf vorbereitet? Diese Fragen werden in den kommenden Monaten den Parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Berlin beschäftigen. Dabei wird es auch um die Frage gehen, warum die Bundesregierung afghanische Ortskräfte, die für deutsche Organisationen tätig waren, nicht früher ausflog.

 

Kronzeuge der Diplomatie

Potzel wird dabei ein Schlüssel zum Verständnis sein. Er kann Antworten auf zahlreiche offene Fragen geben. Denn nach Recherchen von WDR und NDR war es Afghanistans Präsident Ashraf Ghani persönlich, der Potzel in einem vertraulichen Gespräch Mitte Juni 2021 sagte, die Bundesregierung solle keine Chartermaschinen für deutsche Ortskräfte senden - zu dem Zeitpunkt ein absolutes Politikum zwischen den Ministerien der Bundesregierung in Berlin.

In der Bundesregierung herrschte ein heftiger Streit. Das Verteidigungsministerium unter Führung von CDU-Politikerin Annegret Kramp-Karrenbauer hatte seit dem Frühjahr 2021 darauf gedrängt, einige afghanische Ortskräfte der Bundeswehr aus Sicherheitsgründen aus Afghanistan auszufliegen, wollte eigens Chartermaschinen nach Masar-i-Scharif senden.

Mitte Juni dann zog die Bundeswehr ab - doch ein Großteil der Ortskräfte, die für deutsche Organisationen tätig waren, blieb zurück. Der Grund: Die afghanische Regierung und das Auswärtige Amt in Deutschland fürchteten eine Massenflucht aus Afghanistan.

"Es drohen erdrutschartige Bewegungen"

Zentral dürfte für den Untersuchungsausschuss dabei ein vertraulicher Diplomatenbericht werden, der am 20. Juni die deutsche Botschaft in Kabul verließ und der WDR und NDR vorliegt. Das Dokument belegt, dass deutsche Diplomaten ebenso wie die afghanische Staatsführung schon Monate vor dem Fall Kabuls im August einen Staatszerfall und eine Massenflucht befürchteten.

Die Botschaft in Kabul warnte in diesen Dokumenten sogar sehr eindringlich vor Chartermaschinen und formulierte: "Es drohen erdrutschartige Bewegungen." Der Grund: "In einer solchen Lage drohen auch sonst eher als marginal erachtete Maßnahmen den berühmten Tropfen zu liefern, der das Fass zum Überlaufen brächte." 

Ein "Kreislauf der Evakuierungsangebote", so die eindringliche Warnung, "zöge vermutlich weiteren öffentlichen Druck und Forderungen in Deutschland nach sich, über das bisherige Verfahren hinausgehende Maßnahmen zu treffen." Die "Wirkung solcher Flüge", warnten die Diplomaten, "würde zudem das wesentliche deutsche Narrativ zum Abzug der NATO-Truppen aus Afghanistan konterkarieren."

 

Persönliche Bitte des Präsidenten

Reporter von WDR und NDR haben auf Basis vertraulicher Dokumente und in Gesprächen mit zahlreichen internationalen Top-Diplomaten den Hergang und die letzten Tage rund um die Machtübernahme der Taliban rekonstruieren können. 

In der Dokumentation "Der Fall von Kabul: Chronik eines Desasters" bestätigt Potzel, der inzwischen als Gesandter der Vereinten Nationen in Kabul tätig ist, auch diese damalige Situation: "Wir hatten tatsächlich die große Befürchtung, dass, wenn wir Charter-Maschinen schicken und massenweise Ortskräfte ausfliegen - für die wir eine Verantwortung haben, keine Frage -, dass dann alle Leute, die irgendwie aus dem Land wollen, zum Flughafen rennen und das Land verlassen wollen." Zwei Monate später kam es dann dennoch soweit.

Taliban wollten Kabul zunächst nicht übernehmen

Potzel schildert auch, dass die Taliban nach ihrem Vorrücken Mitte August die afghanische Hauptstadt zunächst noch gar nicht stürmen wollten und offenbar erst in Rücksprache mit den USA die Stadt übernahmen, nachdem Afghanistans Präsident geflohen war. Geplant war demnach ein Deal, der beinhaltete, dass die afghanische Regierung Mitte August für eine Übergangszeit von weiteren 14 Tagen die Amtsgeschäfte führen sollte, um dann die Macht an die Taliban zu übergeben.

Erst durch die Flucht des afghanischen Präsidenten habe sich eine neue Situation ergeben. "Das führte dann dazu, dass auf einmal ein Vakuum entstand und die US-Amerikaner und die Taliban sich gefragt haben: Ja, was machen wir denn jetzt eigentlich?", so Potzel. "Geht ihr da jetzt rein oder gehen wir da jetzt rein?" Weil die US-Amerikaner allerdings bereits auf dem Weg zum Flughafen gewesen seien, hätten dann die Taliban das Machtvakuum gefüllt.

Auch der von dem ehemaligen US-Präsident Donald Trump eingesetzte Chefverhandler Zalmay Khalilzad, der den US-Truppenabzug vorbereitet und dazu mit den Taliban verhandelt hatte, bestätigte gegenüber WDR und NDR, dass es eigentlich eine Absprache gegeben hatte, wonach Afghanistans Präsident Ghani noch zeitweilig im Amt bleiben sollte, um dann die Macht abzugeben.

Dem Untersuchungsausschuss im Bundestag können Potzels Schilderungen zentrale Einblicke geben. Denn die Parlamentarier sollen nicht nur klären, was während der militärischen Evakuierung Mitte August passierte und warum das Innenministerium und das deutsche Entwicklungsministerium bis zum Ende auf der Bremse standen, sondern auch, warum die USA bei ihren militärischen Abzugsplänen die deutschen Interessen kaum berücksichtigten.

"Der Fall von Kabul - Chronik eines Desasters" ist eine Dokumentation nach Recherchen von NDR und WDR und exklusiv in der ARD-Mediathek abrufbar.