Travis Kalanick, Kai Diekmann und Dieter Zetsche auf einem Podium | picture alliance / dpa
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Uber Files Wie Uber deutsche Medien umwarb

Stand: 11.07.2022 13:00 Uhr

Um in Deutschland besser angenommen zu werden, hoffte Uber auch auf Unterstützung von Medienunternehmen. Der Springer-Konzern bot Hilfe an und investierte in in das Start-up. Vor allem für den damaligen "Bild"-Chef Diekmann interessierte sich Uber.

Von Petra Blum, Andreas Braun, WDR, Catharina Felke und Benedikt Strunz, NDR

Uber hatte es schwer in der ersten Zeit in Deutschland: Die Taxibranche hatte dem amerikanischen Fahrdienstleister den Kampf angesagt, es gab reihenweise Gerichtsurteile, die Uber-Dienste verboten, die Presse und öffentliche Meinung zu Uber war daher nicht die beste. Um das zu ändern, versuchte Uber gezielt, große Medienhäuser auf seine Seite zu ziehen.

Besonders im Blick hatte Uber dabei die "Bild"-Zeitung und ihren damaligen Chefredakteur Kai Diekmann. Man wollte sich am liebsten mit der größten deutschen Boulevardzeitung zusammentun, um den Zutritt zum deutschen Markt zu erleichtern. "Wir brauchen jemanden wie Kai Diekmann, der Türen für uns öffnet", schrieben die Uber-Manager damals. Und in einer anderen E-Mail: "Kai Diekmann ist der beste Weg, auch um zu Merkel zu kommen." Diekmann galt bei Uber als einer der mächtigsten Medienmacher.

Die Uber Files

Die Uber Files bestehen aus mehr als 124.000 vertraulichen Dokumenten, die eine anonyme Quelle dem "Guardian" zugespielt hat. Sie dokumentieren insbesondere die Praktiken und internen Anstrengungen des US-Konzerns im Bereich des Lobbying von 2013 bis 2017, einer Zeit in der Uber aggressiv weltweit expandierte. Koordiniert durch das Internationale Konsortium Investigativer Journalistinnen und Journalisten (ICIJ) und dem "Guardian" hat ein internationales Team von mehr als 180 Journalistinnen und Journalisten die Uber Files in den vergangenen Monaten ausgewertet. An den Recherchen waren unter anderem "Le Monde", die "Washington Post", der "Indian Express", "El Pais" und zahlreichen andere beteiligt. In Deutschland arbeiteten Reporterinnen und Reporter von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" an dem Uber Files.

Einfluss auf Politik, Medien und Wissenschaft

Das alles zeigen nun erstmals Dokumente, die dem "Guardian" zugespielt und mit dem Internationalen Konsortium Investigativer Journalisten (ICIJ) sowie mehr als 40 Medien weltweit geteilt wurden. In Deutschland arbeiteten WDR, NDR und die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) mit den Daten.

Die E-Mails, Chatnachrichten und Dokumente bieten einen Blick hinter die Kulissen von Uber. Sie zeigen, wie man bei den Managern des Fahrdienstleisters über die deutsche Politik oder das etablierte Taxigewerbe dachte, wie man versuchte, einflussreiche Politiker und Wirtschaftsvertreter auf seine Seite zu bringen, um ein positives Image der Marke zu generieren. Denn Uber wollte nichts weniger als das deutsche Personenbeförderungsgesetz in seinem Sinne ändern lassen, um sein Geschäft, das viele Gerichte in Deutschland verboten hatten, legal betreiben zu können.

Axel Springer investierte in Uber

Weil direkte Anfragen bei Politikern oftmals negativ beantwortet wurden, erhoffte sich Uber Hilfe von deutschen Medienunternehmen. Offen für Unterstützungsleistungen zeigte sich laut den Uber Files Axel Springer. Der Konzern beteiligte sich Anfang 2016 mit einem kleinen Investment am US-Unternehmen. "Für uns ist der Wert die Unterstützung und der Einfluss des Verlags in Berlin und Brüssel", hielten Uber-Manager dazu intern fest.

Und: Springer habe darauf verwiesen, dass man das schließlich auch schon für andere Start-ups getan habe - Springer werde Beispiele schicken, wie die Lobbying-Unterstützung aussehe. "Ich denke, Springer an unserer Seite zu haben ist sehr wertvoll, wenn wir in Deutschland vorankommen wollen. Alles was wir tun können, um mit Ihnen zu arbeiten, wäre großartig. Ich denke, sie werden wirklich proaktiv Dinge anpacken, um zu helfen."

Springer-Manager sollten Politikerkontakte vermitteln

E-Mails zeigen auch, wie hilfsbereit Springer-Manager für Uber waren. Sie wollten zum Beispiel dabei helfen, den Uber-Chef Travis Kalanick mit hochrangigen Politikern zusammenzubringen. "Bitte teilen Sie uns mit, welche Politiker Travis in dem Zusammenhang treffen möchte (…)". Man verwies auf die Start-up Konferenz NOAH und den "Welt Summit" - und ließ keinen Zweifel daran, dass das helfen könne, schließlich sei gerade Angela Merkel Gast gewesen.  

Diekmann, Zetsche und Kalanick in einem gelben, offenbar umgebauten Cabrio des DDR-Autotyps Trabant. | imago/IPON

Der damalige "Bild"-Herausgeber Diekmann nahm an einer Uber-Werbeaktion teil. Bild: imago/IPON

Uber nahm das Angebot gerne an - noch heute findet sich im Netz ein Video von der NOAH-Konferenz 2016, bei der der damalige "Bild"-Herausgeber Diekmann einen gelben Trabbi vor die Bühne fährt, auf dem Rücksitz sitzen Travis Kalanick und der frühere Daimler-Chef Dieter Zetsche. Über ein Gespräch zwischen Diekmann und Kalanick auf der Konferenz wurde in Springer-Medien entsprechend ausführlich berichtet, und Uber zumindest war mit der Werbewirkung der Aktion sehr zufrieden. Ein Hinweis, dass Axel Springer zu diesem Zeitpunkt bereits an Uber beteiligt war, findet sich in der Berichterstattung in deutschen Springer-Medien allerdings nicht.

Kritik vom Presserat

Sascha Borowski vom Deutschen Presserat findet solche Angaben zwingend: "Die Vorgaben im Pressekodex sind ziemlich eindeutig. Der sagt ganz klar: Bei Veröffentlichungen, die ein Eigeninteresse des Verlages betreffen, muss dieses erkennbar sein. Dabei geht es um Glaubwürdigkeit: Schon der Anschein, dass eine Beteiligung des Verlages an einem Unternehmen verschwiegen werden könnte, soll verhindert werden."

Axel Springer teilte dazu mit: "Die Organisation der NOAH Konferenz, vor allem das Programm, liegt in den Händen der NOAH-Gründer." Darüber hinaus habe das Investment in Uber von rund 0,01 Prozent mit fünf Millionen US-Dollar weniger als 0,1 Prozent der Investitionen von Axel Springer in Beteiligungen in den vergangenen zehn Jahren betragen. Damit habe es sich um eine für Axel Springer wirtschaftlich unbedeutende Finanzbeteiligung gehandelt.

Das Risiko eines Interessenkonflikts oder ein tatsächlicher Interessenkonflikt sei schon deshalb nicht erkennbar. So wie in anderen vergleichbaren Fällen auch sei aus diesem Grund die Investition nicht aktiv kommuniziert worden, und so erkläre sich auch der Verzicht auf Transparenzhinweise. Im Übrigen habe "Bild" mehrfach auch kritisch über Uber berichtet.

Diekmann sieht keinen Interessenkonflikt

Über Springers Uber-Beteiligung erfuhr die deutsche Öffentlichkeit jedenfalls lange nichts, erst im April 2017 wurde sie bekannt, als Diekmann "Bild" verließ und in ein Beratergremium von Uber wechselte - das "Policy Advisory Board", wie Uber es nennt.

Diekmann ließ mitteilen, er habe dabei geholfen, für Axel Springer bei den relevanten Technologieunternehmen Türen zu öffnen und wichtige Kontakte herzustellen "Es ging darum, den 'Spirit' zu verstehen". Einen Interessenkonflikt zwischen seinen Gesprächen und Treffen mit Tech-Unternehmen wie Uber und seinen Aufgaben bei "Bild" habe es nie gegeben. Die offizielle Beratertätigkeit für Uber als Mitglied im "Policy Advisory Board" habe er erst nach Beendigung der Tätigkeit bei Axel Springer aufgenommen.

Konzern zeigte auch Interesse an ProSiebenSat.1

Nicht nur Verlage wie Springer waren für Uber interessant - die Firma war 2015 in Verhandlungen mit ProSiebenSat.1 eingetreten, um die Sendergruppe zu einem Investment in Uber zu bewegen. ProSiebenSat.1 investierte am Ende nicht - allerdings zeigen die Uber Files, was sich Uber von einem Investor aus der Medienbranche alles versprochen hätte. "Intelligenten Content" und "news placements" wollte man haben.

Auch die damaligen Vorstände von ProSiebenSat.1 sollten mit tatkräftigem Lobbying helfen - Berater von Uber erstellten Power-Point-Folien, in denen sie die einzelnen ProSiebenSat.1 Vorstände nach ihrer "Nützlichkeit" und ihrem Einfluss in Deutschland und in der Politik bewerteten. Vier damalige Vorstände der Sendergruppe seien "nützlich", zu dem Schluss kamen die Uber-Berater damals. Konkret sollten sie hochrangige Treffen mit Politikern arrangieren und Uber in der deutschen Politik bekannter machen.

ProSiebenSat.1 teilte mit, man screene kontinuierlich den Start-up-Markt und führe laufend Gespräche mit Unternehmern. So habe man sich damals auch Uber angeschaut, aber gegen ein Investment entschieden. Alle Redaktionen arbeiteten inhaltlich und journalistisch komplett unabhängig.

Uber weist Vorwürfe zurück - teilweise

Uber teilte zu seinen Medieninvestoren mit, man verfolge bezüglich der Medienarbeit den Ansatz einer professionellen, fairen Zusammenarbeit und respektiere die redaktionelle Unabhängigkeit der Medien. Eine unkritische journalistische Auseinandersetzung von Medien mit Uber könne man bei bestem Willen nicht erkennen. Die Medien von Axel Springer bildeten da keine Ausnahme.

Wie viele Start-ups habe Uber nach Investoren gesucht, die helfen sollten, bestimmte Märkte zu verstehen und das Geschäft auszubauen. In einigen Fällen hätten dazu auch Medienhäuser gehört. Man habe nie erwartet, dass man dadurch eine positive Berichterstattung erhalten würde - stattdessen könne man öffentlich nachvollziehen, dass die genannten Medien viele Male kritisch über Uber berichtet hätten. Uber gibt sich allerdings auch reumütig: "Das Verhalten unseres ehemaligen CEOs und einiger Führungskräfte rund um unseren Markteintritt in Deutschland bleiben unentschuldbar."