Eine Hand hält Bolivar-Geldnoten | EPA
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"Suisse Secrets" Schmutzige Geschäfte

Stand: 21.02.2022 12:35 Uhr

Seit vielen Jahren wird Venezuela von korrupten Geschäftsleuten und Politikern ausgeplündert. Die "Suisse Secrets" zeigen, wie sie dazu offenbar auch die Schweizer Bank Credit Suisse nutzen.

Von Massimo Bognanni, WDR, sowie Lisa-Maria Hagen, Volkmar Kabisch, Elena Kuch, Johannes Jolmes, Antonius Kempmann, Benedikt Strunz, Julia Wacket, NDR

In den "Suisse Secrets"-Daten tauchen mehr als 20 venezolanische Kunden der Credit Suisse Bank auf, die in einen riesigen Korruptions- und Betrugsskandal verwickelt sind. Offenbar hat die Bank Warnsignale missachtet, als sie dubiose Geschäftsleute und Politiker aus Venezuela als Kunden akzeptierte.

Venezuela befindet sich heute inmitten einer humanitären Katastrophe. Mehr als 90 Prozent der Bevölkerung lebt in Armut, das Bruttosozialprodukt ist in den vergangenen Jahren massiv gesunken, in Krankenhäusern, Supermärkten und in Apotheken fehlt es am Nötigsten. Millionen Menschen sind in den vergangenen Jahren vor der drohenden Armut und der wachsenden Perspektivlosigkeit geflohen. Dabei ist das Land eigentlich sehr reich, verfügt es doch über die weltweit größten Erdölvorkommen.

Milliarden aus dem Land abgezogen

Das Land werde systematisch ausgeplündert und sei heute eine Kleptokratie, sagt Lateinamerika-Experte Günther Maihold von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Das sei einer der Gründe für die verheerende Situation heute. "Es gibt eine Logik insbesondere derjenigen, die jetzt an den Hebeln der Macht sitzen, sich da schadlos zu halten und sich für die gesamte Sippschaft zu engagieren".

Schätzungen zufolge sind aus Venezuela in den vergangenen Jahren dutzende Milliarden Dollar illegal abgeflossen, Geld, das eigentlich dringend gebraucht würde. Im Zentrum der Betrugs- und Korruptionswirtschaft steht auch Venezuelas staatlicher Ölkonzern, PDVSA.

Bank akzeptierte verdächtige Kunden

Korrupte Politiker und kriminelle Geschäftemacher nutzen offenbar auch die Credit Suisse Bank, um ihr Geld unerkannt außer Landes zu schaffen. Ausweislich der "Suisse Secrets"-Daten hat die Credit Suisse über Jahre hinweg auch Kunden aus Venezuela akzeptiert, bei denen alle Warnglocken hätten läuten müssen. Zum Beispiel der ehemalige Bodyguard von Ex-Premierminister Hugo Chavez, der spätere Geheimdienstchef Carlos Luis Aguilera Borjas, auf dessen Konto sich zeitweise acht Millionen Schweizer Franken befanden.

Seit 2015 wird gegen ihn in Andorra wegen Korruption ermittelt. Woher das viele Geld auf seinem Konto stammt, wollte Borjas auf Nachfrage von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" (SZ) nicht beantworten. Genau so wenig wie der Unternehmer Roberto Ríncon, der im PDVSA Schmiergeld-Skandal eine entscheidende Rolle gespielt haben soll. Bei der Credit Suisse Bank hatte er sieben Konten auf denen zeitweise 68 Millionen Schweizer Franken lagen. Vier der Konten waren auch noch Monate nach seinem Schuldeingeständnis aktiv.

Ex-Minister unter den Kunden

Das OCCRP und seine Medienpartner konnten insgesamt 25 Bankkonten identifizieren, die mit dem PDVSA-Schmiergeldskandal in Verbindung stehen bzw. gestanden haben. Zeitweise lagen auf diesen Konten deutlich mehr als 200 Millionen Euro. Auch der ehemalige Vize-Energieminister, Nervis Villalobos gehörte demnach zu den Kunden der Bank.

Villalobos, gegen den in vier Ländern Ermittlungen laufen, gilt ebenfalls als eine entscheidende Figur im Schmiergeldskandal um den Ölkonzern. Bei einer internen Prüfung der Bank fiel Villalobos 2008 auch den Credit-Suisse-Mitarbeitern auf, die notierten, dass Villalobos in verschiedene Korruptionsskandale verwickelt gewesen sein soll. Dennoch blieb Villalobos bis ins Jahr 2013 Kunde der Bank mit einem Kontostand von zeitweise 9,5 Millionen Schweizer Franken.

Bank hat Pflicht zur Überprüfung

Nach Schweizer Recht dürfen Banken kein Geld annehmen, von dem angenommen werden muss, dass es aus Verbrechen stammt. Bei der Überprüfung von Kunden müssen sie dabei besondere Risikofaktoren berücksichtigen, zum Beispiel, welche Vermögenswerte ein Kunde einbringt, ob es sich bei ihm um eine politische exponierte Person handelt und natürlich, aus welchem Land der Kunde stammt.

Die Schweizer Compliance-Expertin Monika Roth nennt das Verhalten der Bank "haarsträubend" und "durch nichts zu rechtfertigen": "Das ist ein Totalversagen und führt eigentlich alle Präventionsmaßnahmen gegen Geldwäscherei und Korruption ins Nichts, lässt sie leerlaufen." 

Keine inhaltliche Stellungnahme von Credit Suisse

Auf Nachfrage teilte die Bank schriftlich mit, dass sie zu einzelnen Kundenbeziehungen keine Aussage treffen könne. Grundsätzlich halte sich die Bank an alle Gesetze, zudem lägen die nun aufgeworfenen Fälle in der Vergangenheit. Weiter heißt es in einem Schreiben der Bank: "In den letzten Jahren hat die Bank eine Reihe bedeutender Maßnahmen in Einklang mit Finanzreformen in der Schweiz umgesetzt, einschließlich umfassender Investitionen speziell im Bereich Compliance und zur Bekämpfung von Finanzkriminalität."

Die Credit Suisse ist dabei nicht die einzige Schweizer Bank, die in den vergangenen Jahren hochriskante Geschäfte mit vermögenden Kunden aus Venezuela gemacht hat. Im Zuge US-amerikanischer Ermittlungen hat auch die Schweizer Finanzmarktaufischt Finma in den vergangenen Jahren die Venezuela-Geschäfte mehrerer Schweizer Finanzinstitute untersucht.

Hierbei stellten die Aufseher auch Defizite bei der Credit Suisse fest, woraufhin die Bank mehrere Maßnahmen umsetzte, die zu einer Verbesserung der Geldwäscheprävention führen sollten. Ob die Finma auch die durch die "Suisse Secrets" aufgedeckten Fälle untersucht hat, ist nicht bekannt. 

Suisse Secrets Logo | NDR
Suisse Secrets

Die "Suisse Secrets" bezeichnen einen Datensatz der Schweizer Großbank Credit Suisse mit Informationen zu mehr als 18.000 Konten und mehr als 30.000 Konto-Besitzern. Das Datenleck reicht von den frühen 1940er-Jahren bis weit ins vergangene Jahrzehnt. Insgesamt befinden sich auf den im Datensatz enthaltenen Konten mehr als 100 Milliarden US-Dollar.

Unter dem Deckmantel des Schweizer Bankgeheimnisses bot die Großbank in diesem Zeitraum auch Kriminellen, brutalen Diktatoren und umstrittenen Geheimdienstchefs offenbar einen sicheren Hafen für ihre Vermögen - allen öffentlichen Bekundungen einer "Weißgeldstrategie" zum Trotz.

Der Datensatz wurde der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) von einer anonymen Quelle zugespielt. Die SZ hat die Daten mit mehr als 160 Journalistinnen und Journalisten aus 39 Ländern geteilt. An den Recherchen beteiligt waren unter anderem "The Guardian", "Le Monde" und "Miami Herald". In Deutschland arbeiteten Reporterinnen und Reporter von NDR, WDR und SZ an dem Datensatz.

Koordiniert wurden die "Suisse Secrets" von der SZ sowie dem internationalen Journalisten-Netzwerk OCCRP (Organized Crime and Corruption Reporting Project). Das OCCRP ist eine gemeinnützige Organisation und wird unter anderem durch öffentliche Mittel des US-amerikanischen und des dänischen Außenministeriums sowie durch die EU finanziert.

Der Whistleblower, der die Daten an die Journalisten gegeben hat, teilte in einem Statement unter anderem mit: "Ich glaube, dass das Schweizer Bankgeheimnis unmoralisch ist. Der Vorwand, die finanzielle Privatsphäre zu schützen, ist lediglich ein Feigenblatt, um die schändliche Rolle der Schweizer Banken als Kollaborateure von Steuerhinterziehern zu verschleiern. (…) Diese Situation ermöglicht Korruption und bringt die Entwicklungsländer um dringend benötigte Steuereinnahmen."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 21. Februar 2022 um 12:00 Uhr.