Das Logo der Schweizer Großbank Credit Suisse hängt über dem Eingang zum Firmensitz in Zürich. | dpa
Exklusiv

"Suisse Secrets" Credit Suisse und ihre kriminellen Kunden

Stand: 20.02.2022 18:00 Uhr

Über Jahre hat die Schweizer Bank Credit Suisse auch Kriminelle, umstrittene Staatschefs und korrupte Beamte als Kunden geführt. Das geht aus einem Datenleak hervor, das NDR, WDR und SZ ausgewertet haben.

Von Massimo Bognanni, WDR, sowie Lena Gürtler, Lisa-Maria Hagen, Volkmar Kabisch, Elena Kuch, Johannes Jolmes, Antonius Kempmann, Benedikt Strunz, Julia Wacket, NDR

Die Recherchen bringen die dunkle Vergangenheit der Credit Suisse ans Licht. Eine Vergangenheit, deren Folgen das Geldhaus nun, Jahre später, hart treffen könnte. Von den 1940er-Jahren bis weit in das vergangene Jahrzehnt bot die Großbank auch Kriminellen, korrupten Politikern und umstrittenen Geheimdienstchefs einen sicheren Hafen für ihre Vermögen - allen öffentlichen Bekundungen einer "Weißgeldstrategie" zum Trotz.

Den Datensatz, der all dies in die Öffentlichkeit bringt, hat ein anonymer Hinweisgeber der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) zugespielt. Der Informant versah die Daten mit einem Statement: "Ich glaube, dass das Schweizer Bankgeheimnis unmoralisch ist. (..) Diese Situation ermöglicht Korruption und bringt die Entwicklungsländer um dringend benötigte Steuereinnahmen." Tatsächlich werfen die Daten ein Schlaglicht auf die Eliten zahlreicher Entwicklungsländer, die bei der Credit Suisse offenbar Zuflucht für fragwürdige Vermögen gefunden haben.

Die Recherchen wurden von dem internationalen Journalistennetzwerk Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) und der SZ koordiniert, beteiligt waren unter anderem Journalistinnen und Journalisten von "Le Monde", "The Guardian" und dem "Miami Herald".  

"Das ist ein Totalversagen"

Beim Blick auf die Recherche-Ergebnisse sieht die Schweizer Richterin und Hochschulprofessorin Monika Roth massive Verstöße der Credit Suisse. Dass die Bank auch unter Korruptionsverdacht stehende Ex-Politiker aus Venezuela als Kunden akzeptiert hat, nennt Roth "haarsträubend. Das ist ein Totalversagen und führt eigentlich alle Präventionsmaßnahmen gegen Geldwäscherei und Korruption ins Nichts."

Denn Banken dürfen nach Schweizer Recht keine Gelder, die aus kriminellen Geschäften stammen könnten, annehmen und müssen diesbezügliche Risiken abschätzen. Zudem müssen sie melden, wenn sich bei Kunden der Verdacht ergibt, dass ihr Vermögen aus Straftaten stammen könnte. Auch bei ausländischen Politikerinnen, Politikern und ihren Familien gelten strenge Regeln. Da hier die Gefahr von Korruption besteht, müssen die Banken die Herkunft der Gelder besonders prüfen.

Viele berüchtigte Namen

Die "Suisse Secrets" legen den Verdacht nahe, dass sich die Credit Suisse jahrelang nicht immer an diese Vorgaben gehalten hat. Tatsächlich tauchen in den "Suisse Secrets" umstrittene Staatschefs und ihre Familien auf.

Prominent in den Daten vertreten sind etwa mehrere Familienangehörige von Kasachstans Ex-Präsidenten Nursultan Nasarbajew. Nasarbajews Familie gilt bis heute als überaus mächtig und einflussreich. Und offenbar ist sie auch extrem reich. Ausweislich der Daten hielten zwei Töchter und ein Schwiegersohn Konten des Ex-Präsidenten bei der Credit Suisse Bank, von denen die meisten im Jahr 2012 geschlossen wurden.

Auf mehreren Konten befanden sich zeitweise zweistellige Millionensummen, auf einem Firmenkonto, auf das auch Nasarbajews Schwiegersohn Zugriff hatte, befanden sich sogar Werte in Höhe von mehr als 843 Millionen Schweizer Franken. Auf Nachfrage wollte sich die Präsidentenfamilie nicht zur Herkunft der Gelder äußern. Das ölreiche Kasachstan leidet massiv unter Korruption. Im Januar gingen tausende Demonstranten auf die Straße, auch um gegen die korrupte Elite zu protestieren.

König von Jordanien mit dreistelligem Millionenguthaben

Weiter zählt Abdullah II., König von Jordanien, zu den Credit Suisse-Kunden. Selbst nachdem Medien über sein "Königreich der Korruption" berichtet hatten, durfte er Konten bei der Credit Suisse behalten und ein Neues eröffnen. Höchststand auf einem der Konten: zeitweise 230 Millionen Schweizer Franken. Eines der Konten ist offenbar immer noch aktiv.

Auf Anfrage bestätigte sein Anwalt die Konten und Kontostände. Aber: Die Gelder entstammten privatem Vermögen, etwa Erbschaften. Bei manchen der Konten handele es sich um Investmentkonten. Nichts stamme aus dem jordanischen Staatshaushalt oder sei korrupten Ursprungs. Abdullah II war bereits in anderen Datenlecks durch fragwürdige Investitionen über Briefkastenfirmen aufgefallen.

Jordaniens König Abdullah II. im Mai 2019. | AFP

Jordaniens König Abdullah II. hatte Zeitweise 230 Millionen Schweizer Franken bei der Credit Suisse deponiert. Bild: AFP

Venezolanischer Ex-Politiker bunkerte Millionen

Auch Nervis Villalobos, ehemaliger Vize-Energieminister Venezuelas findet sich in den Daten. Er soll einer der Strippenzieher im Schmiergeldskandal um den staatlichen Ölkonzern PDVSA gewesen sein. Der Mann, der inzwischen in den USA wegen Korruption angeklagt wurde, hatte bis 2013 ein Konto bei der Credit Suisse. Vermögenswerte zwischenzeitlich: 9,5 Millionen Schweizer Franken. Der frühere Spitzenpolitiker mit direkten Verbindungen zu Staatschef Hugo Chavez soll sich derzeit in Spanien aufhalten. Fragen zu seinem Geld in der Schweiz beantwortete er nicht.

Die Schweizer Expertin für Wirtschaftskriminalität, Monika Roth, sieht die Bank in den genannten Fällen in der Pflicht. "Ausländische Minister, Staatschefs, hohe Beamte sind politisch exponierte Personen im Sinne der Geldwäscherei Prävention. Und für diese Geschäftsbeziehungen gelten massiv erhöhte Sorgfaltspflichten, sowohl bei der Aufnahme wie bei der Überwachung."

Credit Suisse sieht sich im Recht

Die Credit Suisse äußerte sich auf Anfrage nicht zu Einzelfällen. In einer schriftlichen Stellungnahme weist sie die Vorwürfe von sich: "Diese Fälle basieren auf unvollständigen, zusammenhangslosen Informationen. Das führt zu einseitigen Erklärungen des Geschäftsverhaltens der Bank." Die Fälle seien meist historisch und die Bank habe auf Missstände gemäß den damals geltenden Richtlinien reagiert. Zudem würde man sich grundsätzlich an alle geltenden Gesetze halten.

Auch Kriminelle erhielten Konten

Nicht nur politisch exponierte Personen fanden in der Schweizer Bank einen sicheren Ort für ihr Geld, sondern auch Kriminelle durften, teils Jahre nach ihrer Verurteilung, noch Vermögen bei der Credit Suisse parken. Etwa Rodoljub R., wegen illegaler Finanz- und Ölgeschäfte verurteilt und beschuldigt im internationalen Kokainhandel eine bedeutende Rolle zu spielen. R. hatte zeitweise 3,4 Millionen Franken bei der Credit Suisse.

Obwohl ein Gericht bereits seine Schuld für erwiesen angesehen hat, eröffnete die Credit Suisse ihm 2005 ein Konto. Dieses und ein weiteres Konto waren bis 2010 offen. Rodoljub R. ließ eine Anfrage unbeantwortet. In den Daten finden sich aber auch Konten mutmaßlicher Geldwäscher, eines Menschenhändlers und eines ehemaligen umstrittenen Chefs des jordanischen Geheimdienstes.   

In die Liste fragwürdiger Kunden reiht sich auch ein früherer Siemens-Manager ein. Der Mann leitete jahrelang das Nigeria-Geschäft des Konzerns und wurde 2008 im Rahmen des Siemens-Schmiergeldskandals wegen Korruption verurteilt. Der Ex-Siemens-Manager hatte bei der Credit Suisse, bzw. einer ihrer Töchterfirmen, insgesamt sechs Schweizer Konten. Eines der Konten wies zeitweise rund 54,5 Millionen Schweizer Franken auf, so steht es in den geleakten Bankdaten. Auf Nachfrage erklärt ein Anwalt des Mannes, sein Mandant verwahre sich "entschieden gegen den Vorwurf, er habe Geld von Siemens gestohlen oder Geld erhalten aufgrund korrupter oder krimineller Verhaltensweisen in Nigeria."

Auf Nachfrage erklärte die Bank, es sei absurd anzunehmen, dass die Credit Suisse illegale Geschäfte tolerieren oder unterstützen würde. Alle Rechercheergebnisse zu den Suisse Secrets werden seit Sonntagabend weltweit veröffentlicht.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 20. Februar 2022 um 19:00 Uhr.