Ein Poster mit dem Porträt von Jamal Khashoggi (Archivbild Oktober 2020) | AFP
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Mord in Istanbul Spionage in Khashoggis Umfeld

Stand: 18.07.2021 18:00 Uhr

Die Ermordung des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi im Herbst 2018 war ein grausames Verbrechen. Recherchen im Rahmen des "Pegasus-Projekts" zeigen, dass vermutlich viele Menschen aus seinem Umfeld gezielt ausgespäht wurden.

Von Christian Baars, Florian Flade und Georg Mascolo, NDR/WDR

Nichts hat dem Ruf der israelischen Firma NSO so sehr geschadet wie der Verdacht, dass ihre Technologie bei der Ausspähung des saudischen Oppositionellen Jamal Khashoggi eine maßgebliche Rolle gespielt hat. Khashoggi war Chefredakteur der wichtigen saudischen Zeitung al-Watan. Zeitweise hatte er die Regierung beraten. Nach dem Aufstieg von Kronprinz Mohammed bin Salman ging er im Herbst 2017 ins Exil in den USA und wurde Kolumnist der "Washington Post".

Zuhause könne er verhaftet werden, fürchtete Khashoggi, so wie andere Kritiker des Königshauses auch. Es kam weit schlimmer. Am 2. Oktober 2018 um 13:15 Uhr betrat der 59-Jährige das saudische Generalkonsulat in Istanbul und wurde ermordet. Die Leiche wurde später vermutlich mit einer Knochensäge zerstückelt und verbrannt. Es war ein monströses Verbrechen.

Die ehemalige Sonderberichterstatterin der UN für "außergerichtliche Hinrichtungen", Agnes Callamard, äußerte den Verdacht, dass Handys von Personen im Khashoggis Umfeld mit dem Spähprogramm "Pegasus" infiziert worden seien, darunter von Jeff Bezos, des Amazon-Gründers und Eigentümers der "Washington Post". Von der NSO kamen entschiedene Dementis. Deren Chef Shalev Hulio erklärte später dem US-Sender CBS, er könne "sehr klar" sagen, dass man "nichts mit diesem schrecklichen Mord zu tun" habe. "Ich kann Ihnen garantieren, dass unsere Technologie nicht bei Jamal Khashoggi oder seinen Angehörigen eingesetzt wurde."

Türkischer Generalsstaatswanwalt auf Ausspähliste

Dieses Dementi war offenbar falsch. Recherchen im Rahmen des "Pegasus-Projekts", an dem in Deutschland NDR, WDR, die "Süddeutsche Zeitung" und "Die Zeit" beteiligt waren, zeigen nun, dass Familienangehörige, Freunde und Kollegen Kashoggis vor und nach der Tat ins Visier genommen wurden. Deren Nummern finden sich in einer Liste von Telefondaten, die NSO-Kunden als mögliche Ausspähziele eingegeben haben. Dort ist auch das Handy des türkischen Chefermittlers, Generalsstaatsanwalt Irfan Fidan, angegeben. Er war mit der Aufklärung des Mordes beauftragt. Die Nummer von Khashoggi selbst taucht dort allerdings nicht auf.

Eine Analyse des Security Lab von Amnesty International ergab, dass das Telefon der Verlobten von Khashoggi, Hatice Cengiz, vier Tage nach der Tat - am 6. Oktober - tatsächlich mit der Software "Pegasus" infiziert wurde. Cengiz hatte Khashoggi zum Konsulat begleitet und stundenlang vor der Tür auf seine Rückkehr gewartet. Khashoggi hatte sich überhaupt nur in die Vertretung gewagt, weil er offizielle Scheidungspapiere benötigte, um Hatice Cengiz heiraten zu können.

An eben diesem 6. Oktober machte der Fall bereits weltweit Schlagzeilen. Der Verdacht, dass ein eigens per Privatjet nach Istanbul gereistes Killerkommando Khashoggi ermordet hatte, stand im Raum. Das saudische Regime versuchte es mit einer PR-Offensive. Der saudische Generalkonsul in Istanbul lud Journalisten zu einem Rundgang durch das Gebäude ein. Er öffnete Aktenschränke und sogar die Holzpaneele der Klimaanlage. Alles in bester Ordnung, so lautete die Botschaft.

Erdogan unterbrach wegen Khashoggi Sitzung

Am 12. Oktober dann berichteten Medien, dass türkische Ermittler Tonaufnahmen des Mordes besäßen - offenbar war das Konsulat verwanzt. Für denselben Tag lassen sich laut Amnesty International zwei Aktivitäten der "Pegasus"-Software auf dem Handy von Khashoggis Verlobten Hatice Cengiz nachweisen. Allem Anschein nach reagierten die Saudis auf die Überwachung ihrer Istanbuler Dependance ihrerseits mit Überwachung. Sie beließen es nicht bei der Verlobten. Unter den Telefonnummern, die Kunden von NSO als mögliche Ziele eingegeben haben, findet sich auch die von Khashoggis Ex-Frau Hanan Elatr Khashoggi. Auf ihrem Handy konnten Spuren von Spähversuchen nachgewiesen werden, und das vor dem Tod ihres Ex-Mannes.

Betroffen von einem Spähangriff war offenbar auch der türkische Politiker Yasin Aktay, ein Berater des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Khashoggi und Aktay waren Freunde. Vorsorglich hatte Hatice Cengiz seine Handynummer in ihr Gerät eingespeichert, falls sie einmal dringend Hilfe brauche. Es war 16:41 Uhr am Tattag, als sie sich bei ihm meldete. Sie stand noch immer vor dem Konsulat und wartete auf ihren Verlobten. Aktay sagt heute, er habe zunächst einen befreundeten saudischen Dissidenten angerufen. Der habe entsetzt reagiert. "Wie oft haben wir ihm gesagt, dass er nicht in das Konsulat gehen soll?", erinnert sich Aktay an dessen Worte. Dann habe ihn der Freund gedrängt. Es bleibe nicht viel Zeit, er müsse jetzt alles für Khashoggi tun, was er könne.

Aktay sagt, er habe den stellvertretenden türkischen Geheimdienstchef angerufen und dann auch in Erdogans Büro. Der Staatspräsident habe eigens eine wichtige Sitzung unterbrochen und den Geheimdienst angewiesen, "alles zu tun, was er kann, um Informationen zu bekommen und ihn wenigstens zu retten". Aber es war zu spät. Kurze Zeit später, so erzählt es Aktay, hätten ihn türkische Geheimdienstbeamte in seinem Büro aufgesucht. "Sie werden überwacht", hätten sie gesagt, sein Handy und sein Computer seien betroffen. Sie rieten ihm, die Geräte auszuwechseln. Auf die Frage, wer dahinterstecke, hätten die Geheimdienstler nur gesagt: "Vom Golf." Zudem hätten die Geheimdienstler zu erkennen gegeben, dass nicht nur er betroffen sei, sondern dass es sich um eine größere Operation handelte, sagt Aktay: "Ich habe damals verstanden, dass mein Telefon nicht das einzige war, das infiziert wurde."

Aktays Nummer findet sich in den Daten, so auch die von vielen anderen Personen aus dem damaligen Umfeld von Kashoggi, zum Beispiel gleich drei Telefonnummern von Wadah Khanfar, dem ehemaligen Chef des Fernsehsenders Al Jazeera. Khashoggi und Khanfar waren befreundet, bis heute setzt er sich für die Aufklärung des Verbrechens ein.

Israels Regierung soll Kooperation mit Saudi-Arabien befürwortet haben

Der Fall Khashoggi weist zwei Besonderheiten auf: So ist bis heute unklar, ob es auch einen Überwachungsangriff auf sein eigenes Handy gegeben hat. "Manche Dinge wurden nie öffentlich gemacht, wie etwa der Inhalt von Jamals Handy und Computer oder, ob darauf Schadsoftware entdeckt wurde", sagt die ehemalige UN-Sonderberichterstatterin Agnes Callamard. Die Frage, ob seine Geräte auch sorgfältig untersucht worden seien, habe sie "immer besorgt".

Zudem legt eine Analyse der NSO-Daten durch Amnesty International nahe, dass die Überwachung einiger Familienmitglieder und Freunde nicht direkt von Saudi-Arabien ausgelöst wurde, sondern von einem engen Verbündeten des Königreichs - den Vereinigten Arabischen Emiraten, die wohl ebenfalls Kunde von NSO sind. Die Daten legen auch nahe, dass es nach dem Mord eine Unterbrechung der Überwachung von Khashoggis Umfeld gab - bis zum Frühjahr 2019, als sie erneut einsetzte. Die "Zeit" zitiert hierzu zwei Quellen aus dem Umfeld der NSO, laut denen die Geschäftsbeziehung zu Saudi-Arabien 2018 gestoppt wurde. Wenige Monate später habe aber die israelische Regierung NSO gebeten, "Pegasus" für die Saudis wieder freizuschalten. Weder Saudi-Arabien, noch Israel, noch die Vereinigten Arabischen Emirate antworteten auf eine Anfrage.

Die "New York Times" berichtete diese Woche, die israelische Regierung habe nicht nur die NSO, sondern auch drei weitere Firmen aus dem Überwachungsbereich "ermuntert", die Zusammenarbeit mit Saudi-Arabien fortzusetzen und entsprechende Exporte genehmigt.

Khashoggi wurde 59 Jahre alt. Sein letzter Text, der in der "Washington Post" erschien, trug die Überschrift: "Was die arabische Welt am meisten braucht, ist freie Meinungsäußerung". Es ist jene Freiheit, die durch den Einsatz von Werkzeugen wie "Pegasus" am meisten bedroht ist. Khashoggi war schon tot, als das Stück erschien.

NSO: Keine Verbindung

Auf Nachfrage erklärte die NSO erneut, dass ihre Technologie "in keiner Weise mit dem abscheulichen Mord an Jamal Khashoggi in Verbindung steht". Dies habe man bereits kurz nach dessen Tod untersucht. Zudem teilte NSO in ihrer Antwort mit, dass es sich bei vielen der in der gesamten geplanten Berichterstattung aufgeführten Punkte um "falsche Behauptungen" handele. Es gebe für sie "keine faktische Grundlage".

Ungeachtet der aus Sicht des Unternehmens falschen Informationen werde es grundsätzlich weiterhin "alle glaubwürdigen Behauptungen" über einen Missbrauch seiner Programme untersuchen und im Zweifel "angemessene Maßnahmen ergreifen", etwa Kundensysteme abschalten, wie es in der Vergangenheit bereits mehrfach geschehen sei, teilte NSO mit. Man sehe sich selbst auf einer "lebensrettenden Mission", da die besagte Technologie etwa dabei helfe, Terroranschläge zu verhindern oder Drogenhändlerringe zu zerschlagen.

An der Recherche zu diesem Text haben Kristiana Ludwig, Kai Biermann, Dana Priest, Souad Mekhennet, Arthur Bouvart und Stephanie Kirchgaessner mitgearbeitet.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 18. Juli 2021 um 18:00 Uhr.