Die Yacht "Dilbar" des russischen Oligarchen Alisher Usmanov im Hamburger Hafen | picture alliance /
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"Russian Asset Tracker" Auf der Spur der Oligarchen

Stand: 21.03.2022 17:29 Uhr

Eine internationale Recherchekooperation hat Vermögen russischer Oligarchen im Gesamtwert von mehr als 15 Milliarden Euro aufgedeckt. An dem Projekt "Russian Asset Tracker" sind NDR und WDR beteiligt.

Von Catharina Felke, Benedikt Strunz (NDR) und Petra Blum (WDR)

Villen in Bayern und Sardinien, ein Schloss in Österreich, herrschaftliche Anwesen in Großbritannien und Privatyachten in spanischen Gewässern: Das ist nur eine Auswahl der Besitztümer in Europa, die russischen Oligarchen und ihren Familien gehören und die nun in einem internationalen Rechercheprojekt offengelegt wurden.

Unter dem Titel "Russian Asset Tracker" dokumentieren 25 Medien künftig dieses Vermögen, um Einblicke in den Reichtum der russischen Elite fernab des Kreml zu ermöglichen. Die Ergebnisse der Recherchen sind ab sofort online.

Mehr als sieben Milliarden Euro im Besitz der Familie Abramowitsch

In den Recherchen wurden bislang mehr als 145 Vermögenswerte identifiziert, die im Besitz russischer Oligarchen und ihrer Familien sind. Am häufigsten wurden Gelder demnach in europäischen Immobilien angelegt. So besitzen Roman Abramowitsch, Noch-Eigentümer des britischen Fußballclubs FC Chelsea und seine Familie alleine 46 Immobilien in Frankreich, Österreich und Großbritannien sowie 19 kommerzielle Nutzungsflächen. Zusammen mit ihrem Landbesitz, den Privatflugzeugen und Firmenanteilen beträgt das gefundene Vermögen der Familie mehr als sieben Milliarden Euro.

Besitz unter den Namen der Kinder

Die Recherchen zeigen aber auch die Besitztümer von weniger prominenten Oligarchen und Amtsträgern auf. Etwa Wladimir Solowjows Villa am Comer See in Italien. Der Moderator der russischen Staatssenders Rossija 1 und Rossija 24 wird von der EU als "Propagandist" bezeichnet, Medien nennen ihn "Putins Sprachrohr".

Nikolai Tokarew  ist Chef des Gas- und Ölunternehmens Transneft und ein enger Vertrauter Putins. Seine Tochter Maija Bolotowa besitzt Firmen in Kroatien, die Grundstücke auf der Insel Losinj halten, im Wert von mehr als vier Millionen Euro. Dazu gehört auch ein Schloss aus dem 19. Jahrhundert. In Paris wiederum besitzen die Tochter und Ex-Frau von Putins Pressesprecher Dmitri Peskow über eine französische Firma eine Wohnung in bester Lage. Abramowitsch, Solowjow, Bolotowa und Peskow haben auf Presseanfragen nicht geantwortet.

Nawalnys Liste

Die gefundenen Besitztümer sind der Anfang der Recherche, an der NDR und WDR sowie zahlreiche internationale Medien wie der "Guardian" und "Le Monde" beteiligt sind. Koordiniert wird sie vom Organized Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP). Die Journalistinnen und Journalisten greifen auf öffentliche Registerdaten zu, aber auch auf zahlreiche Datenlecks.

"Wir beim OCCRP recherchieren und enthüllen russische Vermögenswerte im Westen seit 15 Jahren. Dementsprechend wissen wir, wie diese Vermögen tendenziell versteckt werden", sagt Drew Sullivan, der das OCCRP mitgegründet hat und heute leitet. Auch Reporter von NDR und WDR haben in den vergangenen Jahren fragwürdiges Vermögen aus Russland identifiziert, zuletzt im Rahmen der Pandora Papers.

Im Fokus der aktuellen Recherche steht zunächst eine Gruppe, die den Namen "Nawalny 35" trägt. Der kremlkritische Politiker Alexej Nawalny überlebte 2020 einen Giftanschlag.

Nawalnys Organisation, die Anti-Corruption Foundation, veröffentlichte später eine Liste von 35 Personen, die maßgeblich von der Politik Wladimir Putins profitieren sollen. Sie wirft ihnen Korruption und Menschenrechtsverletzungen vor. 13 von ihnen finden sich auch auf den Sanktionslisten der EU wieder.

So zum Beispiel Gennadi Timtschenko, ein Vertrauter Putins. Dessen Yacht "Lena" im Wert von knapp 50 Millionen Euro wurde Anfang März in Italien beschlagnahmt. Timtschenko trat heute ohne Angabe von Gründen vom Aufsichtsratsposten des russischen Gaskonzerns Novatek zurück. Oder Alischer Usmanow, dessen mutmaßliche Privatyacht "Dilbar" mit zwei Helikopterlandeplätzen und riesigem Swimmingpool derzeit im Hamburger Hafen liegt. Ihr Wert wird auf rund 500 Millionen Euro geschätzt.

Auf Anfrage lässt Usmanow über sein Presseteam ausrichten, dass die "Dilbar" vor Jahren in eine Stiftung überführt worden sei. Die Eigentümerrechte lägen bei seiner Familie, er besitze die Yacht nicht, sondern könne sie nur mieten.

Seit dem 21. Februar erweiterte die Europäische Kommission ihre Sanktionsliste bereits sieben Mal, um gegen Personen und russische Unternehmen vorzugehen, die einen Anteil an dem Einmarsch Russlands in die Ukraine haben oder von Putins Regime profitieren sollen.

Keine Angaben aus Deutschland

Bislang verläuft die Umsetzung der EU-Sanktionsliste europaweit höchst unterschiedlich. Laut der niederländischen Finanzministerin Sigrid Kaag wurden in ihrem Land bisher Vermögenswerte in Höhe von sechs Millionen Euro eingefroren. Französische Behörden geben an, Besitztümer im Wert von 850 Millionen Euro eingefroren zu haben. In Belgien beträgt die Summe sogar zehn Milliarden.

Nur in Deutschland hält man sich bedeckt. Die Deutsche Bundesbank, der alle eingefrorenen Gelder von Kreditinstituten gemeldet werden müssen, teilt auf Anfrage mit: "Die Deutsche Bundesbank erteilt zu diesen Informationen Dritten keine Auskünfte." Man gebe die Information dem Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz weiter. Dort verweist man allerdings auf die Bundesbank und schreibt: "Statistische Angaben darüber, welche Vermögensgegenstände die zuständigen lokalen Behörden beschlagnahmt haben, liegen der Bundesregierung nicht vor." Bislang ist somit unklar, ob in Deutschland überhaupt Besitztümer von russischen Oligarchen eingefroren beziehungsweise beschlagnahmt wurden.

Internationale Arbeitsgruppe sucht Informationen

Der Experte für Finanzkriminalität, Sebastian Fiedler, sitzt für die SPD im Bundestag. Er sagt, man habe den Umgang mit Sanktionen in Deutschland in den vergangenen Jahren verschlafen. Gemeint seien damit die politisch Verantwortlichen "quer durch alle Parteien". Für Fiedler steht bereits jetzt fest, dass es hierbei auch gesetzlichen Nachholbedarf gebe, etwa um die notwendigen Ermittlungsbefugnisse zu schaffen.  

Ein zusätzlicher Aspekt erschwert die Suche nach den Vermögenswerten. Viele Besitze werden über Briefkastenfirmen in Ländern wie Liechtenstein oder den British Virgin Islands gehalten, die keine Auskunft über die eigentlichen Eigentümer geben. Aus diesem Grund soll nun eine internationale Arbeitsgruppe Informationen zu russischen Vermögen sammeln und untereinander austauschen, mit dem Ziel die jeweiligen Sanktionen bestmöglich umzusetzen. Neben Deutschland, Italien, Großbritannien und der Europäischen Kommission sind unter anderem die USA, Kanada und Japan beteiligt. In Deutschland wird diese Arbeitsgruppe gemeinsam vom Bundesministerium der Finanzen und dem Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz geleitet.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 22. März 2022 um 12:05 Uhr.