Absperrband der Polizei liegt auf der Brücke, die das saarländische Kleinblittersdorf mit dem französischen Grosbliederstroff verbindet am Boden. | Bildquelle: dpa

Reisebeschränkungen Mehr Schaden als Nutzen?

Stand: 06.05.2020 14:48 Uhr

Für die WHO ist klar: Reisebeschränkungen schaden bei einer Pandemie mehr als dass sie nutzen. Das Innenministerium riegelt die Grenzen dennoch ab, kann das auf Anfrage aber nicht wissenschaftlich begründen.

Von Markus Grill, NDR/WDR

Die Aussage der Weltgesundheitsorganisation (WHO) war eindeutig: "Es gibt keinen Grund für Maßnahmen, die unnötigerweise den internationalen Reise- und Handelsverkehr behindern", sagte WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus Ende Januar, als er den internationalen Gesundheitsnotstand erklärte.

Vor einem Monat riet die WHO erneut ausdrücklich von Reisebeschränkungen ab - und vertritt diese Haltung bis heute. Mit gutem Grund. Denn auch wenn es sich logisch anhören mag: Die Grenzen zu schließen, um ein Virus nicht ins Land zu lassen, funktioniert nicht. Das zeigen seit Jahren Studien, die bei Grippeausbrüchen ebenso gemacht wurden wie bei Sars und Mers. 

So kam der Epidemiologe Neil Ferguson vom renommierten britischen Imperial College bereits 2006 in einem Artikel im Fachblatt "Nature" zum Schluss, es sei unwahrscheinlich, dass Grenzschließungen und Reisebeschränkungen im Fall einer Influenza-Pandemie die Ausbreitung um mehr als zwei bis drei Wochen verzögern. 

Grenzschließungen oder nicht - kein Unterschied?

Auch aktuell kann man das beobachten: Die USA und Italien haben nach Ausbruch des Coronavirus zu einem frühen Zeitpunkt Reisende aus China nicht mehr ins Land gelassen, Spanien und Frankreich haben das nicht gemacht. Doch alle vier Länder wurden in den Wochen danach vom Coronavirus ähnlich stark getroffen.

Der Harvard-Epidemiologe Mark Lipsitch bezeichnete in einem Interview mit der US-Medizinerzeitschrift "JAMA" im April die Reisebeschränkungen in den USA lediglich als "symbolische Maßnahmen" und auch für den britischen Epidemiologen Tom Jefferson, der im Cochrane-Institut in Rom arbeitet, ist die Beleglage für Grenzschließungen "sehr dünn".   

Wichtigstes Ziel: Multiplikatoren stoppen

Der Grund: Wenn in einem Land die Menschen vor einer Epidemie gewarnt sind, wenn sie also Abstand halten, und zudem die Gesundheitsämter versuchen, die Infizierten aufzuspüren, zu isolieren und ihre Kontaktpersonen sich in Quarantäne begeben, dann wird das exponentielle Wachstum gebrochen. Die Infektionen, die dann über eine Landesgrenze womöglich zusätzlich eingeschleppt werden, vergrößern zwar rechnerisch die Zahl der Gesamtinfizierten, machen aber keinen entscheidenden Unterschied mehr.

Es geht darum, die Multiplikation innerhalb der Bevölkerung zu stoppen, nicht die Addition durch einige Einreisende, die möglicherweise infiziert sind. Mit den gleichen schlechten Gründen, mit denen man die Grenzen zwischen Deutschland und Österreich schließt, hätte man auch die Grenzen zwischen Bayern und Baden-Württemberg schließen können. 

Deshalb ist die Einschränkung der Bewegungsfreiheit von Menschen und Gütern in einer Epidemie "in den meisten Fällen ineffektiv", wie die WHO aktuell schreibt. Verhindern können sie den Ausbruch demnach nicht. Lediglich ganz am Anfang einer Epidemie könnten Grenzschließungen die Ausbreitung eines neuen Virus um wenige Tage verlangsamen. Doch selbst für diese Maßnahme gebe es keine guten Belege. 

Trotzdem weltweite Einreiseverbote oder Grenzschließungen

Dennoch haben bisher 186 UN-Vertragsstaaten eine oder mehrere Maßnahmen umgesetzt, die den internationalen Verkehr erheblich behindern, wie die Weltgesundheitsorganisation auf Anfrage von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" mitteilt. Zu den verhängten Maßnahmen gehören: Einreiseverbote, Visumsbeschränkungen, Schließung der Grenzen, Aussetzung von Flügen und anderes. Von den 186 Ländern haben nur 104 offizielle Berichte über die Maßnahmen an die WHO geschickt, nur 63 dieser Berichte enthielten auch die damit verbundene Begründung, wie die WHO auf Anfrage mitteilt. 

Auch Deutschland hat im März seine Grenzen geschlossen. Menschen ohne deutschen Reisepass dürfen seither ohne triftigen Grund nicht mehr einreisen. Fragt man das Innenministerium von Horst Seehofer, aufgrund welcher wissenschaftlichen Belege es diese Verbote erlassen hat, erhält man keine konkrete Antwort. Auch auf die Frage, warum es die Ratschläge der WHO bis heute missachtet, antwortet das Ministerium nicht. Nur so viel: Durch die "vorübergehenden Grenzkontrollen sollen die Infektionsgefahren durch das Corona-Virus eingedämmt werden, indem Infektionsketten unterbrochen werden". 

RKI: Grenzschließungen sind "politische Entscheidungen"

Auch das Robert Koch-Institut hält sich bei diesem Thema bedeckt. Auf die Frage, ob er der Bundesregierung Grenzschließungen empfohlen habe, obwohl die WHO dagegen sei, antwortet RKI-Chef Lothar Wieler diplomatisch: "Diese Entscheidungen über Grenzschließungen sind politische Entscheidungen, das ist ein Gebiet, das nicht unseres betrifft."  

Mehr als 130 Länder der Welt haben seit Ausbruch der Corona-Pandemie Reisebeschränkungen erlassen. Ein Artikel in der Medizinzeitschrift "Lancet" listet Ende April die fatalen Folgen der Grenzschließungen auf: Dringend nötiges medizinisches Material wie Schutzkleidung komme etwa in vielen Ländern nicht mehr an, weil die Passagierflugzeuge keine Fracht mehr mitnehmen können.

Der Direktor des Welternährungsprogramms, David Beasley, wird in dem Artikel mit den Worten zitiert, dass seine Organisation für viel Geld eine Luftbrücke einrichten musste, um überhaupt medizinische Güter in viele Länder schaffen zu können.

Nothilfe - aktuell kaum möglich

Am Wochenende berichtete die Hilfsorganisation UNICEF, dass im März die regulären Schutzimpfungen für Kinder in mehreren Ländern um 70 bis 80 Prozent zurückgegangen seien, weil es keine kommerziellen Flugzeuge mehr gebe, die die Impfstoffe transportieren können. Ostafrika leidet zudem derzeit unter einer der größten Heuschreckenplagen seit Langem - auch weil die Pestizide wegen Coronabeschränkungen derzeit nicht eingeflogen werden können. 

Mitte April wiesen mehr als ein Dutzend renommierter Wissenschaftler aus aller Welt in der Zeitschrift "International Journal of Infectious Diseases" erneut darauf hin, dass Reisebeschränkungen "üblicherweise nicht effektiv sind, um die Einfuhr von Infektionen zu verhindern". Gleichwohl würden sie aber einen großen wirtschaftlichen und sozialen Schaden anrichten. Deshalb sollten solche Maßnahmen "auf einer vernünftigen wissenschaftlichen Überprüfung" basieren und "zeitlich befristet" sein. "Für einen Neustart der Weltwirtschaft wird es wichtig sein, die Reisebeschränkungen so schnell wie möglich zu lockern", schreiben die Wissenschaftler. Sie beklagen zudem die gegenwärtige "Unstimmigkeit zwischen wissenschaftlichem Ratschlag und den politischen Realitäten". 

Innen- und Gesundheitsministerium prüfen laufend die Lage

Wie das Innenministerium die WHO-Ratschläge bewertet, beantwortet es nicht. Nur so viel teilt der Sprecher von Horst Seehofer zum Thema Reisebeschränkungen und Grenzschließungen mit: "Die Bundesregierung und der Gemeinsame Krisenstab von BMI und BMG prüfen laufend die lagebedingte Anpassung der deutschen Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie." 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. März 2020 um 18:40 Uhr.

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