Eine Patientin wird für eine MRT-Untersuchung vorbereitet | Bildquelle: picture alliance / Stefan Sauer/

Kontrastmittel Krankenkassen verschwenden Millionen

Stand: 13.09.2019 17:00 Uhr

Mehrere AOK verschwenden offenbar Millionenbeträge bei Kontrastmitteln. Laut internen Unterlagen zahlen die Kassen in Sachsen und Thüringen vier Mal so viel für die Präparate wie andere Krankenkassen.

Von Markus Grill (NDR, WDR)

Jedes Jahr bekommen fünf Millionen Menschen in Deutschland ein Kontrastmittel gespritzt, bevor sie in die Röhre kommen, also eine MRT oder CT-Untersuchung machen lassen. Die Mittel sind nicht apothekenpflichtig, werden von den Herstellern direkt an die Arztpraxen geliefert und von Bundesland zu Bundesland vollkommen unterschiedlich abgerechnet.

In Berlin und Schleswig-Holstein zum Beispiel schreiben die Krankenkassen Kontrastmittel aus, der günstigste Hersteller bekommt den Zuschlag. Dort erstatten die Kassen den Herstellern für einen Liter MRT-Kontrastmittel nur rund 800 Euro. Im Gebiet der AOK Plus, also in Sachsen und Thüringen, dagegen zahlen die Kassen rund 4700 Euro pro Liter. Das geht aus Unterlagen hervor, die die AOK Plus an die Hersteller dieser Medikamente geschickt hat.

Ein Arzt bereitet ein Kontrastmittel zur Injektion vor | Bildquelle: picture alliance / BSIP
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Fünf Millionen Patienten bekommen jährlich ein Kontrastmittel gespritzt.

Die Kasse selbst will die hohen Preise auf Anfrage nicht kommentieren. Die "vereinbarten Konditionen unterliegen unseren Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen", teilt die AOK Plus auf Anfrage mit. Nicht einmal die Frage, wieviel Geld sie insgesamt im Jahr für Kontrastmittel ausgegeben habe, will die Kasse beantworten.

Intransparenz mit Folgen

Bundesweit herrscht ein großes Wirrwarr bei Kontrastmitteln. Diese Intransparenz macht die Mittel nicht nur teuer, sondern verunsichert auch Patienten. Anfang August hatten NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" erstmals berichtet, dass Radiologen in den Bundesländern Bayern, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bremen und Hamburg knapp 100.000 Euro im Jahr pro Gerät nebenher durch den billigen Einkauf und die teure Abrechnung von Kontrastmitteln mittels Pauschalen verdienen können.

Außerdem gibt es Hinweise, dass Radiologen in jeden Bundesländern, in denen sie direkt an Kontrastmitteln mitverdienen können, ihren Patienten die Mittel häufiger spritzen als Ärzte in anderen Bundesländern.

Jetzt stellt sich heraus: Zumindest im Gebiet der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein waren es gar nicht die Radiologen, die die umstrittenen Pauschalen wollten, sondern die Krankenkassen. In einer Umfrage unter den Radiologen in Nordrhein stimmte die Mehrheit hingegen für ein so genanntes Open-House-Modell, wie ihr Vorsitzender Alexander Stork mitteilt. Bei diesem Modell legen die Kassen einen Preis fest, zu dem alle Pharmafirmen liefern dürfen. Die Kassen rechnen anschliessend direkt mit den Firmen ab.

Der Vorteil für Patienten: Ärzte verdienen nicht nebenbei an den Kontrastmitteln, haben also keinen Anreiz, mehr einzusetzen als nötig. Daher überrascht es, dass ausgerechnet die Krankenkassen dieses Modell ablehnten.

So schrieb der bei der AOK Rheinland/Hamburg für Kontrastmittel zuständige Mitarbeiter am 11. April 2018 in einer E-Mail an den Radiologenverband: "Die nordrheinischen Krankenkassen präferieren nach wie vor die Einführung derartiger Kontrastmittelpauschalen." In einem Gespräch mit dem Radiologenverband, an dem auch AOK-Chef Matthias Mohrmann teilnahm, unterstrichen die Kassen diese Position. Auf Anfrage teilt die AOK Rheinland/Hamburg dazu mit: "Diese internen, nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Informationen, möchten wir an dieser Stelle nicht kommentieren."

Regionale Unterschiede in Millionenhöhe

Laut Gesetz sind die Krankenkassen zur Wirtschaftlichkeit verpflichtet, dennoch zahlen sie bundesweit vollkommen unterschiedliche Preise für die Mittel. So geben die Kassen in Schleswig-Holstein 4,5 Millionen Euro im Jahr für Kontrastmittel aus, in Hamburg dagegen elf Millionen Euro, obwohl Hamburg deutlich weniger Einwohner hat. Rheinland Pfalz und das Saarland wiederum haben zusammen Kontrastmittelausgaben in Höhe von zwölf Millionen Euro, das etwa gleich große Hessen gibt dagegen fast 27 Millionen Euro im Jahr aus.

Am meisten sparen die Krankenkassen bei klassischen Ausschreibungen wie in Berlin und Schleswig-Holstein. Doch dieses Modell lehnt die Industrie ebenso ab wie die Interessenverbände der Radiologen. Letztere behaupten, dass ihre Therapiefreiheit unzumutbar eingeschränkt werde, wenn sie das Kontrastmittel verwenden müssen, dass die Kassen auswählen.

Die AOK Nordost versucht jetzt einen Kompromiss: Sie bietet vom kommenden Jahr an in Brandenburg ein Open-House-Modell an, bei dem die Ärzte die volle Auswahl haben - allerdings erstattet sie den Pharmaunternehmen nur noch 1200 Euro pro Liter MRT-Kontrastmittel.

Niedrigere Preise ab Oktober in Bayern

Die Krankenkassen im Pauschalen-Land Bayern haben den Radiologen bisher 3900 Euro für einen Liter MRT-Kontrastmittel überwiesen. Nachdem NDR, WDR und "SZ" aber nachgewiesen hatten, dass Radiologen die Kontrastmittel für rund 800 Euro pro Liter einkaufen können, haben sich die Krankenkassen nun mit der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) auf drastisch abgesenkte neue Preise verständigt, die ab 1. Oktober in Bayern gelten sollen.

Offiziell sind die Preise noch geheim, aber ein interner Entwurf der neuen Vereinbarung listet auf, dass die bayerischen Radiologen für einen Liter MRT-Kontrastmittel künftig nur noch 970 Euro erstattet bekommen sollen - eine Preissenkung von knapp 3000 Euro. Weder die AOK noch die KVB wollen die neuen Preise kommentieren, da die Verträge noch nicht unterzeichnet seien.

MRT in einem Herzzentrum in Sachsen | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Mehr als 20 Prozent der Versicherten suchten 2016 einen Radiologen auf.

Es bleibt ein Schlupfloch

Ob die neue Regelung aber tatsächlich zu einer Einsparung von Versichertengeldern führt, ist fraglich, denn in der neuen Vereinbarung gibt es ein Schlupfloch: Während MRT-Kontrastmittel grundsätzlich mit 970 Euro vergolten werden, dürfen Ärzte, die das Präparat Gadovist des Bayer-Konzerns einsetzen, 5580 Euro pro Liter abrechnen.

Selbst wenn man berücksichtigt, dass man von dem doppelt so starken Gadovist jeweils nur die halbe Menge braucht, kostet es fast dreimal so viel wie die Konkurrenzprodukte. Eine Anfrage, wie diese "Lex Bayer" zustande gekommen ist, beantwortete die AOK Bayern nicht. Nur so viel teilt die Pressestelle mit: Grundsätzlich könne der Arzt "alle zugelassenen Kontrastmittel berücksichtigen".

Vor einem Monat hatten NDR, WDR und "SZ" mehrere Krankenkassen in Deutschland mit Verweis auf das Informationsfreiheitsgesetz um konkrete Angaben gebeten, welche Preise sie jeweils für Kontrastmittel zahlen. Die AOK Baden-Württemberg, die früher einmal Vorreiterin darin war, günstige Medikamentenpreise mit den Pharmakonzernen zu verhandeln, hat daraufhin eine renommierte Anwaltskanzlei mit einer Einschätzung beauftragt, wie das Informationsbegehren abzuwehren seien.

Baden-Württemberg hat die höchsten Kontrastmittelausgaben

Wie viel dieses Gutachten gekostet hat und ob der Auftrag mit Vorstandschef Christopher Hermann abgestimmt war, wollte die AOK Baden-Württemberg auf Anfrage nicht mitteilen. Einen Grund zur Heimlichkeit hätte die dortige AOK jedenfalls: Denn Baden-Württemberg hat mit 43,3 Millionen Euro mit die höchsten Kontrastmittelausgaben in ganz Deutschland. So gibt Schleswig Holstein umgerechnet auf 1000 gesetzlich Versicherte 1804 Euro im Jahr für Kontrastmittel aus - Baden-Württemberg dagegen 4607 Euro.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 13. September 2019 um 18:15 Uhr.

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