Ein Anhänger der QAnon-Bewegung erwartet die Ankunft von US-Präsident Trump. | Bildquelle: AFP

"QAnon" in Deutschland Der Dolmetscher des Hasses

Stand: 26.10.2020 18:10 Uhr

Die Verschwörungsphantasien der "QAnon"-Bewegung finden auch in Deutschland immer mehr Anhänger. Nach Recherchen von WDR, NDR und SZ offenbar auch mit der Unterstützung eines Berliner Programmierers.

Von Lena Kampf, Sebastian Pittelkow, Katja Riedel und Teresa Roelcke (WDR/NDR)

Der 21. September 2020 ist ein großer Tag für den Mann, der sich im Internet "Resignation Anon" nennt. Der Telegram-Kanal, der für die Verbreitung von Verschwörungsphantasien namens "QAnon" in Deutschland am wichtigsten ist, würdigt ihn. Die 126.000 Abonnenten des Kanals erreicht die Nachricht: "Resignation Anon" sei einer der "ersten und bemerkenswerten deutschen Anons", der "sehr bedeutende Arbeit" leiste. Man gratuliert ihm zum "1000-tägigen Jubiläum" als Anhänger von "Q".

"Q" ist der selbsternannte Prophet der Verschwörungserzählung "QAnon", ein in großen Teilen antisemitischer und rassistischer Mythos. Dabei wird - ohne Belege - behauptet, die liberalen politischen und wirtschaftlichen Eliten würden einen internationalen Kinderhandelsring betreiben und die Welt werde von einer "Geheimregierung" gesteuert. "Q", dessen richtige Identität bisher nicht enttarnt werden konnte, kommuniziert seit Oktober 2017 auf sogenannten Imageboards, Nischenforen im Internet, die frei von Zensur, aber voll mit Hassbotschaften gegen Frauen, Schwarze oder Migranten sind. Seiner wachsenden Anhängerschaft sendet er, ähnlich wie ein Sektenführer, Botschaften, die sogenannten "Drops". Es sind Orakel oder Vorhersagen, in denen er dazu auffordert, Zeichen zu deuten oder Zusammenhänge zwischen Ereignissen herzustellen.

Berliner Programmierer spielt bedeutende Rolle

Vieles deutet darauf hin, dass der Mann, der sich "Resignation Anon" nennt, bei der massenhaften Verbreitung dieser Botschaften eine Rolle spielt. Nach Recherchen von WDR, NDR und SZ steht hinter dem Pseudonym mutmaßlich ein Programmierer aus Berlin, der die Verbreitung der "QAnon"-Inhalte nicht nur in Deutschland technisch unterstützt. In Chatgruppen auf Telegram brüstet er sich mit Kontakten zu hochrangigen "QAnon"-Vertretern und gibt auch an, an den Demonstrationen gegen die Anti-Corona-Maßnahmen in Berlin teilgenommen zu haben. Versuche mit dem Mann über seine Arbeit für die "QAnon"-Bewegung zu sprechen, scheiterten an seiner Ablehnung. Die Ergebnisse der Recherche zeigen aber, dass er mehrere Projekte und Plattformen verantwortet, die einen Teil der zentralen Infrastruktur der "Q"-Verschwörung im deutschsprachigen Raum darstellen.

Dies sei ausschlaggebend, um die Bewegung am Leben zu erhalten, sagt Julia Ebner, Forscherin am Institut für strategischen Dialog in London. Sie beobachtet seit Jahren Plattformen von Rechten und Verschwörungstheoretikern. Den Nutzer "Resignation Anon" hält sie für einen der ersten deutschen "Q"-Unterstützer - und möglicherweise einer der wichtigsten. "'Resignation Anon' ist ein Account, der die technische Basis bereitstellt für die Bewegung, also die Infrastruktur aufgebaut hat und auch für das internationale Netzwerken verantwortlich ist", sagt Ebner. Auch der Politikwissenschaftler Josef Holnburger, der die Chats von Verschwörungstheoretikern systematisch auswertet, sagt: "Die Arbeit von 'Resignation Anon' ist hierzulande vor allem für diejenigen wichtig, die Videos produzieren und die Erzählungen einem größeren Publikum zugänglich machen. Diese Verschwörungsideologen betten oft 'QAnon'-Erzählungen ein und bereiten sie massentauglich auf", sagt Holnburger.

"QAnon" in Deutschland
tagesthemen 22:15 Uhr, 26.10.2020, C. Drexel/L. Kampf/S. Pittelkow, WDR/NDR

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Übersetzungen auf Deutsch und in weitere Sprachen

Damit die obskuren Verschwörungserzählungen von "Q" die Nischen des Internets verlassen, braucht es Unterstützer wie "Resignation Anon". Die meisten Menschen, die mit der "Q"-Verschwörungsphantasie in Berührung kommen, tun das nicht auf den ursprünglichen Foren, den sogenannten Imageboards, sondern über Telegram oder YouTube. Zugänglich für normale Nutzer machen sie Seiten, wie sie "Resignation Anon" betreibt.

Dort sammelt er zum einen die sogenannten "Q-Drops" und bringt sie in ein übersichtliches Format. Zum anderen übersetzt er sie vom Englischen ins Deutsche und mit Hilfe anderer Muttersprachler mittlerweile offenbar bereits in fünf weitere Sprachen. Momentan sucht er Übersetzer unter anderem für Japanisch. Über seine Seiten gelangen viele der Verschwörungs-Schnipsel in die einschlägigen Telegram-Kanäle und Chatgruppen und somit auf die Mobiltelefone von Hunderttausenden Abonnenten allein in Deutschland.

Ähnlich agiert weltweit nur eine niedrige einstellige Zahl von "QAnon"-Unterstützern, sodass der Programmierer aus Berlin auch international wichtig ist. Zumal, seitdem das amerikanische Pendant "Qmaps" mit zuletzt zehn Millionen Besuchern pro Monat Mitte September aus dem Netz genommen wurde. Der Betreiber war enttarnt worden. Seitdem verzeichnen Seiten von "Resignation Anon" 100.000 Besucher mehr als in den Monaten zuvor. Auch die großen Technologie-Konzerne wie Facebook, Twitter und Youtube gehen momentan vermehrt gegen Nutzer vor, die "QAnon"-Inhalte verbreiten.

Verschwörer, Reichsbürger und Neonazis

Gerade in der Corona-Krise findet die absurde Verschwörungsfantasie immer mehr Anhänger, laut Einschätzung der deutschen Sicherheitsbehörden sind darunter auch viele sogenannte Reichsbürger aber auch Neonazis. Auch der Attentäter von Hanau bezog sich auf eine angebliche Weltverschwörung. Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, sieht darin Ähnlichkeiten zur "QAnon"-Phantasie. Er hält diese für "brandgefährlich, weil sie in so viele Verästelungen von Verschwörungsmythen anschlussfähig ist", sagt er. Die unterschiedlichsten Gruppen könnten Versatzstücke nutzen, Antisemitismus sei hier das Bindemittel. "Das macht sie staatsfeindlich und gefährlich", so Klein.

In den USA hat "QAnon" das Establishment der Republikanischen Partei erreicht, sogar einige Kandidaten für den amerikanischen Kongress haben sich als "Q"-Anhänger bekannt. Auch US-Präsident Donald Trump, der von "QAnon"-Anhängern als Heilsbringer stilisiert wird, distanzierte sich bisher nicht deutlich von der Verschwörungssphantasie. Das amerikanische FBI stufte die Bewegung jedoch als potenzielle einheimische Terrorgefahr ein.

Die deutschen Sicherheitsbehörden beobachten bisher nur einzelne Reichsbürger und Rechtsextremisten, die die "QAnon"-Bewegung in Deutschland für ihre Zwecke nutzen wollen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz prüft weiterhin, ob diese ein sogenannter "Prüffall" werden soll. Bisher schreibt das Amt der Bewegung in Deutschland noch keine "durchschlagende Wirkung" zu.

Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, kritisiert dies: "QAnon wurde bisher in der Gesellschaft zu sehr unterschätzt, auch letztlich von den Verfassungsschutzbehörden", sagt er. Dies ändere sich nun, so Klein. Der Verfassungsschutz habe verstanden, dass hier noch mehr personell und aber auch materiell geleistet werden müsse, sagt Klein. "Die Behörden sollten da noch systematischer als bisher hinschauen."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 25. August 2020 um 12:00 Uhr.

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