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"Pandora Papers" Das Geheimnis des Opern-Palais

Stand: 05.10.2021 17:45 Uhr

Bisher war nicht bekannt, wem die Münchner Luxusimmobilie "Palais an der Oper" gehört. Die "Pandora Papers" zeigen: Am Kauf beteiligt war ein Geschäftsmann mit Verbindungen zu russischen Eliten.

Von Nils Naber, NDR

Hinter dem Palais an der Oper in München steckt ein Geheimnis: Denn bislang war völlig unklar, wem der prunkvolle Bau aus dem 19. Jahrhundert gehört. Bis 2009 beherbergte das Gebäude jahrzehntelang die Post. Dann zogen Edelboutiquen und schicke Cafés ein. Von einem russischen Eigentümer war die Rede, doch Genaueres blieb im Dunkeln. Recherchen von NDR, WDR und "SZ" zeigen nun, wer lange Zeit der wahre Eigentümer war und es wohl noch immer ist.

Nils Naber

Laut Grundbuch gehört das Palais einer Frankfurter Firma mit dem passenden Namen Opera Real Estate GmbH & Co. KG. Im Jahr 2012 erwarb sie die Immobilie für rund 313 Millionen Euro. Die Höhe des Kaufpreises ist im Jahresabschluss vermerkt. 120 Millionen Euro kamen von der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). Die Bank bestätigt das Projekt "gemeinsam mit einer weiteren Bank" finanziert zu haben. Sehr viel Geld aber kam nach den Recherchen von einer Firma von den Britischen Jungferninseln, einem notorischen Schattenfinanzplatz.

Wem gehört die Immobilie?

Bereits 2018 versuchten Kollegen von der Berliner Zeitung und vom SWR Licht ins Dunkel zu bringen. Damals wurde öffentlich, dass die Opera Real Estate GmbH & Co. KG über mehrere Luxemburgische Gesellschaften einer Firma auf den Britischen Jungferninseln gehört. Doch weiter kamen die Kollegen nicht. Die Karibik-Inseln unter der britischen Krone sind eine Blackbox. Wem welche Firma gehört, bleibt in der Regel unbekannt.

Die Pandora Papers offenbaren jetzt, dass am Ende dieser Firmenkette rund um den Kauf eine Briefkastenfirma stand: Melody Consolidated Ltd., mit Sitz auf den Britischen Jungferninseln. Der wirtschaftliche Eigentümer dieser Firma war damals ein russischer Geschäftsmann namens Ruslan Jewgenjewitsch Goryukhin. Auf Nachfrage streitet er nicht grundsätzlich ab, etwas mit dem Kauf zu tun gehabt zu haben. Allerdings wäre die Rekonstruktion der Eigentumsverhältnisse von NDR und SZ fehlerhaft.

Logo der Pandora Papers | ICIJ
"Pandora Papers"

Die "Pandora Papers" sind ein riesiges Datenleck aus der Welt der Schattenfinanzplätze. Die Daten geben Aufschluss über die wahren Eigentümer von mehr als 27.000 Offshore-Firmen. In den Daten finden sich Politikerinnen und Politiker, Superreiche, Oligarchen, Kriminelle und Prominente. Die 11,9 Millionen vertraulichen Unterlagen umfassen Gründungsurkunden von Briefkastenfirmen und Trusts, E-Mails, Abrechnungen und andere Dokumente.

Die Daten wurden in einer geheimen Recherche von mehr als 600 JournalistInnen und Journalisten aus 117 Ländern ausgewertet. Beteiligt waren Medien wie die "Washington Post", die BBC, Radio France, der ORF, "El País" und "Aftenposten". In Deutschland recherchierten Journalistinnen und Journalisten von NDR, WDR und SZ an dem Datenleck.

Der Datensatz wurde dem Internationalen Konsortium für Investigative Journalistinnen und Journalisten (ICIJ) von einer anonymen Quelle zugespielt. Das ICIJ teilte die Daten mit den Partnermedien und koordinierte die Recherchen. Das ICIJ leitete bereits globale Recherchen zu Schattenfinanzplätzen, darunter die "Panama Papers", die "Paradise Papers" und die "Luxemburg Leaks".

Die vertraulichen Unterlagen stammen von 14 Offshore-Providern, also von Firmen, die ihren Kunden dabei helfen, Briefkastenfirmen, Trusts etc. aufzubauen. Häufig werden Briefkastenfirmen rechtlich in Ländern angesiedelt, die international durch eine schwache Geldwäschekontrolle, intransparentes Finanzgebaren und durch besonders niedrige Steuersätze auffallen.     

Der Besitz von einer Briefkastenfirma ist nicht illegal. Offshore-Firmen können auch zu legalen Zwecken genutzt werden. Häufig dienen derartige Firmen-Konstrukte aber der Geldwäsche, der Steuerhinterziehung oder der Steuergestaltung.

Firmengeflecht über mehrere Länder

Bemerkenswert ist, dass die Eigentümerstruktur nach den Recherchen über eine Kaskade von sechs Firmen in drei Ländern aufgebaut wurde. Es ist damit eine extrem aufwendige und komplizierte Konstruktion gewählt worden, um eine Immobilie in Deutschland zu besitzen. Gerhard Schick von der Bürgerbewegung Finanzwende betrachtet solche Strukturen kritisch: "Wenn jemand Immobilien über komplexe Offshore-Konstruktionen hält, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass da entweder etwas vor dem Finanzamt versteckt werden soll oder dass die Gelder aus dubiosen Quellen strammen." Goryukhin betont allerdings, dass alles völlig legal sei. Die Unternehmen zahlten "alle Steuern, die in den Ländern, in denen sie tätig sind, gesetzlich vorgeschrieben sind".

Enger Putin-Freund an Finanzierung beteiligt?

Wer ist Ruslan Jewgenjewitsch Goryukhin, dieser in Deutschland unbekannte Mann, der riesige Summen in eine Immobilie investieren kann und der mit Dutzenden Briefkastenfirmen in den Pandora-Daten auftaucht? Vor 2014 war er Manager bei einem russischen Konzern, der unter anderem mit dem Bau von Gasleitungen sein Geld verdiente. Doch viel interessanter ist, dass der Konzern bis vor Kurzem Arkadi Rotenberg gehört hat, einem der mutmaßlich engsten Freunde des russischen Präsident Wladimir Putin.

Im Rahmen der russischen Annexion der Halbinsel Krim wurde der Milliardär Rotenberg 2014 mit wirtschaftlichen Sanktionen von den USA und später der EU belegt. Fragen von NDR, WDR und "SZ" lässt Rotenberg unbeantwortet. Ruslan Goryukhin, der heute in der Schweiz lebt, bestreit per Anwaltsschreiben vehement, dass Arkadi Rotenberg etwas mit der Finanzierung des Palais zu tun gehabt habe. Warum er allerdings eine so aufwendige Konstruktion gewählt hat, um eine Immobilie in Deutschland zu erwerben, lässt Goryukhin unbeantwortet.

Verzweigte Immobiliendeals in Europa

Aus den Pandora-Daten ergeben sich noch weitere Hinweise zu Immobilieninvestments von Ruslan Goryukhin in Frankreich. Schon vor Jahren tauchte in der russischen Zeitung "Nowaja Gaseta" die Information auf, dass Rusan Goryukhin in Grasse in der Provence ein Herrenhaus erworben hat. Details zu dem Deal waren bislang nicht bekannt. Recherchen von NDR, WDR, SZ und Radio France zeigen nun, dass Goryukhin das Anwesen wohl im Jahr 2012 für zwölf Millionen Euro gekauft hat.

Allerdings taucht der Name des russischen Geschäftsmanns in den offiziellen Dokumenten zum Kauf nirgendwo auf. Als Käufer agiert stattdessen eine Briefkastenfirma aus Monaco. Das Geld für den Kauf kam aber nicht etwa von einer Bank, sondern von der Briefkastenfirma Securicton Consolidated Ltd. mit Sitz auf den Britischen Jungferninseln.

In den Pandora-Daten taucht mehrfach ein enger Geschäftspartner von Goryukhin als Gesellschafter dieser Briefkastenfirma auf: Mikhail Opengeym. Der russische Geschäftsmann ist bereits vor Jahren mit weiteren Immobilienprojekten in Deutschland in Verbindung gebracht worden. Goryukhin selbst äußert sich auf Nachfrage nicht zu den Hintergründen dieser komplizierten Firmenstruktur rund um das Anwesen unweit der Côte d’Azur. Mikhail Opengeym teilt mit, es handele sich nicht um sein Investment, sondern das seines Geschäftspartners.

Redaktionelle Mitarbeit: Mauritius Much, Abdelhak El Idrissi

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. Oktober 2021 um 12:00 Uhr.