Polizisten in einem Cafe in Duisburg | Bildquelle: dpa

Drogenhandel und Geldwäsche  Mammut-Prozess gegen die Mafia beginnt

Stand: 12.10.2020 10:34 Uhr

Ein Container mit Kokain, internationale Razzien und ein Kronzeuge der Mafia: In Düsseldorf hat ein Prozess gegen 14 mutmaßliche 'Ndrangheta-Mitglieder begonnen. Über Eisdielen sollen sie Drogengelder gewaschen haben.

Von Volkmar Kabisch, Reiko Pinkert, Andreas Spinrath und Benedikt Strunz, NDR/WDR

Alles beginnt mit Übersee-Container RRSU2110970 im Hafen von Rotterdam - blaue Oberfläche, Standardgröße. Eigentlich unauffällig. Doch die Drogenspürhunde der niederländischen Zöllner schlagen an. Im Inneren des Containers finden sich nicht nur 19,3 Tonnen Holzlatten aus dem Karibikstaat Guyana, sondern auch Kartons und Reisetaschen die mehr als 80 Kilogramm hochreines Kokain enthalten.

Der Adressat der Lieferung sitzt in Nordrhein-Westfalen, ein unscheinbares Im- und Exportunternehmen - eine Scheinfirma, wie sich später herausstellen wird, die offenbar nur für einen Zweck gegründet worden war: möglichst lautlos Kokain nach Europa zu schmuggeln. So jedenfalls sieht es die Staatsanwaltschaft Duisburg, die den Fall und die weiteren Untersuchungen übernimmt.

International koordinierte Razzien

Der Fund wird zu einem wichtigen Ausgangspunkt für ein kompliziertes internationales Ermittlungsverfahren. Drei Jahre später nähern sich schwerbewaffnete Polizisten dem kleinen Bergdorf San Luca im italienischen Kalabrien. San Luca gilt als Heimat der italienischen Mafiaorganisation 'Ndrangheta.

Die Polizisten kommen noch vor Sonnenaufgang. Denn schon von weitem könnten sie entdeckt werden und die Mafiosi einen europaweiten Warnruf versenden. Es ist der 5. Dezember 2018 - Joint Action Day der Operation "Pollino". Zeitgleich stürmen Spezialeinheiten in Belgien, den Niederlanden und Deutschland Wohnungen, Geschäfte und Restaurants. Es ist der bis dahin größte Schlag gegen die Organisierte Kriminalität in Europa, so Europol in einer feierlichen Pressemitteilung.

Polizisten stehen in einem Eiscafé im Citypalais in der Duisburger Innenstadt | Bildquelle: dpa
galerie

Auch in Deutschland wurden im Rahmen der Operation "Pollino" zahlreiche Objekte durchsucht.

84 Personen werden verhaftet, vier Tonnen Kokain und mehr als zwei Millionen Euro sichergestellt. Ein Schwerpunkt: Nordrhein-Westfalen, wo zu diesem Zeitpunkt zahlreiche Verdächtige leben oder sich versteckt halten.

Monatelanger Prozess erwartet

Nun hat der Prozess gegen 14 Angeklagte vor der 4. Großen Strafkammer des Landgerichts Duisburg begonnen. Aus Sicherheitsgründen findet er im Gebäude des Oberlandesgerichts Düsseldorf statt. Manchen wird die Bildung und Unterstützung einer ausländischen kriminellen Vereinigung und bandenmäßiger Drogenhandel, anderen gewerbsmäßige Geldwäsche und Verstöße gegen das Waffenrecht vorgeworfen.

Es ist ein Mammut-Prozess, der mindestens bis Ende 2021 dauern wird. 91 Verhandlungstermine sind bislang angesetzt. Reporter von NDR und WDR konnten die Prozessakten in den vergangenen Monaten einsehen und auswerten. Sie zeichnen ein Bild des globalen Drogenhandels und erlauben tiefe Einblicke in das Innenleben der kalabrischen Mafia. Auf Tausenden Seiten haben Ermittler aus Deutschland, Italien und den Niederlanden Observationsberichte, Zeugenbefragungen, Protokolle abgehörter Telefonate und Vernehmungen niedergeschrieben.

Kronzeuge sagte umfassend aus

Darin findet sich auch die Geschichte von Giuseppe T. Der heute 41-jährige Italiener wurde für die Ermittler zu einem Glücksfall, weil er 2015 die Seiten wechselte. Fast die Hälfte seines Lebens hatte T. für die Organisierte Kriminalität gearbeitet. Erst verkaufte er Drogen auf der Straße. Irgendwann stieg er groß ins Kokain-Geschäft ein - mit und im Auftrag der kalabrischen 'Ndrangheta, so die Ermittlungen.

Er suchte Investoren, verhandelte mit Kartellen, orchestrierte den Kokain-Vertrieb über europäische Grenzen und wusch Drogengelder. Giuseppe T. ist ein großer Fang. Es folgten tagelange Verhöre, die fast ein Dutzend Aktenordner füllen. Detailliert berichtete er von Mafia-Tauchern, die an Schiffskörpern verschweißte Kokainverstecke bergen oder von den extrem hohen Gewinnmargen, die in dem illegalen Geschäft stecken.

Deutschland offenbar zur Geldwäsche genutzt

Deutschland, so der Kronzeuge gegenüber Ermittlern, käme in dem Geschäft eine Schlüsselrolle zu. Denn nirgends sonst ließen sich Drogengelder so einfach waschen wie hierzulande. Dazu seien etwa immer wieder Immobilien gekauft oder gemietet worden.

Außerdem funktionierten Restaurants und Eisdielen in Deutschland als zentrale Logistikplattform. Von hier transportieren eigens umgebaute Autos Kokain durch Europa. Durch einen aufwändigen Mechanismus in der Armatur des Wagens öffnet sich ein doppelter Boden im Kofferraum, in dem die Drogenpakete versteckt werden. Den Umbau könne man bei einer spezialisierten Autowerkstatt in den Niederlanden buchen, so Guiseppe T.

"Internationale Parallelökonomie" aufgedeckt

Die Beschreibungen des Kronzeugen erlauben überdies einen Blick, in das, was die Staatsanwaltschaft Duisburg in der Anklage als "Internationale Parallelökonomie" bezeichnet - einen globalen Drogenhandel, in dem verschiedene Mafia-Banden und organisierte Kriminelle im Verborgenen kooperieren, wenn es um gemeinsame Wirtschaftsinteressen geht.

Oliver Huth vom Bund Deutscher Kriminalbeamter, selbst Ermittler in diesem Bereich, beschreibt die schwierigen Untersuchungen so: "Da werden Hunderte Kilometer mit dem Auto abgerissen, damit die Strafverfolgungsbehörden die Kommunikation nicht mitbekommen."

Oliver Huth, Leiter der Ermittlungsgruppe im Landeskriminalamt und Andrea Humphrys, Senior Police Liasion Officer der australischen Bundespolizei beantworten Fragen von Journalisten, Archivbild April 2018 | Bildquelle: picture alliance / Federico Gamb
galerie

Oliver Huth (links) berichtet von schwierigen Ermittlungen.

Umso wichtiger sind Aussagen von Kronzeugen wie Giuseppe T. Doch unumstritten ist er nicht. Im vergangenen Jahr flog er aus dem italienischen Zeugenschutzprogramm, da er neben seinen Aussagen bei der Polizei auch gleich noch mehrere Juweliere überfiel. Im nun anstehenden Prozess wird auch geklärt, wie glaubwürdig Guiseppe T.s Aussagen sind.

Anwalt weist 'Ndrangheta-Vorwurf zurück

Philipp Thièe verteidigt einen der hauptbeschuldigten Italiener im Verfahren. Der Anwalt aus Bonn hält die 649 Seiten lange Anklage und den Begriff Mafia-Prozess für übertrieben. Manchen würden einzelne Straftaten vorgeworfen, so Thièe.

"Ich glaube, man kann durchaus ein Fragezeichen dahinter setzen, ob der Name 'Ndrangheta nicht nur deshalb herangezogen wird, weil sie aus einer bestimmten Region stammen." Sein Mandant schweigt bisher, so wie alle angeklagten Italiener.

Mammut-Prozess gegen die Mafia
Benedikt Strunz, NDR
11.10.2020 17:17 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete WDR Aktuell am 12. Oktober 2020 um 09:00 Uhr in den Nachrichten.

Volkmar Kabisch Logo NDR

Volkmar Kabisch, NDR

Andreas Spinrath | Bildquelle: WDR Logo WDR

Andreas Spinrath, WDR

Darstellung: