Absperrband vor Hütten auf dem Campingplatz Eichwald | FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX

Missbrauchsfall Lügde Erst der Prozess, dann die Therapie?

Stand: 14.05.2019 11:11 Uhr

Einige Opfer im Missbrauchsfall Lügde sind wohl dringend therapiebedürftig. Doch Polizei und Staatsanwaltschaft legen den Eltern offenbar indirekt nahe, damit zu warten - für die Betroffenen ein kaum zu ertragenes Dilemma.

Von Lena Gürtler, Stella Peters und Britta von der Heide, NDR

Während die juristische Aufarbeitung des Missbrauchsskandals von Lügde voranschreitet, geht es vielen betroffenen Kindern immer schlechter, berichten verschiedene Eltern. Eine Mutter von mehreren missbrauchten Kindern, die unerkannt bleiben will, erzählt darüber.

Meinen Kindern wurde körperlich und seelisch weh getan, und sie können es alleine nicht mehr einordnen. Sie schlafen nur noch mit Licht. Sie fangen an, sich selber zu verletzen, schlagen auf sich ein.

Hinweis mit Folgen

Die Eltern wünschen sich psychotherapeutische Hilfe für ihre Kinder. Doch einige erzählen, sie hätten durch Polizei und Staatsanwaltschaft den Eindruck bekommen, ihre Kinder dürften das Erlebte noch nicht in Therapien aufarbeiten.

Gegenüber NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" erklären die zuständige Polizei Bielefeld und die Staatsanwaltschaft Detmold, wann eine Therapie erforderlich sei, würden die Erziehungsberechtigten entscheiden. Aber man habe den betroffenen Eltern erklärt, dass ein Therapieeinstieg aus prozesstaktischen Gründen vor dem letzten Gerichtstermin eher ungünstig sei.

Was der Kinderpsychiater sagt

Eine Position, die der Kinder- und Jugendpsychiater Jörg Fegert von der Uniklinik Ulm fragwürdig findet.

Wenn ein Kind eine behandlungsbedürftige Krankheit, Störung oder Belastung hat, dann geht das Kindeswohl und die Therapie vor, und es kann nicht primär um die Interessen der Strafjustiz gehen. Hier ist oft die Auffassung, man möge die Aussagen der Kinder möglichst rein erhalten und erst therapieren, wenn der Strafprozess gelaufen ist. Das dauert oft aber sehr lange.

Gerade im Fall Lügde ist das offenbar mit sehr vielen Vernehmungen der Kinder verbunden. Einige Eltern berichten, ihre Kinder seien bis zu viermal vernommen worden. Dies, so Fegert, widerspreche dem allgemeinen Verfahrensgrundsatz, die Zahl der Befragungen von Kindern so gering wie möglich zu halten.

 "Je häufiger ich befrage, desto höher ist das Risiko, dass ich Aussagen dadurch verändere. Und ich setze natürlich immer wieder die Kinder einer Belastung aus. Ich suggeriere auch irgendwie, 'Ich glaube dir nicht, was du erzählst'. Wenn sie irgendwas fünf- oder sechsmal erzählen müssen, dann denken sie auch, 'Was mache ich denn falsch? Was stimmt an meiner Geschichte nicht, wenn immer wieder nachgefragt wird'?
Absperrband vor Hütten auf dem Campingplatz Eichwald | FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX

Jahrelanger Missbrauch und Behördenversagen: Für die Opfer ist der Fall Lügde gleich mehrfach traumatisch. Bild: FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX

Polizei verweist auf neue Fragen

Aufgrund der laufenden Ermittlungen und der dadurch gewonnenen Erkenntnisse seien die erneuten Anhörungen erforderlich gewesen, schreiben Polizei und Staatsanwaltschaft dazu.

Für Nebenklägeranwalt Roman von Alvensleben ist diese Argumentation allerdings nur ein weiterer Beleg für eine Vielzahl von Ermittlungsfehlern, die von verschwundenen CDs bis zu fehlerhaften Durchsuchungen reichen. Durch viele Pannen, Versagen und Unzulänglichkeiten sei es zu einer Verfahrensverzögerung gekommen, und das führe für die Opfer zu einer unnötigen Belastung.

Irgendwie die Zeit überbrücken

Die Eltern versuchen nun, diese Belastung aufzufangen, damit ihre Kinder die Zeit bis zum Prozessauftakt überstehen.

"Ich mache mit meinen Kindern gerade Selbsttherapie. Ich habe ihnen Tagebücher gekauft, in die sie ihre schlechten Tage oder die schlechten Gedanken, die sie haben, schreiben sollen. Meine Tochter hat schon gesagt: 'Mama, du willst aber keine Psychologin werden, oder?' Ich sage: 'Ich will euch nur helfen'."

Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Detmold Anklage gegen zwei Beschuldigte erhoben. Beim zuständigen Landgericht prüft man nun, ob diese zur Hauptverhandlung zugelassen wird.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 13. Mai 2019 um 22:15 Uhr.