Missbrauchsfall Lügde

Innenminister widerspricht Staatsanwalt

Stand: 26.04.2019 17:39 Uhr

NRW-Innenminister Reul widerspricht im Missbrauchsfall von Lügde der Staatsanwaltschaft. Im Interview mit WDR, NDR und SZ sagte er, er wolle weitere Untersuchungen. Die Anklage will sich dagegen auf die vorhandenen Beweise konzentrieren.

Von Torsten Reschke und Thomas Drescher, WDR

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) widerspricht offen der Staatsanwaltschaft in Detmold im Fall Lügde. Im Interview mit WDR, NDR und SZ sagte Reul mit Blick auf den Campingplatz in Lüdge (Kreis Lippe): "Wir müssen alles weiter untersuchen und werden das auch weiterhin machen."

Dagegen hatte die Staatsanwaltschaft bereits am 17. April mitgeteilt, die bei Abrissarbeiten in der vorletzten Woche aufgetauchten Datenträger und VHS-Kassetten besäßen keinerlei Relevanz. Die Ermittlungen sollten sich auf die vorhandenen Beweise konzentrieren. "Jeder denkbare Fund kann uns helfen", sagte dagegen Reul, "auch in möglichen anderen Fällen". Der Staatsanwalt, so Reul, habe eine andere Meinung als er.

Der Detmolder Oberstaatsanwalt Ralf Vetter sagte nach Reuls Äußerungen, er sehe keinen Konflikt mit dem Innenministerium. Wenn weitere Durchsuchungen erforderlich und zulässig sein, werde er dies beim zuständigen Gericht beantragen.

NRW-Innenminister Reul geht im Fall Lügde auf Konfrontationskurs mit der Staatsanwaltschaft.

Nach Recherchen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" hatten die Ermittler bei mehreren Durchsuchungen auf dem Gelände des Campingplatzes auch einen Geräteschuppen übersehen, der von dem Hauptverdächtigen genutzt wurde.

Minister Reul sagte, dies sei eine "Fehleinschätzung" gewesen. Man sei der Ansicht gewesen, dass dieses Gelände nicht zur Parzelle des Beschuldigten gehöre. Die Entscheidung darüber, was in dem Verfahren gemacht wird, treffe im übrigen die Staatsanwaltschaft. Der Campingplatzbetreiber hatte die Polizei bereits früh auf den Schuppen hingewiesen.

Diesen Schuppen hatten die Ermittler übersehen.

Zuvor waren beim Abbruch der Behausung des Hauptverdächtigen auf dem Campingplatz mehrere Datenträger aufgetaucht - obwohl die Polizei den Tatort sechsmal durchsucht und Ende März offiziell freigegeben hatte.

Wegen der zahlreichen Ermittlungspannen im Fall Lügde stehen Innenminister Reul und die Polizei unter erheblichem Druck. Der SPD-Innenexperte Hartmut Ganzke hatte nach den neuerlichen Funden Reuls Rücktritt gefordert. Die Ermittlungsfehler könnten laut Ganzke auch den Strafprozess zu dem Fall gefährden.

Ganzke und auch die Grüne Innenexpertin Verena Schäffer erinnerten an eine Aussage des Ministers. Im Februar hatte Reul im Landtag gesagt: "Wir drehen jeden Stein auf dem Campingplatz um. Notfalls wird jeder Stein geröntgt."

Auf dem Campingplatz in Lügde soll der 56-Jährige Hauptverdächtige Andreas V. mit einem Komplizen (34) über Jahre hinweg mindestens 40 Kinder missbraucht und dabei gefilmt haben. Die Opfer sollen zur Tatzeit zwischen drei und 14 Jahren alt gewesen sein. Die beiden Verdächtigen sowie ein 48-Jähriger aus dem niedersächsischen Stade sitzen in Untersuchungshaft.

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Missbrauchsfall Lügde: Innenminister Reul widerspricht der Staatsanwaltschaft
Arne Hell, WDR
26.04.2019 16:48 Uhr