Kommando Spezialkräfte | Bildquelle: picture alliance/dpa

Ermittlungen gegen KSK-Soldaten Die Kisten von Collm

Stand: 19.10.2020 16:38 Uhr

Im Verfahren gegen einen KSK-Soldaten aus Sachsen, in dessen Garten illegale Waffen und Sprengstoff gefunden wurden, sind die Ermittlungen abgeschlossen. Der Fall hatte weitreichende Konsequenzen für die Spezialkräfte.

Von Florian Flade, Volkmar Kabisch, Martin Kaul und Sebastian Pittelkow, NDR/WDR

Es kommt nicht oft vor, dass die Polizei bei einer Hausdurchsuchung mit einem Bagger anrückt. So geschehen Mitte Mai im kleinen Ort Collm in Nord-Sachsen. Hinter einer hohen Hecke grub dort das sächsische Landeskriminalamt (LKA) den gepflegten Garten eines Einfamilienhauses um. Die Ermittler waren auf der Suche nach weiteren Waffenverstecken. Tags zuvor waren sie bereits fündig geworden.

In dem kleinen Haus mit zwei Etagen wohnte Philipp S., 45 Jahre alt, Oberstabsfeldwebel der Bundeswehr, Angehöriger des Kommando Spezialkräfte (KSK). Am 13. Mai nahmen die Ermittler den Elitesoldaten fest. Auf seinem Grundstück in Collm hatten sie mehrere Kisten entdeckt. Darin befanden sich eine Kalaschnikow aus polnischer Fertigung, mehrere Tausend Schuss Munition und insgesamt zwei Kilogramm Plastiksprengstoff.

MAD wies auf Verdacht hin

Der Militärische Abschirmdienst (MAD) hatte die sächsische Polizei im Februar auf Philipp S. aufmerksam gemacht. Es gebe den Verdacht, teilte der Bundeswehr-Geheimdienst der Polizei mit, dass der Soldat illegale Waffenlager angelegt habe. Zudem stehe S. im Verdacht, ein Rechtsextremist zu sein. 

Der Fall schlug hohe Wellen - und hatte weitreichende Folgen für das KSK. Nach dem Waffenfund in Collm entschied Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), die 2. Kompanie des KSK aufzulösen. Zu viele rechtsextreme Vorfälle hatte es in den vergangenen Jahren in diesem Truppenteil gegeben, zu oft waren Soldaten aus jener Kompanie negativ aufgefallen. Die Ministerin versprach, mit dem "eisernen Besen" gegen rechtsextreme Umtriebe in der Bundeswehr vorgehen zu wollen - und ordnete umgehend eine Reform des KSK an.

Polizeiliche Ermittlungen beendet

Philipp S. sitzt noch immer in Untersuchungshaft. Nach Informationen von NDR und WDR sind die polizeilichen Ermittlungen nun zu einem Abschluss gekommen. Demnach muss der Soldat mit einer Anklage wegen des Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz sowie gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz rechnen. Ob Anklage erhoben wird, muss nun die zuständige Generalstaatsanwaltschaft in Dresden beschließen. Mit einer Entscheidung ist in den nächsten Wochen zu rechnen, so Beteiligte.

Die Ermittler gehen inzwischen davon aus, dass S. über gefährliches Material verfügte, das größtenteils aus Bundeswehrbeständen stammte. Hinweise, wofür der Soldat das Rüstungsmaterial nutzen wollte, fanden sich nicht. Auch für eine rechtsterroristische Tatabsicht gibt es, so heißt es aus Ermittlerkreisen, keinerlei Anhaltspunkte. Sein mutmaßlich rechtsextremes Gedankengut spielte bei den Ermittlungen letztlich nur eine Nebenrolle. Die Anwältin von Philipp S. ließ eine Anfrage von NDR und WDR unbeantwortet.

In Haus und Garten des Elitekämpfers entdeckten die sächsischen Ermittler nicht nur die Waffenkisten in mehreren Erdverstecken samt Sturmgewehr, Munition und zwei Kilogramm des hochexplosiven Sprengstoffs PETN, sondern auch weitere Waffen und Waffenteile. Gefunden wurden unter anderem das Griffstück und die Hülse einer verschossenen Panzerfaust, Nebel- und Übungsgranaten, ein Schalldämpfer, Messer und ein Teleskopschlagstock. 

Rechtsextreme Medien gefunden

Darüber hinaus wurden mehrere einschlägige Bücher, Hefte und Postkarten mit NS-Motiven sichergestellt, wie etwa ein SS-Liederbuch, vier Ausgaben der Zeitschrift "Nation und Europa", vierzehn Ausgaben von "Der Freiwillige", einer Zeitschrift für ehemalige Angehörige der Waffen-SS, und Shirts der in der rechtsextremen Szene beliebten Marke Thor Steinar.

Mehrere Handys und Laptops von Philipp S. haben die Ermittler inzwischen ausgewertet und sind dabei nach Informationen von NDR und WDR auch auf Chatnachrichten gestoßen, die ebenfalls eine rechtsextreme Gesinnung des KSK-Soldaten vermuten lassen. So soll der 45-jährige Oberstabsfeldwebel in rechtsextremer Sprache mit anderen Elitesoldaten gechattet haben und etwa der Buchstabe "s" mehrfach mit den SS-Runen ersetzt worden sein.

Philipp S. soll nach Erkenntnissen des MAD auch am 27. April 2017 bei der Abschiedsfeier für den KSK-Kompaniechef Pascal D. dabei gewesen sein, die aufgrund rechtsradikaler Umtriebe inzwischen im Fokus des Wehrdisziplinaranwalts bei der Bundeswehr und auch der Strafverfolgungsbehörden steht. Bei der Party soll Rechtsrock gespielt worden sein, es wurde angeblich mit Schweineköpfen geworfen und Hitlergrüße gezeigt. Der Verdacht, dass auch Philipp S. damals "rechtsextremistisches Verhalten an den Tag gelegt hat", so die Erkenntnis des MAD, "hat sich verdichtet". 

Bisher keine rechtsextremen Kontakte entdeckt

Bislang seien allerdings keine Kontakte von Philipp S. in die rechtsextremistische Szene erkennbar, so heißt es in Ermittlerkreisen. Auch gebe es nach Informationen von NDR und WDR keine Hinweise darauf, dass der Soldat beim Anlegen seines Waffenverstecks von jemandem Hilfe bekommen habe.

Geklärt wird indes weiter, ob es innerhalb der Bundeswehr eventuell doch Unterstützer gab, die vielleicht Munition oder Sprengstoff gestohlen - oder den Diebstahl gedeckt - haben. Es soll laut MAD Erkenntnisse geben, dass der gefundene PETN-Plastiksprengstoff möglicherweise bei einer Sprengübung im Jahr 2015 entwendet wurde. Zumindest sollen Unregelmäßigkeiten in den sogenannten Sprengkladden, in denen die eingesetzte Menge vermerkt wird, aufgefallen sein.

Bei der Auswertung des Handys von Philipp S. waren die Ermittler auf eine Verbindung zur rechten Prepper-Zelle "Nordkreuz" gestoßen - allerdings sollen diese Verbindungen nur mittelbar gewesen sein. In der Kontaktliste des Handys und in gemeinsamen Chatgruppen fanden sich die Telefonnummern von zwei Polizisten und dem Betreiber eines Schießstandes in Mecklenburg-Vorpommern. Alle drei Personen sollen wiederum Kontakte zu Marco G. gehabt haben, Ex-Polizist und Gründer von "Nordkreuz", der wegen illegalen Waffen- und Kriegswaffenbesitzes verurteilt wurde.

Fragen an den MAD

Unabhängig von der Anklage gegen Philipp S. sind der MAD und das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) noch immer dabei, mögliche Kennverhältnisse und Strukturen rund um den Fall zu beleuchten. Für den Bundeswehrgeheimdienst wurde es dabei bereits zwei Mal unangenehm: Zuerst gab es heftige Kritik vom Verfassungsschutz, denn der MAD hatte dem zivilen Nachrichtendienst nichts von der bevorstehenden Verhaftung und Durchsuchung in Collm mitgeteilt.

Dann musste der MAD zugeben, dass ein eigener Mitarbeiter wohl Dienstgeheimnisse - und zwar Ermittlungsinterna zum Fall Philipp S. - an weitere KSK-Angehörige verraten hatte. Zwei dieser Soldaten werden vom MAD als rechtsextreme Verdachtsfälle bearbeitet.

Am Abend vor seiner Festnahme, so ergaben die Auswertung von Laptop, Tablet und Handy, soll Philipp S. im Internet danach gesucht haben, welche rechtsextremen Symbole strafrechtlich relevant sind. Weshalb er danach suchte, kann nur Philipp S. selbst beantworten. Doch bislang schweigt er.

Über dieses Thema berichtete MDR SACHSEN - Das Sachsenradio am 14. Oktober 2020 um 17:00 Uhr.

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