Kommando Spezialkräfte | picture alliance / Franziska Kra
Exklusiv

Untersuchungsbericht zum KSK Fahrlässiger Umgang mit Munition - seit Jahren

Stand: 02.03.2021 22:38 Uhr

Die Elitetruppe der Bundeswehr gerät weiter unter Druck. Laut einem Untersuchungsbericht herrschten jahrelang eklatante Missstände beim Umgang mit Munition.

Von Florian Flade, Volkmar Kabisch und Martin Kaul, WDR/NDR

Der Eliteverband der Bundeswehr, das Kommando Spezialkräfte (KSK), gerät weiter unter Druck. Ein Untersuchungsbericht des Heeres zum Umgang mit Munition zeichnet eklatante Missstände bei den Spezialeinheiten, die in Krisen- und Konfliktgebieten im Anti-Terror-Kampf und für Geiselbefreiungen eingesetzt werden. Am Mittwoch will das Bundesverteidigungsministerium den Verteidigungsausschuss des Bundestages über die Generalinventur beim KSK und deren Ergebnisse unterrichten.

Keine Strafen für entwendete Munition

Nach dem Fund eines Waffendepots im Garten eines KSK-Soldaten in Sachsen im Mai 2020 hatte das Ministerium eine umfassende Untersuchung der Munitionsbestände im KSK angeordnet. Im Prozess gegen diesen Soldaten war jüngst bekannt geworden, dass der Kommandeur des KSK, Brigadegeneral Markus Kreitmayr offenbar im Frühjahr 2020 eine "Amnestie-Aktion" am KSK-Standort Calw angeordnet hatte. Entwendete Munition konnte anonym und ohne Konsequenzen zurückgegeben werden.

Nun gibt es einen 29-seitigen Abschlussbericht der Task Force "Munition" des Inspekteurs des Heeres zur "Überprüfung von Munition und sicherheitsempfindlichem Gerät Kommando Spezialkräfte (KSK)", der WDR und NDR vorliegt. "Die geltenden Vorschriften und Verfahren (…) wurden im KSK häufig nicht eingehalten. Dies führte im Nachweis der Munition zu teils erheblichen Bestandsdifferenzen und Unregelmäßigkeiten", heißt es darin. Über Jahre hinweg seien "fehlerhafte Nachweisführungen" erfolgt und so falsche Mengenangaben zu Munition zustande gekommen - teilweise "erhebliche Bestandsdifferenzen".

"Diebstahl kann nicht ausgeschlossen werden"

Bis heute würden rund 13.000 Schuss Munition und 62 Kilogramm Sprengmittel vermisst. Wo sich diese Restmenge befinde, sei "nicht mehr mit Sicherheit aufzuklären". Der Unterbestand an Sprengstoff sei "mit hoher Wahrscheinlichkeit" auf Zähl- und Buchungsfehler zurückzuführen, heißt es im Bericht. "Diebstahl kann aber auch in diesem Fall nicht gänzlich ausgeschlossen werden."

Der Untersuchungsbericht geht auch auf die Amnestie-Aktion ("Fundmunition") ein, die der KSK-Kommandeur Kreitmayr Ende März 2020 gestartet hatte. Acht Wochen lang konnte demnach Munition zurückgegeben werden, "die nicht vorschriftsgerecht im Kasernenbereich gelagert wurde oder sich unberechtigt im Besitz von Angehörigen des KSK" befand.

46.400 abgegebene Munitionsartikel

Und es kam einiges zusammen: Insgesamt seien 46.400 Munitionsartikel abgegeben worden. Es soll sich dabei zu 90 Prozent um Manöver- und Übungsmunition handeln und zu rund zehn Prozent um Gefechtsmunition. Eine solche "nachträglich organisierte anonyme Abgabe nach Aufforderung ist beispiellos", so steht es im Untersuchungsbericht. Dies werde den Anforderungen an einen "sicheren Umgang mit Munition (…) nicht gerecht".

Auch im Ausland soll beim KSK immer wieder Munition abhandengekommen oder falsch gezählt worden sein. Etwa bei einer 2019 in Kamerun beendeten Mission oder einer Übung im vergangenen Jahr in Mauretanien. Mehrere tausend Schuss Munition waren letztendlich doch wieder aufgetaucht - sie sollen bis heute in einer Deutschen Botschaft in Westafrika eingelagert sein. Die Covid-19-Pandemie hat einen Rücktransport nach Deutschland bislang verzögert.

"Fahrlässiger Umgang mit Munition auf allen Ebenen"

Im Fazit des Untersuchungsberichts heißt es: "Das Ergebnis der Rücknahme von Munition im KSK wie auch die o.g. weiteren Handlungsfelder zeigen einen zumindest fahrlässigen Umgang mit Munition auf allen Ebenen des KSK." In mehreren Fällen seien bereits disziplinarrechtliche Schritte gegen KSK-Angehörige eingeleitet worden.

Ob KSK-Kommandeur Kreitmayr für die "Aktion Fundmunition" im Frühjahr 2020 möglicherweise disziplinarrechtliche oder sogar strafrechtliche Konsequenzen fürchten muss, ist noch unklar. Die zuständige Staatsanwaltschaft Tübingen hat bereits einen Prüfvorgang angelegt. Sie will klären, ob durch die anonyme Rückgabe von entwendeter Munition möglicherweise eine Strafvereitelung stattfand.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 03. März 2021 um 09:07 Uhr.