Krankenschwester auf Corona-Intensivstation | Bildquelle: dpa

Coronavirus Immer mehr schwere Fälle bei Kindern

Stand: 14.05.2020 09:56 Uhr

Nach einer Häufung von schweren Entzündungen bei Kindern sind Ärzte alarmiert. Das Coronavirus könnte der Auslöser sein. Doch klar ist: Die allermeisten Kinder haben höchstens milde Symptome.

Von Christian Baars, NDR

Seit Ende April machen Meldungen Schlagzeilen über schwere Verläufe bei Kindern, die sich mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 angesteckt haben. Der französische Gesundheitsminister Olivier Véran zeigte sich beunruhigt, nachdem in Paris etwa 15 Kinder schwer erkrankt waren. Die Symptome ähnelten denen des sogenannten Kawasaki-Syndroms: Entzündungen der Blutgefäße, tagelanges Fieber und Hautausschlag.

Zuvor hatte bereits sein britischer Amtskollege Matt Hancock einige solcher Fälle bei Kindern geschildert. Die Beschwerden würden offenbar durch eine Überreaktion des Immunsystems ausgelöst und könnten in dem Coronavirus ihre Ursache haben, sagte Hancock.

In mehreren Ländern beobachtet

Auch in Italien, Spanien und der Schweiz berichteten Mediziner von schweren Entzündungen bei jungen Patienten. Und am vergangenen Wochenende meldete der Gouverneur des US-Bundesstaats New York, Andrew Cuomo, dass dort zuletzt mehr als 70 Kinder behandelt wurden, die an schweren Entzündungen litten. Drei von ihnen seien gestorben. Auch aus anderen US-Bundesstaaten wurden ähnliche Fälle gemeldet.

Doch noch ist unklar, ob diese Erkrankungen tatsächlich mit der Corona-Pandemie zusammenhängen. Zwar wurden bei vielen der Kinder Hinweise auf eine Infektion mit dem Virus gefunden, aber nicht bei allen. Und das Kawasaki-Syndrom trat auch schon vor der Corona-Pandemie auf.

In Deutschland seien jedes Jahr etwa 450 Kinder betroffen, sagt Johannes Hübner, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie und stellvertretender Leiter der Kinderklinik an der Universität München. Und bislang sei hier in den Statistiken nicht erkennbar, dass die Zahl dieser Erkrankungen zuletzt zugenommen habe.

Ungewöhnliche Häufung des Syndroms

Doch Ärzte weltweit sind alarmiert, seitdem Anfang Mai britische Ärzte in der Fachzeitschrift Lancet von einer "beispiellosen Häufung" solcher Fälle berichteten. Während eines Zeitraums von zehn Tagen sei es bei acht Kindern zu einem hyperinflammatorischen Schock gekommen, ähnlich wie beim Kawasaki-Syndrom, teilten die Mediziner mit und ergänzten: "Alle Kinder waren zuvor fit und gesund."

"Wir nehmen diese Berichte sehr ernst", sagt Reinhard Berner, der als Direktor der Kinderklinik an der Universität Dresden im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin sitzt. Er hält für "durchaus plausibel", dass eine Infektion mit SARS-CoV-2 bei Kindern zu einer Art Kawasaki-Syndrom führt.

Mögliche Überreaktion des Immunsystems

Die Ursache dieses Krankheitsbildes ist zwar noch unbekannt, doch vermutlich entsteht das Syndrom, weil das Immunsystem auf eine Atemwegsinfektion überreagiert. Als mögliche Erreger werden Coronaviren schon länger in Erwägung gezogen. In Deutschland sind laut Berner allerdings bislang fünf solcher Kawasaki-Fälle bei Kindern nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 registriert.

Die überwiegende Zahl der Kinder, die sich mit dem Coronavirus infizieren, haben nur sehr milde Symptome. Insgesamt sind in Deutschland mittlerweile mehr als 10.000 SARS-CoV-2-Infektionen bei Kindern und Jugendlichen registriert. Wie viele darüber hinaus eine Ansteckung gar nicht bemerkt haben, ist nicht bekannt. Verstorben sind laut dem Robert Koch-Institut bislang drei Patienten im Alter von unter 20 Jahren.

Ob bei ihnen eine Überreaktion des Immunsystems aufgetreten ist, ist allerdings unklar. In den USA, wo mittlerweile mit Abstand die meisten Infektionen auftreten, sind laut der Gesundheitsbehörde CDC bis zum 6. Mai insgesamt zehn Kinder im Alter bis 14 Jahren gestorben, die sich mit dem Coronavirus angesteckt hatten.

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