Protestbanner nach dem Mordes an Regina Martinez (Archivbild) | picture alliance / AP Photo
Exklusiv

Ermordete Journalisten in Mexiko Das tödlichste Land der Welt

Stand: 06.12.2020 18:00 Uhr

Mehr als 100 Journalisten wurden seit 2000 in Mexiko umgebracht. Verurteilt werden die wahren Mörder fast nie. In einem Fall haben Journalisten nun jedoch bewirkt, dass wieder Ermittlungen aufgenommen werden sollen.

Von Andreas Braun und Andreas Spinrath, WDR, Philipp Eckstein, Jan Lukas Strozyk und Benedikt Strunz, NDR

Am 28. April 2012 wird Regina Martínez im mexikanischen Bundesstaat Veracruz tot in ihrem Badezimmer gefunden - verprügelt und zu Tode gewürgt. Ein Raubüberfall, sagt die Polizei. Ihre Wertsachen sind aber noch da, es fehlen Martínez' Computer und die Tonaufnahmen ihrer letzten Interviews.

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Nach einigen Monaten gerät der drogensüchtige Jorge Silva ins Visier der lokalen Polizei. Zuerst gesteht dieser den Mord an der Journalistin, dann zieht er sein Geständnis zurück. Er sei gefoltert worden, vor allem mit Elektroschocks. Trotzdem wird er schuldig gesprochen und zu mehr als 38 Jahren Haft verurteilt. Bis heute beteuert er seine Unschuld.

Tatort des Mordes an Regina Martínez (Archivbild) | picture alliance / dpa

Der Tatort des Mordes an Regina Martinez (Archivbild). Die ermittelnde Staatsanwältin sprach davon, dass Spuren vernichtet worden seien. Bild: picture alliance / dpa

"Justizsystem war ein Saustall"

Sogar die Staatsanwältin Laura Borbolla, die damals für die mexikanische Bundesanwaltschaft ermittelte, glaubt nicht an die Schuld von Silva: "Das Justizsystem in Veracruz war ein Saustall", sagt sie. Als sie aus der Hauptstadt eintraf, seien die Spuren am Tatort schon vernichtet gewesen.

Martínez, Reporterin für das Magazin "Proceso", wurde 48 Jahre alt. Der Mord an ihr bewegte Mexiko: Menschen gingen auf die Straße, es kam zu Protesten gegen die Regierung. Ihr Tod war jedoch auch der Auftakt einer beispiellosen Welle der Gewalt: Allein im Bundesstaat Veracruz, in dem Martínez lebte, wurden seitdem 20 Journalisten ermordet. Im gesamten Land dokumentierte das "Committee to Protect Journalists" 119 Morde seit dem Jahr 2000. Mexiko gilt gemessen an den Zahlen als tödlichstes Land der Welt für die Presse.

"Forbidden Stories" führen Recherchen weiter

Deshalb nehmen sich acht Jahre nach dem Mord an Regina Martínez 60 Journalisten der Organisation "Forbidden Stories" erneut ihrer Recherchen an. Sie kommen von 25 Medien aus 18 Ländern, in Deutschland von WDR, NDR, "Süddeutscher Zeitung" und der "Zeit". Ihr Ziel ist es, zu ergründen, weshalb Mexiko bis heute im Würgegriff der Gewalt steckt.

Die gemeinsamen Recherchen laufen unter dem Namen #CartelProject, denn Martínez arbeitete in Veracruz, dem Bundesstaat, der als einer der Hauptorte der Kartelle und ihrer Drogengeschäfte gilt. Ihre Recherchen führten sie ins Umfeld der Gouverneure von Veracruz.

Im Graubereich zwischen Politik und Drogenkartellen sollen auch die neuen Ermittlungen zu ihrem Tod ansetzen: Dort gibt es viele Gerüchte, Mutmaßungen und manches mal auch klare Indizien - aber nur sehr selten Strafverfahren und Ermittlungen.

Tausende Vermisste in Massengräbern verscharrt

Für ihre letzte Recherche, die Martínez nicht mehr veröffentlichen konnte, suchte sie nach vermissten Mexikanern - in öffentlichen Gemeinschaftsgräbern. Die Interviews, die sie dafür führte, wurden offenbar gestohlen, nachdem man sie ermordet hatte.

In solchen Gräbern werden Menschen bestattet, die sich ein eigenes Grab nicht leisten können. Martínez zählte die Leichen in diesen Gräbern und verglich die Zahlen mit den offiziellen Todesstatistiken der Behörden. Ihre These: Jahrelang wurden verschwundene Menschen mutmaßlich in solchen anonymen Gräbern entsorgt - aber sie tauchten in keiner Statistik auf. "Sie war kurz davor, diese Geschichte zu veröffentlichen", erinnert sich ein Kollege. Ein anderer berichtet, dass seine Polizeiquellen ihn gewarnt hätten: Martínez solle mit dieser Recherche aufhören.

López Obrador will Ermittlungen wieder anschieben

Monatelang versuchten Reporter von "Forbidden Stories" nun, Martínez' Recherchen zu rekonstruieren. Ein ehemaliger hochrangiger Beamter, der aus Sorge um sein Leben nicht genannt werden will, erklärte, weshalb ihre Suche in den Gräbern so gefährlich war: Vor allem handle es sich um Menschen, die die Kartelle oder die Politik loswerden wollten. In Veracruz habe sich die Zahl der Verschwundenen während der Amtszeiten der Gouverneure Fidel Herrera und Javier Duarte verfünffacht: Fast 25.000 Menschen seien verschwunden, nur 5000 aber von den Behörden dokumentiert worden.

In einer Pressekonferenz bat "Forbidden Stories" den Präsidenten von Mexiko, Andrés Manuel López Obrador, um Antworten: Er versprach, dass er alle juristischen Mittel ausschöpfen wolle, um die Ermittlungen im Mordfall Martínez wieder aufzunehmen. Offiziell wurden sie 2015 geschlossen. Fraglich ist allerdings, wieviel López Obradors Worte zählen - denn er scheint die Kontrolle über die Gewalt in vielen Gebieten verloren zu haben, auch in Veracruz.

Ex-Gouverneur mit Drogenkartellen verbandelt?

Wenn den Ankündigungen Taten folgen, würde sicher auch Herrera befragt werden. Der heute 71-Jährige war bis 2010 Gouverneur von Veracruz. Das Forbes-Magazin zählte ihn einmal zu den "zehn korruptesten Mexikanern", das Zeta-Drogenkartell soll seinen Wahlkampf finanziert haben. Eine Verbindung zur organisierten Kriminalität hatte er stets bestritten. Bekannt ist Herrera für sein auffälliges Glück: Gleich zwei Mal soll er in der staatlichen Lotterie gewonnen - und insgesamt mehr als zehn US-Millionen Dollar kassiert haben.

Martínez soll sich in ihren Recherchen bis zuletzt mit ihm beschäftigt haben, nicht nur wegen der Massengräber, sondern auch wegen auffälliger Landgeschäfte, die Herrera gemeinsam mit seinem Nachfolger Duarte eingefädelt haben soll. Herrera selbst wurde nie eine Straftat nachgewiesen, weder vor noch nach dem Mord an Martínez. Auch wurde er nie von Ermittlern im Zusammenhang mit dem Mord an Martínez beschuldigt. 2015 wurde er vom damaligen Präsidenten Enrique Peña Nieto zum mexikanischen Konsul in Barcelona ernannt.

Ermittlungen in Katalonien

In Spanien, das zeigen neue Recherchen von "Forbidden Stories", kam er in den Verdacht, für mexikanische Drogenkartelle Geld zu waschen. Die katalanische Polizei eröffnete ein Ermittlungsverfahren und stellte es ein, als Herrera 2017 nach Mexiko zurückkehren musste. Der mexikanische Staat hatte ihn verklagt, gefälschte Krebsmedikamente für Kinder verkauft zu haben. Das Verfahren ist bis heute nicht entschieden. Herrera hat die Anschuldigungen ebenso bestritten wie die Geldwäsche-Vorwürfe.

Zahlreiche Experten glauben allerdings dennoch, dass Herrera mit den Drogenkartellen verbandelt ist. Ob er etwas mit dem Tod von Martínez zu tun hat? Ob er mit den Kartellen gemeinsame Sache machte? Herrera hat in der Vergangenheit alle Vorwürfe bestritten: Aktuell könne er Fragen nicht beantworten, richtete sein Sohn auf Nachfrage aus. Herrera sei zu krank.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. September 2020 um 15:48 Uhr.

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KOMMENTARE

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Sisyphos3 07.12.2020 • 00:40 Uhr

00:01 von schabernack

Und vergleichbar mit Journalismus ist das schon mal gar nicht. . sie finden Journalismus gut und wichtig ich finde Journalismus gut und wichtig belassen wir es einfach mal so, dass es für manche vielleicht wichtigeres gibt das zum Einen und man erwartet häufig Dankbarkeit, Wertschätzung für das was man tut schwierig wenn das der Gegenüber gar nicht haben will ....