Ein Polizist steht vor einer Tankstelle | dpa
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"Querdenker"-Szene Die Gewalt der "Maskengegner"

Stand: 01.11.2021 14:03 Uhr

In Deutschland kommt es immer wieder zu Gewalttaten durch "Maskenverweigerer" und "Querdenker". Warum aber werden die Fälle nicht systematisch erfasst?

Von Florian Flade, WDR, und Georg Mascolo, NDR/WDR

Was an jenem Abend des 18. September in der Aral-Tankstelle in Idar-Oberstein geschah, soll gut dokumentiert sein. Die Überwachungskameras haben die Tat aufgezeichnet, einen Ton allerdings gibt es nicht, nur Bilder. Zu sehen sein soll in der Aufnahme, wie ein 49 Jahre alter Mann an die Kasse herantritt, einen Revolver - Kaliber 3,57 - zieht, und dem Kassierer in den Kopf schießt. Der 20 Jahre alte Student starb.

Florian Flade
Georg Mascolo

Der Schütze war kurz zuvor schon einmal in der Tankstelle gewesen, auch das hatten die Kameras aufgezeichnet. Er wollte ein Sixpack Bier kaufen. Der Kassierer soll ihn darauf hingewiesen haben, dass er einen Mund-Nasen-Schutz tragen müsse. Daraufhin soll der Mann das Bier wütend auf den Tresen gehauen haben, nach Hause gefahren und mit der Waffe wiedergekommen sein.

Tags darauf stellte sich der Täter, ein selbstständiger Software-Entwickler, der Polizei. Dabei soll er erklärt haben, er habe ein Zeichen setzen wollen. Die Corona-Pandemie habe ihn stark belastet.

Der junge Tankstellen-Kassierer aus Idar-Oberstein ist womöglich das erste Todesopfer durch eine Gewalttat eines "Maskenverweigerers" in Deutschland. Bundesweit sorgte der Fall daher für Schlagzeilen und großes Entsetzen. Tatsächlich aber vergeht kaum eine Woche, ohne dass es irgendwo im Land zu körperlicher Gewalt, zu Angriffen und Bedrohungen durch Menschen kommt, die offenbar Gegner der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie sind. Durch Maskenverweigerer, selbsternannte "Querdenker" oder radikale Impfgegner.

Geschäfte und Nahverkehr oft Tatorte

Immer wieder weigern sich Personen, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen; vielfach kommt es zu solchen Vorfällen in Bussen, Zügen oder an Bahnhöfen. Aber auch in Einkaufszentren, Geschäften und sogar Arztpraxen. Nur einige Meldungen aus den vergangenen Monaten:

  • 09. Februar 2021: Maskenverweigerer attackiert Mann auf Markt in Sindelfingen.
  • 11. März 2021: Maskenverweigerer attackiert Busfahrer in Fürstenfeldbruck.
  • 01. April 2021: Maskenverweigerer attackiert schwangere Mitarbeiterin in Berliner Bäckerei.
  • 21. April 2021: Maskenverweigerer attackiert Bundespolizei in Zug nach Nürnberg.
  • 04. Mai 2021: Maskenverweigerer attackiert Stadt-Mitarbeiterin in Hildesheim.
  • 11. Mai 2021: Maskenverweigerer attackiert Bahn-Mitarbeiter in Braunschweig.
  • 12. Juli 2021: Maskenverweigerer attackiert Mann in S-Bahn in Köln.
  • 28. August 2021: Maskenverweigerer fliegt aus ICE nach Erlangen und wird gewalttätig.
  • 22. September 2021: Maskenverweigerer attackiert Bahnmitarbeiter in Dortmund.
  • 06. Oktober 2021: Maskengegnerin bedroht Tankstellen-Mitarbeiterin in Mülheim.
  • 13. Oktober 2021: Maskenverweigerer attackiert Busfahrer in Hamburg.
  • 18. Oktober 2021: Maskengegnerin randaliert in Bus in Berlin.
  • 25. Oktober 2021: Maskengegner greift Ordnungskräfte in Dortmund an.

Taten bisher nicht systematisch erfasst

In einigen Fällen spielte offenbar Alkohol eine Rolle, in anderen wiederum soll es Anzeichen für eine psychische Erkrankung der Angreifer geben. Auffällig ist jedoch: Es findet keine systematische, bundesweite Erfassung solcher Taten statt und keine Auswertung darüber, ob es möglicherweise einen bestimmten Tätertypus gibt, regionale Schwerpunkte oder besonders betroffene Örtlichkeiten.

Im Frühjahr 2020 hatte das Bundeskriminalamt (BKA) damit begonnen die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Kriminalität zu erfassen und auszuwerten. Die Behörde erstellte regelmäßig ein Lagebild aus den Daten, die aus den Bundesländern und von der Bundespolizei zugeliefert wurden. Seit dem Frühsommer allerdings wird dieses Lagebild nicht mehr fortgesetzt - und das, obwohl es weiterhin regelmäßig zu Gewalttaten kommt, die offenbar einen Pandemie-Bezug haben.

Motive oft schwer zuzuordnen

Die genaue Motivationslage ist indes oft alles andere als eindeutig, insbesondere dann, wenn die Person bislang im Kontext politisch-motivierter Kriminalität nicht aufgefallen ist. Vielfach kreuzen daher Polizisten nach solchen Taten in den Unterlagen "nicht zuzuordnen" an bei der Frage nach der Motivation.

"Allein die Tatsache, dass ein Corona-Bezug besteht, lässt noch nicht automatisch den Schluss zu, dass die Person zum 'Querdenker'-Milieu gehört", sagt der niedersächsische Landesinnenminister Boris Pistorius (SPD). Nicht jeder, der sich weigere, eine Maske zu tragen, sei ein "Querdenker" oder Extremist. Für die Polizei sei es oft schwierig, eine genaue Zuordnung zu treffen, deshalb müsse man sich bei der Analyse auf den Verfassungsschutz verlassen, so Pistorius.

Verfassungsschutz untersucht Täterbiografien

In den Verfassungsschutzbehörden, die seit einigen Monaten auch die "Querdenker"-Szene beobachten, verweist man auf ein weiter anhaltendes Phänomen auch gewaltbereiter Corona-Leugner und Maskenverweigerer. Man schaue sich die Biografien und möglichen ideologischen Hintergründe der Täter genau an, so ein hochrangiger Verfassungsschützer. Allerdings würde man nur vereinzelt von der Polizei über solche Vorfälle informiert.

"Es stellt sich die Frage, inwieweit diese Taten auch erfasst und eingeordnet werden", meint der Hamburger Verfassungsschutzleiter Torsten Voß.

Wahrscheinlich Mordanklage für Tat in Idar-Oberstein

Im Fall der tödlichen Schüsse in der Tankstelle von Idar-Oberstein geht die Staatsanwaltschaft Bad Kreuznach davon aus, dass es zu einer Anklage wegen Mordes kommen wird. Die Tat sei gut dokumentiert, auch durch drei Zeugen, die sich in dem Gebäude aufgehalten hatten, heißt es. Bei der Motivlage allerdings wird es schwieriger. 

Der Schütze soll, so haben die bisherigen Ermittlungen ergeben, in sozialen Netzwerken verschwörungsideologische Inhalte gelesen und verbreitet, und dort auch seine Ablehnung der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie geäußert haben. Zudem fanden die Ermittler bei der Hausdurchsuchung zahlreiche Schusswaffen.

Nach seinem ersten Besuch in der Tankstelle soll der Beschuldigte zudem ein Handyvideo im Selfie-Modus aufgenommen haben, das er offenbar an einen Verwandten in den USA verschickte. Auf Englisch soll er über den Kassierer schimpfen, allerdings keine Tötungsabsicht geäußert haben. 

Zum Zeitpunkt der Tat war der Mann offenbar alkoholisiert. Dazu wird nun ein Gutachten eingeholt. Die Blutprobe wurde jedoch erst rund zwölf Stunden nach den tödlichen Schüssen genommen, was nun ein mühsames Rückrechnen des Blutalkoholwerts nötig macht. Der Beschuldigte schweigt inzwischen zu seiner Tat. Außerdem soll er sich geweigert haben, an einer psychiatrischen Begutachtung mitzuwirken. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. September 2021 um 12:10 Uhr.

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KOMMENTARE

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Sausevind 01.11.2021 • 21:39 Uhr

19:05 von Hanno Kuhrt

"Die Suggestion, aus dem Artikel dass Millionen Impfgegner oder Maskenverweigerer potentielle Gewalttäter sind, finde ich niederträchtig" ,.,., Das steht nicht einmal ansatzweise im Artikel. xxx "aber passend zur vergifteten Atmosphäre in diesem Land-hier gibt es offensichtlich nur noch dafür oder dagegen-Argumente und Meinungsfreiheit zählen nichts mehr." ,.,. Da das oben von Ihnen Behauptete ja nicht im Artikel steht, fällt Ihre Anklage auf Sie selber zurück. Bleiben Sie bitte sachlich und verbreiten keine Fakes.