Ein Mitarbeiter des Gesundheitsamts der Stadt Köln demonstriert bei einem Mann einen Corona-Test per Rachenabstrich. | Bildquelle: dpa

Corona-Infektion Gesundheitsämter bekommen keine Laborwerte

Stand: 07.10.2020 18:05 Uhr

Die meisten Gesundheitsämter bekommen nach Recherchen von WDR, NDR und SZ bei einem positiven Corona-Test keine Laborwerte mitgeteilt. Diese sind jedoch ein wichtiger Hinweis darauf, wie ansteckend jemand ist.

Von Markus Grill, NDR/WDR und Mara Leurs, WDR

Philipp Traxel hatte sich bereits im März mit dem neuartigen Coronavirus infiziert, vermutlich bei einem Kurzurlaub in Paris mit zwei Freunden. Wenige Tage nach seiner Rückkehr bekam der 28-jährige Rheinländer leichtes Fieber und Kopfschmerzen. Als er bei seiner Hausärztin einen Test auf Sars-CoV2- machte, war das Ergebnis positiv.

Wie viel andere Infizierte auch, hatte er seinen Geschmackssinn zwischendurch verloren und keinen Appetit, wie er sagt. "Ich hab' in der Zeit acht Kilo abgenommen." Auch nach Ende der Infektion fühlte er sich noch mehrere Wochen schlapp. Erst im Sommer sei er konditionell wieder auf dem früheren Level gewesen.

Erneut positiv - aber auch ansteckend?

Im September brach Traxel dann gemeinsam mit seiner Freundin zu einer Urlaubsreise nach Portugal auf. Als sie nach einer Woche wieder auf dem Köln-Bonner Flughafen landeten, machte er als Reiserückkehrer einen Corona-Test - und war angeblich wieder positiv.

Wie kann das sein? Das Robert Koch-Institut (RKI) weist darauf hin, dass Infizierte auch "noch Wochen nach dem Symptombeginn" positiv getestet werden können. Die US-amerikanischen Centers for Disease Control (CDC) berichten sogar, dass jemand noch drei Monate nach seiner Genesung "niedrige Virenlevel" haben kann. "Dass diese positiven PCR-Ergebnisse bei genesen Patienten nicht mit Ansteckungsfähigkeit gleichzusetzen ist, wurde in mehreren Analysen gezeigt", schreibt das RKI.

RKI setzt Richtwert

Einen Hinweis darauf, ob jemand überhaupt noch ansteckend ist, trotz positivem Corona-Test, gibt der Ct-Wert. Dieser Laborwert zeigt an, wie viele Zyklen ein PCR-Test laufen musste, um ein positives Ergebnis zu zeigen. Je höher der Wert, desto weniger Virusmenge ist vorhanden.

Ab etwa 30 Runden findet sich in der Regel aber kein Virus mehr, das vermehrungsfähig wäre. Der Ct-Wert ist deshalb nach Angaben des RKI ein Wert, der "für die Verkürzung der Isolierungsdauer" herangezogen werden könnte.

Kein einheitliches Vorgehen bei Gesundheitsämterm

Wie gehen die Gesundheitsämter mit diesem Wert um? Das wollten WDR, NDR und "Süddeutsche Zeitung" (SZ) wissen und haben alle Gesundheitsämter zunächst gefragt, ob sie diesen Wert von den Laboren überhaupt mitgeteilt bekommen. Von den 137 Gesundheitsämtern, die die Fragen dazu beantwortet haben, sagen 73 Prozent, dass sie den Wert "selten" oder "nie" erfahren.

Bundesweit gibt es dabei große Unterschiede: Während in Baden-Württemberg nur 44 Prozent der Ämter den Ct-Wert "selten" oder "nie" mitgeteilt bekommen, ist dies in Rheinland-Pfalz bei 86 Prozent der Ämter der Fall.

Weil die Gesundheitsämter bis heute meistens keine Informationen über die Ct-Werte erhalten, können sie auch keinen Unterschied machen zwischen tatsächlich hochinfektiösen Menschen und ehemaligen Infizierten, bei denen der PCR-Test nur deshalb noch anschlägt, weil er hochsensibel ist.

Oft nur sehr geringe Virenlast festgestellt

Doch hohe Ct-Werte scheinen keine Seltenheit zu sein, fragt man die wenigen Gesundheitsämter, die die Werte tatsächlich bekommen. So schreibt das Gesundheitsamt Bremen: Von 124 Fällen, in denen sie den Ct-Wert erfahren haben, "waren insgesamt 20 Ct-Werte in einem Bereich, bei dem von einer geringen Virenlast in der Probe ausgegangen werden kann". Im Zollernalbkreis in Baden-Württemberg liegen 20 Prozent der mitgeteilten Ct-Werte über 30, im Kreis Bergstraße war dies bei 35 Prozent und in Viersen bei 63 Prozent der Fall.

Seit einigen Wochen wird über die Ct-Werte debattiert , und dies führt zu einem Umdenken bei medizinischen Laboren und Gesundheitsämtern. Auch das Uniklinikum Essen, das die Corona-Tests für die Stadt Essen auswertet, hat dem Gesundheitsamt den Ct-Wert bisher nicht mitgeteilt. Künftig wolle man das aber machen, sagt der Leiter des Instituts für Virologie, Ulf Dittmer, der gleichzeitig auch Vizepräsident der Gesellschaft für Virologie ist. "Mitte September haben wir dieses Thema auch in der Fachgesellschaft diskutiert und seitdem kommt das ins Rollen.

Reiserückkehrer Traxel hatte bei seinem Corona-Test am Köln-Bonner Flughafen einen Ct-Wert von 40, einen der höchstmöglichen überhaupt. Sein Gesundheitsamt im Rhein-Erft-Kreis zeigte sich davon aber unbeeindruckt. Obwohl er im März schon einmal positiv getestet worden war, ordnete das Amt im September erneut eine zehntägige häusliche Isolation an. Seine Freundin musste als enge Kontaktperson trotz negativem Corona-Test 14 Tage in Quarantäne.

Amt folgt RKI-Empfehlung nicht

Als Traxel sich ans Robert Koch-Institut wendet, schreibt ihm eine Sprecherin: "Wenn eine Infektion im März nachgewiesen wurde, kann davon ausgegangen werden, dass die Person heute nicht mehr ansteckend ist." Traxel leitet die E-Mail an sein Gesundheitsamt weiter. Der dortige Amtsarzt antwortet ihm, dass er die Einschätzung des RKI "respektiere", der Ct-Wert aber "leider nicht verlässlich ist, um daraus Schlüsse hinsichtlich der Isolierungsdauer zu ziehen. Daher müssen Sie sich wie besprochen leider der Quarantäne unterziehen."

Fragen zum Fall will das Gesundheitsamt Rhein-Erft nicht beantworten. Der zuständige Sachbearbeiter sei derzeit in Urlaub, teilt Amtsleiter Franz-Josef Schuba mit. Nur so viel: "Im vorliegenden Fall scheint die Fragestellung insgesamt eine etwas komplexere gewesen sein."

Virologe Dittmer aus Essen sagt, dass sie den Fall Traxel "anders bewertet" hätten. "Wir hätten dann einen Antikörper-Test gemacht. Wenn der Ct-Wert über 30 ist und ein genesener Patient Antikörper hat, muss man davon ausgehen, dass er nicht infektiös ist."

Am Klinikum Essen würden deshalb sogar Ärztinnen und Ärzte mit diesen PCR-Werten wieder ganz regulär arbeiten. "Wir hatten einige Mitarbeiter hier, die waren monatelang positiv in jedem Test, aber immer mit ganz hohen Ct-Werten, die haben wir dann nach einem positiven Antikörper-Test als gesund betrachtet."

Ct-Wert alleine nur begrenzt aussagekräftig

Dittmer ist dafür, dass jedes Labor den Ct-Wert dem Gesundheitsamt mitteilt. "Wir werden das künftig machen, und es wäre gut, wenn alle Labore in Deutschland das auch machen." Dittmer betont allerdings auch, dass man nicht allein auf den Ct-Wert vertrauen könne, wenn man beurteilen will, wie ansteckend ein Infizierter ist. Denn der Ct-Wert könne auch deshalb hoch sein, weil jemand erst am Beginn einer Infektion stehe oder weil der Abstrich ungenau entnommen wurde. Auch unterscheiden sich die PCR-Tests von Hersteller zu Hersteller, wodurch die Ct-Werte um zwei bis drei Werte voneinander abweichen können, sagt Dittmer.

Der Vorsitzende des Berufsverbands "Akkreditierte Labore in der Medizin" (ALM), der Labormediziner Michael Müller, reagierte ablehnend auf die Forderung, die Laborwerte regelmäßig mitzuteilen. Der PCR-Test sei eben ein Test, der nur feststellen könne, ob jemand positiv sei, aber nicht, wie stark positiv jemand sei.

Alle Versuche, "daraus einen quantitativen Test zu machen, sind mit Vorsicht zu genießen", sagt Müller auf Anfrage. Wenn man den Gesundheitsämtern generell die Ct-Werte mitteile, "gibt's auch das Risiko, dass die missverstanden werden können".

Doch auch bei Patienten, die am Anfang einer Infektion stehen, oder bei unsachgemäßen Abstrichen könne ein zweiter Test mit hohem Ct-Wert Klarheit bringen, sagt der Vizepräsident der Virologen-Gesellschaft Dittmer. Billiger als jemanden zehn Tage in Isolation zu schicken, sei so ein zweiter Test auf jeden Fall.

Über dieses und andere Themen berichten heute die tagesthemen um 22.15 Uhr.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 07. Oktober 2020 um 18:30 Uhr im "Echo des Tages".

Darstellung: