Mitarbeiterinnen sortieren Corona-Schnelltests in einer Fabrik in Cheongju, China | Bildquelle: AFP

Coronavirus Das Geschäft mit den Schnelltests

Stand: 03.04.2020 18:00 Uhr

Mehr als ein Dutzend Firmen bieten nach Recherchen von NDR, WDR und "SZ" bereits Schnelltests zur Corona-Infektion an. Das Gesundheitsministerium, Behörden und Ärzteverbände warnen jedoch vor Risiken.

Von Christian Baars, Markus Grill, Peter Hornung und Georg Wellmann, NDR/WDR

Das Coronavirus breitet sich weiter aus: Mehr als 80.000 Infektionen wurden in Deutschland bestätigt, weltweit mehr als eine Million. Allerdings ist nicht klar, wie viele Menschen sich möglicherweise infiziert haben, ohne es zu wissen.

Mehr als ein Dutzend Firmen bieten nun Schnelltests an, um diese Frage zu klären. Sie sollen erkennen können, ob sich im Blut Antikörper gegen das Virus finden. Dann - so die Hoffnung - hätte man es möglicherweise bereits überstanden und wäre immun.

Die angebliche Gewissheit gibt es zum scheinbar recht günstigen Preis von etwa 30 bis 40 Euro. Nach Angaben von Herstellern haben sie bereits Hunderttausende dieser Tests verkauft - und das innerhalb kürzester Zeit.

Zeitverzögerte Immunantwort als Problem

Doch das Bundesgesundheitsministerium warnt vor solchen Antikörper-Tests. Es bestehe ein "nicht geringes Risiko, dass der Schnelltest ein negatives Resultat zeigt, die getestete Person jedoch bereits hochinfektiös ist und sich in falscher Sicherheit wiegt", teilte es auf Anfrage mit.

Das Problem ist: Antikörper entstehen in der Regel erst ein bis zwei Wochen nach der Ansteckung. Zu Beginn der Infektion können diese Tests also gar nicht zuverlässig funktionieren.

Mitarbeiterinnen sortieren Corona-Schnelltests in einer Fabrik in Cheongju, China | Bildquelle: AFP
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Massenhaft werden die Schnelltests in asiatischen Fabriken - wie hier in China - hergestellt

 

"Wir wissen nicht, wie schnell die ansprechen", sagt Daniela Huzly von der Universitätsklinik Freiburg. Sie ist Bundesvorsitzende des Berufsverbandes der Ärzte für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie (BÄMI). Außerdem sei auch unklar, wie oft diese Tests sogar falsch reagierten. Denn sie seien überhaupt nicht sauber überprüft worden, kritisiert Huzly.

Zuverlässigkeit nicht bewiesen

So könne es sein, dass ein solcher Test vielleicht auch bei Menschen positiv reagiere, "die eine ganz andere Infektion durchgemacht haben". Und so etwas könnte schwerwiegende Folgen haben - wenn Menschen glaubten, sie seien immun und müssten sich nicht mehr schützen.

Auch Michaela Eikermann vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen sieht es kritisch, dass solche Tests nun angeboten werden. "Wir wissen ja noch gar nicht, wie zuverlässig dieses Tests sind", sagt sie. Sei so ein Test falsch-positiv, dann ängstigten sich die Menschen grundlos, sei er falsch-negativ, dann wiegten sie sich in einer falschen Sicherheit. Dennoch könne jeder "so einen Test innerhalb von wenigen Wochen quasi auf den Markt schubsen", kritisiert Huzly.

Von Asien aus in die ganze Welt

Tatsächlich können Hersteller laut geltenden EU-Vorschriften solche Diagnoseverfahren "selbst zertifizieren und auf eine unabhängige Überprüfung der Tests verzichten, bevor sie auf den Markt gebracht werden", schreibt das Paul-Ehrlich-Institut auf seiner Internetseite.

Die Validierung dieser Tests sei daher nicht gesichert, teilt das Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel mit. "Nachweislich gibt es hier auch Fälschungen." Erst ab Mai 2022 sei in der EU eine unabhängige Überprüfung vorgeschrieben.

Auf einer der weltweit größten Handelsplattformen, der Seite Alibaba, tummeln sich laut Bundesgesundheitsministerium viele Firmen aus Asien, die solche Schnelltests anbieten. Händler aus der ganzen Welt verkaufen diese dann teils unter eigenem Markennamen weiter. Die Recherchen von NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" (SZ) haben ergeben, dass offenbar fast alle der Antikörper-Schnelltests aus China stammen, oft aus der Stadt Hangzhou, wo mehrere Hersteller ihren Sitz haben.

Hohe Nachfrage in Deutschland

In Deutschland verkaufen Firmen diese Tests dann über Online-Shops oder den Großhandel. Manche Anbieter machen dabei transparent, dass ihre Tests aus China stammen, andere sagen indes, sie würden in Deutschland hergestellt. Oft ist die tatsächliche Herkunft schwer zu prüfen. Auffällig ist aber, dass einige Packungsbeilagen verschiedener Anbieter wortgleich sind. Nur Name und Logo des Herstellers wurden offenbar ausgetauscht. 

Und offenbar gibt es eine hohe Nachfrage. Ein Anbieter teilte mit, er habe gerade eine Fax-Aktion an 19.000 Apotheken in Deutschland durchgeführt. Die Resonanz sei ausgezeichnet gewesen. Andere sprechen von sechsstelligen Verkaufszahlen. Eine Firma hat nach eigenen Angaben bereits eine Millionen Bestellungen vorliegen, eine weitere will künftig zehn Millionen Tests pro Monat verkaufen.

Insgesamt haben NDR, WDR und SZ mehr als ein Dutzend Anbieter angefragt. Die meisten haben geantwortet und versichert, ihr eigener Test funktioniere einwandfrei. Sie verweisen zumeist auf angebliche eigene Untersuchungen, die sie in Asien hätten durchführen lassen. Demnach seien die Tests zu mehr als 98 Prozent zuverlässig bei der Diagnose der richtigen Antikörper, einige sprechen gar von 100 Prozent.

Immunität? Und wenn ja, wie lange?

Wo und wie genau die Überprüfungen durchgeführt worden sind, bleibt indes unklar. "Es gibt ja keine publizierte Studie, die irgendwie saubere Ergebnisse von diesen Testen zeigen würde", sagt Hulzy von der Uniklinik Freiburg.

Einige Anbieter räumen die bestehenden Unsicherheiten auch ein. Sie empfehlen, dass nur Ärzte diese Tests durchführen sollten, ergänzend zu anderen Untersuchungen. Denn neben den möglicherweise falschen Ergebnissen besteht noch ein Risiko: "Bislang ist völlig unklar, inwieweit eine bereits durchlebte Infektion zu einer Immunität führt", schreibt einer der Anbieter. Das sei abhängig von der Konzentration der Antikörper - und der Frage, wie schnell sie wieder abnehmen. Der alleinige Nachweis von Antikörpern zu einem bestimmten Zeitpunkt kann also keine Sicherheit vor einer erneuten Ansteckung geben.

Wegen all dieser Unsicherheiten fordert der Spitzenverband der Kranken- und Pflegekassen, dass die Bundesregierung im Rahmen ihrer Epidemiestrategie entscheiden müsse, "wer wann von wem getestet wird". Grundsätzlich - darin sind sich alle einig - wäre es wünschenswert, wenn es tatsächlich zuverlässige Antikörper-Tests gebe. 

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