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Staatsanwaltschaft ermittelt Betrug bei Corona-Soforthilfen?

Stand: 08.04.2020 17:47 Uhr

Die Soforthilfen der Bundesregierung locken offenbar auch Kriminelle an. Nach Recherchen von WDR, NDR und SZ ermittelt nun die Staatsanwaltschaft Köln wegen einer perfiden Methode im Internet.

Von Massimo Bognanni, WDR, und Peter Hornung, NDR

Soforthilfen, schnell und unbürokratisch - für viele Kleinunternehmer und Freiberufler sind die staatlichen Fördergelder in der Corona-Krise ein Segen. Die Milliardensummen, die der Staat gerade ohne große Prüfungen auszahlt, locken jedoch offenbar auch Menschen mit krimineller Energie an.

Die Staatsanwaltschaft Köln ist nach Informationen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" momentan einer besonders ausgeklügelten Masche auf der Spur. Justizkreisen in Nordrhein-Westfalen zufolge ermitteln bereits die Experten der "Zentral- und Ansprechstelle Cyberkriminalität" (ZAC).

Gut gefälschte Internetseiten

Konkret geht es den Strafverfolgern um die Betreiber zweier Homepages, die in NRW Corona-Soforthilfen für Unternehmer versprechen. Beide Seiten sehen der offiziellen Seite, mit der Selbstständige die staatlichen Fördergelder beantragen können, täuschend ähnlich-

Wer die Homepage öffnet, sieht tatsächlich das Antragsformular. Wie beim Original läuft oben rechts ein Countdown von 15 Minuten ab. Und wer auf "Impressum" klickt, der sieht die Adresse des NRW-Wirtschaftsministeriums. Doch hinter den Seiten steht mitnichten eine staatliche Stelle.

Betrugssystem, um Fördergelder abzugreifen?

Vielmehr vermuten die Ermittler dahinter ein mögliches Betrugssystem. Unfreiwillig könnten Unternehmer ihre Daten an Kriminelle geliefert haben, die damit wiederum die Fördergelder abgegriffen haben könnten. Die Staatsanwaltschaft Köln bestätigte auf Anfrage, entsprechende Homepages zu kennen, wollte sich jedoch zu Details nicht äußern.

Wirtschaftsministerium in Düsseldorf | Bildquelle: picture-alliance/ dpa
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Das NRW-Wirtschaftsministerium hat Anzeige erstattet.

Das Landeskriminalamt beschäftigt sich nach Informationen von WDR, NDR und SZ bereits mit dem Fall und hat eigens eine Ermittlergruppe für Subventionsbetrug eingerichtet. Das NRW-Wirtschaftsministerium hat demnach bereits am Dienstag Anzeige erstattet und warnt auf seiner Homepage inzwischen vor Betrügern und fordert Unternehmer auf, nur noch den offiziellen Link zu verwenden.

Betroffener aus NRW

Christian Ulrich ist ein Betroffener der möglichen Betrugsmasche. Der Webdesigner aus NRW reagierte umgehend, als die Landesregierung Ende März Soforthilfen angekündigt hatte. Selbstständige und Betriebe mit bis zu fünf Mitarbeitern erhalten pauschal 9000 Euro. Firmen mit bis zu zehn Angestellten bekommen 15.000 Euro überwiesen.

Ulrich suchte am 27. März über Google nach dem passenden Antragsformular, denn die Landesregierung hatte nicht sofort einen Link parat. Er gab auf einer vertrauenswürdig aussehenden Webseite seine Daten ein. "In dem Moment ist mir gar nichts aufgefallen. Das ärgert mich im Nachgang auch", sagt Ulrich. Kurze Zeit später hatte er eine vermeintlich offizielle Bestätigung im Postfach. Das Geld schien bewilligt. Nur: Die Finanzspritze war auch nach Tagen nicht auf seinem Konto.

Identitätsdiebstahl befürchtet

Als befreundete Unternehmer erzählten, sie hätten binnen eines Tages Geld erhalten, wurde er misstrauisch. Seine Nachforschungen ergaben einen bösen Verdacht: Die Webseite könnte eine Fälschung sein, gebaut, um Daten von Unternehmern abzufischen. Personalausweis- und Steuernummern, alle Informationen, die in den Behörden in Nordrhein-Westfalen derzeit oberflächlich geprüft werden, hatte er da schon preisgegeben.

Bei seinen Recherchen entdeckte Ulrich noch eine weitere verdächtige Seite. Er befürchtet Identitätsdiebstahl im großen Stil, um unter falschen Vorgaben an das Staatsgeld zu kommen. "Die haben im Prinzip alles, was uns für die Behörden eindeutig identifizierbar macht", sagt er. "Meine große Befürchtung ist, dass da schon Fördergelder abgeflossen sind. Man muss ja nur eine andere Bankverbindung angeben im korrekten Formular."

Strafanzeige gegen Unbekannt

Staatsanwaltschaft Köln | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Die Staatsanwaltschaft Köln geht den Betrugsvorwürfen nach.

Ulrich hat Strafanzeige erstattet, gegen Unbekannt, weil die Webseitenbetreiber hinter anonymen Dienstleistern versteckt bleiben. Über seine Erfahrungen hatte das "Handelsblatt" zuerst berichtet. Nun geht die Staatsanwaltschaft Köln der Sache nach und arbeitet Justizkreisen zufolge daran, die verdächtigen Seiten vom Netz zu nehmen.

LKA in NRW ermittelt gegen Corona-Förderbetrug
Peter Hornung, NDR
08.04.2020 17:20 Uhr

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Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 09. April 2020 um 00:08 Uhr.

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