Eine Flagge weht vor der chinesischen Botschaft in Berlin | Bildquelle: imago stock&people

Gescheitertes Projekt Gute China-Nachrichten gegen Geld?

Stand: 15.01.2020 18:00 Uhr

DAX-Unternehmen sollten 2019 für ein Projekt gewonnen werden, das China journalistisch in ein besseres Licht rücken sollte. Das haben Recherchen von WDR, NDR und "SZ" ergeben.

Von Georg Mascolo, Stella Peters und Benedikt Strunz

Es war ein - gelinde gesagt - ungewöhnliches Anliegen, mit dem sich der scheidende chinesische Botschafter Shi Mingde Ende Februar 2019 an mehrere deutsche DAX-Konzerne und Stiftungen wandte. Shi, der zu dieser Zeit kurz vor seiner Abreise nach Peking stand, erklärt in dem zweiseitigen Brief, dass es ihm während seiner Amtszeit nicht ausreichend gelungen sei, den Deutschen ein besseres China-Bild zu vermitteln.

Nun aber sehe er ein "vielversprechendes Projekt, das Abhilfe schaffen kann". Gemeint ist ein neues China-Informationsportal mit dem Titel "Chinareporter", für das Shi bei den Konzernen insgesamt 250.000 Euro einwerben wollte.

Deutsche Journalisten lieferten Konzept

Das Projekt, so ist es einem beigefügten Konzept zu entnehmen, wurde von den beiden deutschen Journalisten Georg Blume und Wolfgang Hirn entworfen. Hirn arbeitete bis zum Sommer 2019 als Reporter für das Manager Magazin, Blume arbeitet als freier Mitarbeiter für "Die Zeit" und als Pauschalist für den "Spiegel". Beide gelten als ausgewiesene China-Kenner.

Den beiden Journalisten sei es mit ihrem Projekt "Chinareporter" zuzutrauen "das China-Bild in Deutschland dauerhaft zu beeinflussen und objektiver" zu gestalten, schreibt Shi. Die deutschen Wirtschaftsvertreter bat Shi darum, sich "zeitnah" mit den beiden Journalisten zu treffen, damit der "Chinareporter" bald starten könne. Weiter schreibt der scheidende Botschafter zu dem Projekt: "Aus Peking werde ich es weiter begleiten".

Projekt wurde nie verwirklicht

Dem Konzept zufolge sollten für das Informationsportal, das niemals umgesetzt wurde, drei feste und drei freie Mitarbeiter beschäftigt werden. Ziel sei es gewesen den Leserinnen und Lesern "eine differenzierte Berichterstattung" über China zu bieten. Hierfür sollten in mehreren Rubriken, darunter "News", "Veranstaltungen" sowie "Essen + Reisen" regelmäßig Artikel publiziert werden. In dem Schreiben heißt es: "Als Rechtsform ist ein gemeinnütziger Verein vorgesehen, ähnlich der Atlantik-Brücke e.V.".

Peking durch "China Cables" unter Druck

Wu Ken, Chinas Botschafter in Deutschland (Archivbild) | Bildquelle: CLEMENS BILAN/EPA-EFE/REX
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Der chinesische Botschafter Wu trat an die deutschen DAX-Unternehmern heran.

In einem zweiten Schreiben bekräftigte Shis Nachfolger, der aktuelle chinesische Botschafter Wu Ken, das Anliegen. In einem Brief von Anfang Dezember 2019, der ebenfalls an mehrere DAX-Unternehmen ging, bittet Wu die deutschen Wirtschaftsvertreter "aus aktuellem Anlass (…), in der Sache tätig zu werden". Angesichts der "einseitigen Medienberichterstattung hier in Deutschland über China ist die Vermittlung eines allseitigen, besseren China-Bildes in Deutschland immer aktueller und dringender geworden".

Ende November hatten mehrere internationale Medien, darunter NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" unter dem Stichwort "China Cables" über die massenhafte Inhaftierung und Drangsalierung muslimischer Minderheiten in der Region Xinjiang im Nord-Westen-Chinas berichtet.

Wolfgang Hirn ist auch Mitglied des unlängst gegründeten Vereins "China-Brücke e.V.". Den Vorsitz des Vereins führt der ehemalige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich. Auf Nachfrage erklärte Friedrich, der heute Vizepräsident des Deutschen Bundestages ist, der "China-Brücke e.V." gehe unter anderem auf seine Initiative zurück und wolle einen stärkeren Austausch von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft beider Länder ermöglichen.

Hans-Peter Friedrich
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Der ehemalige Bundesinnenminister Friedrich rechtfertigt das Vorgehen Chinas.

Friedrich sagte, das Projekt "Chinareporter" sei nicht Teil der "China-Brücke". Er selbst habe von dem Vorhaben erst vor wenigen Wochen erfahren. Auf die Frage, wie er das Verhalten der chinesischen Botschaft bewerte, sagte Friedrich, es überrasche ihn nicht, "dass Botschafter und ihre Mitarbeiter dazu beitragen wollen, dass ihr Land in der Öffentlichkeit des Gastlandes gut wegkommt. Ich hoffe, dass dies auch auf deutsche Botschafter zutrifft."

Warnungen vor weiteren Manipulationsversuchen

China versuche derzeit auf unterschiedlichen Ebenen, politische Entscheidungsprozesse zu beeinflussen, warnt der stellvertretender Direktor des Mercator Institutes für China-Studien (MERICS), Mikko Huotari: "Es wird an vielen Stellen versucht Partnerschaft mit Institutionen, durch Vernetzung mit Wirtschaftsakteuren, mit Lobbyisten, mit hochrangigen Offiziellen, früheren Staatsoberhäuptern, mit früheren regierungsoffiziellen Verbindungen aufzubauen, die dann eben langfristig auch dazu genutzt werden, Meinung im Sinne Chinas zu machen."

Die beiden Journalisten bestätigten den Vorgang und sagten, dass die "Planungen für den "Chinareporter" Anlass zu Missinterpretationen geben konnten", das Projekt sei inzwischen eingestellt. Die Journalisten gaben an, dass sie ihr Projekt dem damaligen Botschafter Shi im Rahmen eines Abendessens vorgestellt hätten. Eine Finanzierung von chinesischer Seite sei dabei bewusst "zu keinem Zeitpunkt" angedacht gewesen.

Betroffene Medien untersuchen Vorgang

Auf Nachfrage erklärten das "Manager Magazin" und der "Spiegel", man habe erst durch NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" von dem Vorgang erfahren. Eine Sprecherin der "Zeit" sagte, ihr Mitarbeiter Blume habe sie einen Tag vor Eintreffen der Anfrage über das gescheiterte Projekt informiert. Alle drei Medien wollen den Vorgang nun intern aufklären.

Den Recherchen zufolge hat keine der angeschriebenen Stiftungen und keines der angeschriebenen Unternehmen der Bitte der chinesischen Botschaft entsprochen. Die chinesische Botschaft wollte sich zu dem Vorgang nicht äußern.

Das Medienmagazin ZAPP berichtet heute um ab 23:20 Uhr im NDR Fernsehen über dieses und weitere Themen.

 

Über dieses Thema berichtete das Medienmagazin ZAPP am 15. Januar 2020 um 23:20 Uhr.

Georg Mascolo | Bildquelle: picture alliance / SvenSimon Logo NDR/WDR

Georg Mascolo, NDR/WDR

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Benedikt Strunz, NDR

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