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Mutmaßlicher Spion Die Maulwurfjagd im BND

Stand: 28.12.2022 13:00 Uhr

Ein BND-Mitarbeiter soll Geheimnisse an Russland verraten haben. Recherchen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" zeigen, wie der Geheimdienst auf seine Spur kam - und warum zeitweise auch eine Kollegin von ihm ins Visier geriet.

Von Manuel Bewarder, WDR/NDR, und Florian Flade, WDR

Für den Bundesnachrichtendienst (BND) ist es Erfolg und Super-GAU zugleich: In den Reihen des deutschen Auslandsnachrichtendienstes soll ein mutmaßlicher Verräter enttarnt worden sein. Kurz vor Weihnachten wurde der BND-Mitarbeiter Carsten L. festgenommen, er sitzt nun in Untersuchungshaft. Der Vorwurf wiegt schwer: Landesverrat. L. soll Informationen an einen russischen Geheimdienst verraten haben - darunter BND-Unterlagen, die als Staatsgeheimnisse gelten.

Auf die Spur des mutmaßlichen Maulwurfs kam der BND nach Recherchen von WDR, NDR und "Süddeutscher Zeitung" zunächst vor einigen Monaten, durch den Hinweis eines ausländischen Partnerdienstes: Russlands Spionen seien BND-Geheimnisse zugänglich gemacht worden. Es müsse ein Leck im Dienst geben. Auch die "Bild"-Zeitung hatte darüber berichtet.

Komplizierte Suche

Der BND startete daraufhin interne Ermittlungen. Dafür zuständig ist die sogenannte Eigensicherung, eine Einheit, die abgeschirmt vom Rest des Dienstes arbeitet und Verräter im BND aufspüren soll. Sie verfügt über eine eigene Observationseinheit, die verdächtige Mitarbeiter heimlich überwacht, teilweise sogar bis ins Ausland verfolgt.

Die BND-Ermittler machten sich auf die Suche: woher das verratene Material stammte und wer darauf Zugriff hatte. Kein einfaches Unterfangen, immerhin hat der BND mittlerweile rund 7000 Mitarbeitende an mehreren Standorten.

Durch den Hinweis aus dem Ausland kam die Sicherheitsabteilung jedoch schließlich auf Carsten L., einen Beamten im höheren Dienst, der in der Gruppenleitung der Technischen Aufklärung (TA) tätig ist. Jenem Bereich des BND, der für die Überwachungsmaßnahmen von weltweiter Telefon-, Satelliten- und Internetkommunikation zuständig ist.

Einer der sensibelsten Posten

Es ist einer der sensibelsten Posten im Auslandsnachrichtendienst, hier laufen die Erkenntnisse aus abgehörten Telefonaten, Funksprüchen oder abgefangenen E-Mails zusammen. Etwa aus Kriegs- und Krisengebieten wie der Ukraine oder Syrien, oder zum iranischen Atomprogramm. Und es geht auch regelmäßig um die Erkenntnisse von Partnerdiensten, allen voran dem US-Abhördienst NSA oder dem britischen GCHQ. Rund die Hälfte aller gewonnenen Erkenntnisse des BND soll aus der Fernmeldeaufklärung stammen.

Carsten L. gilt dafür als Fachmann, er kam vor einigen Jahren von der Bundeswehr zum BND, hat den militärischen Rang eines Oberst. Er ist sowohl in der alten BND-Zentrale in Pullach bei München tätig als auch in Berlin, dem neuen Dienstsitz des Geheimdienstes. Bislang war der Mann nie auffällig gewesen. Nun aber geriet er in Verdacht, ein Maulwurf zu sein. Das hatte mit einer seiner Mitarbeiterinnen zu tun.

Kollegin gilt mittlerweile als entlastet

Von dieser Frau soll sich der BND-Mann immer wieder geheime Unterlagen angefordert haben, brisante Informationen, für die es keinen wirklich erkennbaren dienstlichen Grund gegeben haben soll. Die BND-Ermittler fragten sich, ob die Mitarbeiterin möglicherweise beim Verrat mitgemacht hatte.

Zuletzt soll sich der Verdacht gegen Carsten L. so stark erhärtet haben, dass der BND den Generalbundesanwalt informierte, der daraufhin ein Verfahren einleitete und das Bundeskriminalamt (BKA) mit den Ermittlungen betraute.

Am 21. Dezember wurde Carsten L. schließlich in Berlin festgenommen. Die Ermittler durchsuchten nicht nur seine Berliner Wohnung und sein Büro in der BND-Zentrale in Berlin-Mitte, sondern auch sein Wohnhaus in der Nähe von München. Und die Wohnung der Mitarbeiterin. Sie gilt mittlerweile als entlastet, es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass sie sich bewusst an einem Verrat beteiligt habe, heißt es.

Informationsfluss gilt als gesichert

Dass BND-Informationen an einen russischen Geheimdienst abgeflossen sind, gelte als gesichert, heißt es aus Ermittlerkreisen. Darunter soll auch Material sein, das Aufschluss darüber liefert, wie der BND bei der Aufklärung von Russland vorgeht. Geheimnisse ausländischer Partnerdienste sollen indes nicht betroffen sein.

Was die Motivation von Carsten L. gewesen sein könnte, darüber aber herrscht weiterhin Unklarheit. Es soll demnach kein Geld geflossen sein. Die Ermittler gehen deshalb auch der Frage nach, ob der BND-Mann möglicherweise erpresst wurde.

Für Carsten L. gilt weiterhin die Unschuldsvermutung. Sein Anwalt teilte auf Anfrage mit, dass er zu den Vorwürfen keine Stellung nehme. Der Generalbundesanwalt und der Bundesnachrichtendienst (BND) wollten sich auf Anfrage nicht weiter zu dem Verdachtsfall äußern.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 28. Dezember 2022 um 14:03 Uhr.