Blutdruckmessen

Pharma-Sponsoring Wenn sich Ärzte verführen lassen

Stand: 27.06.2020 07:56 Uhr

Eine Studie zeigt erstmals, dass Ärzte Medikamente häufiger verordnen, für deren Beobachtung sie Geld von Pharmafirmen bekommen. Kritische Mediziner fordern, diese Anwendungsbeobachtungen "endlich abzuschaffen".

Von Christian Baars und Markus Grill, NDR/WDR

Unter allen medizinischen Studien haben Anwendungsbeobachtungen den schlechtesten Ruf. Bei diesen Studien bezahlen Pharmakonzerne Ärztinnen und Ärzte dafür, dass sie beobachten und dokumentieren, wie gut ihre Patienten ein bestimmtes Medikament vertragen.

Wissenschaftlich gesehen sind diese Studien nach Ansicht vieler Fachleute meist wertlos, weil eine Kontrollgruppe fehlt und die Zahl der beobachteten Patienten in der Regel so klein ist, dass seltene Nebenwirkungen nicht auffallen. Häufig werden die Ergebnisse aus diesen Beobachtungen auch gar nicht veröffentlicht, sondern verschwinden in den Schubladen der Pharmaunternehmen. 

"Eine Art von legaler Korruption"

Anwendungsbeobachtungen (AWB) stehen deshalb seit Jahren im Verdacht, keine medizinisch-wissenschaftlichen Zwecke zu erfüllen, sondern nur den Absatz bestimmter Medikamente anzukurbeln. "Für mich ist das eine Art von legaler Korruption", sagte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach NDR, WDR und SZ auf Anfrage. "Den in AWB vorgenommenen Beobachtungen steht kein wissenschaftlicher Wert gegenüber." Nebenwirkungen müssten Ärzte ohnehin melden. "Insofern sind die AWB nichts anderes als eine Strategie des Unternehmens, dem Arzt einen Anteil an den Verschreibungen zu geben. Das führt zu falschen Anreizen."

Auf die Frage, wie viele Ärzte im vergangenen Jahr an Anwendungsbeobachtungen teilgenommen haben, antwortet die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), dass ihr "18.500 Namen teilnehmender Ärztinnen und Ärzte gemeldet wurden". Allerdings gebe es darunter auch Doppelmeldungen, weil manche womöglich an mehreren AWB teilnehmen.

Karl Lauterbach | Bildquelle: dpa
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SPD-Gesundheitspolitiker Lauterbach kritisiert das System der Anwendungsbeobachtungen.

Pro Patient bis zu 1437 Euro

Im Durchschnitt bekommen Ärzte dafür 140 Euro pro Patient von dem Pharmaunternehmen überwiesen, das die AWB beauftragt. Die höchsten gezahlten "Aufwandsentschädigungen" seien im vergangenen Jahr 1437 Euro pro Patient gewesen, wie die Kassenärztliche Bundesvereinigung auf Anfrage mitteilt. 

Eine Forschergruppe um die beiden Mediziner Cora Koch von der Uniklinik Freiburg und Klaus Lieb von der Uniklinik Mainz haben nun in der renommierten US-amerikanischen Fachzeitschrift "Plos Medicine" eine Untersuchung unter 7000 Ärztinnen und Ärzten in Deutschland veröffentlicht. Sie haben die Mediziner für ihre Untersuchung in zwei Gruppen geteilt: eine Gruppe, die an AWB teilnahm und eine Kontrollgruppe, die nicht an AWB teilnahm. Das Ergebnis: Die AWB-Ärzte verordneten ihren Patienten das entsprechende Medikament sieben bis acht Prozent häufiger als die anderen Ärzte.

Ein harter Befund der Beeinflussung

Lieb sagt dazu, dass dies ein "sehr harter und statistisch hochsignifikanter Befund" sei. Erstmals habe damit eine große Studie gezeigt, dass AWB tatsächlich das Verordnungsverhalten beeinflussen und diese umstrittenen Beobachtungen "weitgehend mit dem Ziel des Marketings und des Aufmerksam-Machens auf die Substanz" genutzt werden, sagt Koch. 

Sieben bis acht Prozent mehr Verordnungen höre sich vielleicht nicht viel an, sagt Lieb, aber wenn man wisse, dass sich die Medikamentenausgaben in Deutschland im Milliardenbereich bewegen, "dann sind das schon sehr große Beträge". 

Eine Patientin sitzt in einem Wartezimmer einer Zahnarztpraxis | Bildquelle: dapd
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Zu beobachten, wie ein Patient ein Medikament verträgt, kann Ärzten durchschnittlich 140 Euro einbringen.

Risiko für die Patienten

Letztlich seien AWB auch ein Risiko für Patienten, sagt Koch. Sie seien ein Anreiz für Ärzte, ihren Patienten womöglich nicht das für sie beste Medikament zu verschreiben, sondern jenes, für das der Arzt eine Zusatzprämie erhält. "Die größte Gefahr sehen wir darin, dass neue und teure Medikamente, mit denen weniger Erfahrungen vorliegen und die möglicherweise noch unbekannte Nebenwirkungen haben, statt älterer, bekannter Medikamente verschrieben werden und damit Patienten schaden könnten", sagt Koch.

Neben den umstrittenen AWB gibt es noch sogenannte "nichtinterventionelle Unbedenklichkeitsprüfungen" (NIUP), die die Arzneimittelbehörden gerade bei neuen Medikamenten gelegentlich vorschreiben, wenn deren Verträglichkeit noch nicht gut erforscht ist und die auch Lieb für sinnvoll hält.

Das Team von Koch und Lieb hat nur klassische AWB unter die Lupe genommen. Insgesamt hatten daran 2354 Ärzte in Deutschland teilgenommen. Die Forscher haben die einzelnen AWB jeweils mit einem "Marketing-Score” bewertet.

Honorare für Augentropfen-Tests

NDR, WDR und SZ haben exemplarisch einige der Pharmafirmen angefragt, deren AWB in der Studie einen hohen Marketing-Score erhalten haben. Teilnehmende Ärzte bekamen hier Honorare von bis zu 600 Euro pro Patient. In der Liste finden sich zum Beispiel Augentropfen mit den Wirkstoffen Timolol und Bimatoprost. Dazu hat die Pharmafirma Allergan eine AWB durchgeführt, bei der die Ärzte für jeden Patienten, bei dem sie die Anwendung des Medikamentes beobachten, 375 Euro bekommen konnten.

Die schriftlich eingereichten Fragen, wie viele AWB die Firma insgesamt durchgeführt habe und warum sie diese umstrittenen Beobachtungsstudien überhaupt praktiziere, will Allergan nicht beantworten und teilt nur kurz mit: "Wir bitten um ihr Verständnis, aber wir möchten an dieser Umfrage nicht teilnehmen."  

Mit einem ebenfalls hohen Marketing-Score wurden unter anderm AWB der Firma Grünenthal zum Schmerzmittel Tapendatol, vom Pharmaunternehmen MSD zu Mitteln gegen Rheuma-Erkrankungen und von Amgen zu einem Medikament bei Anämien bewertet. Amgen hat auf die Anfrage nicht reagiert.

Ziel: "Medizinischer Erkenntnisgewinn

Grünenthal teilte mit, dass es in den vergangenen zehn Jahren insgesamt elf AWB durchgeführt habe, neun davon zu Tapentadol. Grünenthal betonte, dass ihre AWB "ausschließlich dem medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn dienten". Auch MSD schrieb, dass AWB in der Arzneimittelforschung eine "wichtige Rolle" spielten. Sie würden Informationen über die Medikamente unter Alltagsbedingungen liefern.

Lieb, der auch Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und im Hauptberuf Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uni Mainz ist, hört solche Beteuerungen immer wieder - aber sie überzeugen ihn nicht, weil die Daten, die die AWB liefern, "häufig von schlechter Qualität" seien. Er fordert deshalb, "dass die Anwendungsbeobachtungen jetzt definitiv endlich abgeschafft gehören". 

Bereits im Jahr 2016 hatten NDR, WDR, SZ und Correctiv eine Auswertung aller Anwendungsbeobachtungen der Jahre 2009 bis 2014 veröffentlicht. Im Jahr 2014 hatte etwa jeder zehnte niedergelassene Arzt in Deutschland an einer AWB teilgenommen und dafür im Schnitt 669 Euro Honorar pro Patient bekommen. Zwischen 2009 und 2014 liefen in Deutschland mehr als 1300 AWB, bei denen Daten von etwa 1,7 Millionen Patienten erfasst werden sollten. Insgesamt verteilte die Pharmaindustrie auf diese Weise etwa 100 Millionen Euro pro Jahr an Ärztinnen und Ärzte in Deutschland.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 27. Juni 2020 um 08:20 Uhr.

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