Beweisfoto des Portemonnaies von Amis Amri | Bildquelle: Florian Flade, WDR

Anschlag am Breitscheidplatz Ein Portemonnaie und viele Fragen

Stand: 05.03.2020 12:00 Uhr

Durch sein Portemonnaie konnte Anis Amri als Attentäter vom Breitscheidplatz identifiziert werden. Doch an der offiziellen Darstellung, wann und wie die Geldbörse gefunden wurde, gibt es Zweifel.

Von Florian Flade, WDR

Sie dachten, sie hätten den Attentäter gefasst - jenen Terroristen, der mit einem gekaperten Lastwagen am Abend des 19. Dezember 2016 in den Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz gerast war. Schon kurz nach der Tat hatte die Polizei einen jungen Pakistaner festgenommen. Ein Zeuge hatte angeblich gesehen, wie er aus der Fahrerkabine des Sattelschleppers gesprungen und weggerannt war - doch es war nicht der Attentäter.

Zunächst hatten Rettungskräfte den leblosen Körper des polnischen Lastwagenfahrers Lukasz U. entdeckt, der von Amri erschossen worden war. Erst am Morgen des nächsten Tages untersuchten Fachleute der Tatortgruppe des Landeskriminalamtes das Führerhaus und stießen auf den entscheidenden Hinweis: In der Fahrerkabine des Lastwagens lag Amris Portemonnaie - samt Duldungspapier, das seine Identität verriet. So hatte er genug Zeit, durch mehrere europäische Länder zu fliehen, bis er zwei Tage nach seinem Anschlag von Polizisten in Italien erschossen wurde.

Warum wurde der Ausweis so spät gefunden?

Die Frage, warum die Polizei so lange brauchte, um Amri zu identifizieren, beschäftigt nun auch den Untersuchungsausschuss zum Fall im Bundestag. Mehrere Berliner Polizisten sind dort als Zeugen geladen. Eine kriminaltechnische Untersuchung des Lkw habe am Tatabend nicht mehr stattgefunden, heißt es von der Berliner Polizei.

Innenraum des Lkw
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Der Innenraum des LKW war durch den Anschlag verwüstet worden.

Erst am nächsten Tag fanden LKA-Spezialisten ein schwarzes Lederportemonnaie mit einem Duldungsdokument, es lag unter einer Wolldecke im Fußraum der Fahrerkabine. Das reichlich zerfledderte Papier mit der Nr. Q1684443 war vom Landratsamt im nordrhein-westfälischen Kleve ausgestellt worden - auf einen tunesischen Asylbewerber namens "Ahmed Almasri", geboren am 01.01.1995 in Skendiria. Auch ein Foto war eingeklebt, es zeigt einen jungen Mann mit kurzen dunklen Haaren, Brille und strengem Blick. "Ahmed Almasri" war eine falsche Identität, der wahre Name des Mannes lautete: Anis Amri.

Fahndung erst nach Stunden ausgelöst

Gegen 16.45 Uhr, so gab der LKA-Beamte, der das Portemonnaie entdeckt hatte, später zu Protokoll, habe er das LKA 11, zuständig für Tötungsdelikte, über den Fund informiert. Eine Abfrage der Personalie "Ahmed Almasri" in polizeilichen Systemen, soll innerhalb weniger Minuten den entscheidenden Treffer geliefert haben. Im LKA war nun klar: Bei dem Attentäter vom Breitscheidplatz handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Amri - einen polizeibekannten Gefährder, der lange im Fokus des Berliner Staatsschutzes stand.

Es dauerte trotzdem noch einmal mehrere Stunden, bis um 0.06 Uhr am 21. Dezember 2016 eine bundesweite und dann auch europaweite Fahndung nach Anis Amri ausgelöst wurde. In dieser Zeit hatte der Islamist schon Deutschland verlassen und war über die Niederlande, Belgien und Frankreich nach Italien geflohen.

U-Ausschuss verlangt Klarheit

"Die Ereignisse am Abend des Anschlags werfen immer noch Fragen auf", meint der FDP-Innenpolitiker Benjamin Strasser. "Wurden die Papiere von Amri wirklich erst am nächsten Tag gefunden, obwohl kurz nach dem Anschlag gleich mehrere Beamte zur Bergung des Fahrers und vermutlich auch zur ersten Durchsuchung im Führerhaus des LKW waren? Ich halte die bisherige Darstellung der Behörden für zweifelhaft."

Mittlerweile ist klar, dass sich wohl tatsächlich mehrere Polizeibeamte bereits am Abend des Anschlags in der Fahrerkabine des Lkw aufgehalten haben. War wirklich keinem der Polizisten die Geldbörse im Fußraum aufgefallen? Die Abgeordneten des Untersuchungsausschusses wollen dazu einige Berliner Polizeibeamte befragen. Denn schon länger soll es in den Polizeibehörden, die mit dem Fall Amri befasst waren, Gerüchte geben, wonach in Berlin nach dem Attentat unsauber ermittelt worden sei.

Ungereimtheiten bei der Beweisaufnahme

Ein LKA-Beamter aus Nordrhein-Westfalen, der im vergangenen Jahr als Zeuge im Bundestags-Untersuchungsausschuss geladen war, hatte beispielsweise erzählt, unter Berliner Polizisten sei darüber geredet worden, dass es "Unregelmäßigkeiten bei der Durchsuchung und Tatortbefundaufnahme im Führerhaus" gegeben habe. Möglicherweise sei es in der Fahrerkabine "deshalb so durcheinander" gewesen.

Zudem kursiere das Gerücht, auf dem Gelände, auf dem sich der Lastwagen befunden habe, habe eine Party stattgefunden. Einer der "Feierbeteiligten" sei dabei, so gab der LKA-Mann die Erzählungen wieder, durch die Fahrerkabine gerutscht und soll dabei bereits den Identitätsnachweis von Amri entdeckt haben.

Warum wurden Moscheen überwacht?

Zwei Polizeieinsätze, die noch in der Nacht des 19. auf den 20. Dezember 2016 in Berlin stattfand, werfen zusätzliche Fragen in Bezug auf die Feststellung von Amri als Attentäter auf. Die "Welt" hatte jüngst zuerst darüber berichtet.

So betraten schon um 01.07 Uhr, also nur fünf Stunden nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz, zwei Männer in Polizeiuniform die Fussilet-Moschee in der Perleberger Straße in Berlin-Moabit. Sie bleiben wenige Minuten, dann verlassen sie das Gebäude wieder. Einige Stunden später, um 05.44 Uhr, rücken erneut Polizisten vor der berüchtigten Moschee an. Auch sie betreten das Gebäude und bleiben einige Zeit darin.

Polizei spricht von Standardverfahren

In dem einschlägigen bekannten Islamisten-Treffpunkt, verkehrte auch Anis Amri regelmäßig. Warum aber tauchten so kurz nach dem Anschlag bereits Polizisten vor der Moschee auf, wenn doch angeblich erst viele Stunden später Amri als der Attentäter identifiziert wurde?

Die Polizei erklärt dies mit einen Standardvorgehen nach großen Anschlägen. Dazu gehören unter anderem systematische "Verbleibskontrollen bei allen Gefährdern und Relevanten Personen" sowie "Aufklärungsmaßnahmen" an Schwerpunkten der islamistischen Szene stattfinden, etwa bei Moscheen und anderen bekannten Treffpunkten. Die Polizeieinsätze an der Fussilet-Moschee in den Stunden nach Amris Attentat aber sind in keinem bekannten Einsatzprotokoll vermerkt. Auch dazu sollen Polizeibeamte in der heutigen Sitzung des Untersuchungsausschusses befragt werden.

Was wusste Bachmann - und woher ?

Auch ein Tweet wird den Untersuchungsausschuss in nächster Zeit wohl noch beschäftigen. Der Gründer der islamfeindlichen Pegida-Bewegung, Lutz Bachmann, hatte am Abend des Weihnachtsmarkt-Anschlags, um 22.16 Uhr getwittert: "Interne Info aus Berliner Polizeiführung: Täter tunesischer Moslem." Bachmann soll dazu in einer der kommenden Sitzungen des Untersuchungsausschusses als Zeuge geladen werden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. Dezember 2019 um 20:00 Uhr.

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