Alice Weidel | EPA
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Berateraffäre der AfD Ein problematisches Verhältnis

Stand: 19.08.2021 06:30 Uhr

Urlaub im Golfresort, Mietwagen und andere Gefälligkeiten: Alice Weidel hat nach Recherchen von NDR, WDR und der "Zeit" offenbar jahrelang von Zuwendungen eines Politikberaters profitiert.

Von Sebastian Pittelkow und Katja Riedel, NDR/WDR

Die Spitzenkandidatin der AfD für die Bundestagswahl, Alice Weidel, hat offenbar mehrere Jahre lang von Zuwendungen, Ratschlägen und Gefälligkeiten des Berliner Unternehmers und umstrittenen Politiknetzwerkers Friedel Opitz profitiert. Das versichert Opitz eidesstattlich - und das belegen auch zahlreiche Dokumente, die NDR, WDR und der "Zeit" vorliegen. Er habe Weidel als deren Berater "monetär und strategisch unterstützt", so Opitz.

Demnach will er Sachleistungen in Höhe von rund 10.000 Euro für Weidel übernommen haben, nur einen Teil soll sie zurückgezahlt haben. Es geht dabei um Mietwagen, Tablets und Smartphones, die Opitz Weidel zur Verfügung gestellt hatte. Manche dieser mutmaßlichen Zuwendungen könnte Weidel auch bei ihrer politischen Arbeit genutzt haben - andere hingegen waren privat.

Widersprüchliche Aussagen zu Geburtstagsfeier

So buchte Opitz für Weidel, ihre Frau und Kinder im Frühjahr 2018 ein Hotelzimmer in einem noblen Golfresort auf Mallorca und übernahm die Kosten in Höhe von mehr als 3500 Euro. Gemeinsam verbrachte man offenbar fröhliche Tage auf der Mittelmeerinsel. Opitz feierte dort auch seinen Geburtstag. Zahlreiche Fotos zeigen eine entspannte Atmosphäre. Später habe er Weidel diesen Aufenthalt privat in Rechnung gestellt. "Die Zahlung der in Rechnung gestellten Beträge für die Mallorca-Reise in 2018 ist bis heute nicht erfolgt", so versichert es Opitz eidesstattlich.

Auf Anfrage teilte Weidel zunächst mit, dass sie ihm "nichts schuldig geblieben" sei. Später präzisierte ein Sprecher, dass sie und ihre Lebensgefährtin Opitz vor Ort Geld in bar vorgestreckt hätten, weil dessen Bankkarte nicht funktioniert habe.  Eine eidesstattliche Versicherung wollte sie ihrerseits nicht abgeben. Opitz bestreitet dies vehement.

Jobangebot vor Mallorca-Reise

Pikant ist die Angelegenheit auch deshalb, weil Alice Weidel Politikberater Opitz kurz vor der Mallorca-Reise angeboten hatte, für sie offiziell als strategischer Berater im Bundestag zu arbeiten, bezahlt also aus öffentlichen Geldern. In einer E-Mail der damaligen Büroleiterin Weidels heißt es vier Tage vor der Abreise, ein Mitarbeitervertrag sei "noch in der Ausarbeitung". In dem Zusammenhang sendete die Weidel-Mitarbeiterin Opitz bereits einen Entwurf für dessen künftige Bundestags-Visitenkarten. Ein Kartensatz, in dem Opitz als "strategischer Berater von Alice Weidel" bezeichnet wird, wurde dann auch gedruckt.

Opitz teilte auf Anfrage mit, er habe sich letztlich gegen einen Vertrag entschieden, weil er sozialversicherungspflichtig angestellt werden sollte. Für ihn als Unternehmer sei dies unattraktiv gewesen. Auf Anfrage bewerten mehrere Staats- und Verwaltungswissenschaftler den gesamten Vorgang als heikel, weil der aus Steuergeldern finanzierte Beratervertrag als Gegenangebot für die Reise gewertet werden könnte und deshalb ein juristisches Nachspiel haben könnte.

Wer bezahlte Auto und Technik?

Geschäftsmann Opitz, der derzeit teure Luxusfahrzeuge transportiert und eine strategische Beratungsagentur führt, benennt auch weitere Zuwendungen, die er für Weidel übernommen haben will. So fuhr Weidel vor und während des Bundestagswahlkampfs 2017 jeweils mehrere Monate lang einen Volvo, den ihr Opitz' Firma auf ihren Wunsch hin überlassen haben will. Auch ein Smartphone und mehrere Tablets soll Opitz' Firma Weidel zur Verfügung gestellt haben - im  Jahr 2018, als sie bereits Fraktionschefin ihrer Partei im Deutschen Bundestag war.

Diese Leistungen hatte Opitz‘ Firma PWM später Weidel mal persönlich, mal als Abgeordnete und mal als Bundesvorstand der AfD in Rechnung gestellt. "Alice Weidel hat gegenüber dem AfD-Bundesverband erklärt, dass sie von Herrn Opitz keinerlei Spenden angenommen hat - weder in Geld- noch in Sachform. Sämtliche Rechnungen wurden abgegolten", hieß es auf Anfrage seitens der AfD. Alice Weidel selbst sagte auf Anfrage, sie habe "durch Herrn Opitz keinerlei Vorteile erlangt  - ganz im Gegenteil".

Opitz bestreitet das: Er behauptet, dass einige an Weidel gestellte Rechnungen unbeglichen seien und von seiner Firma als offene Posten verbucht wurden. Mahnungen habe Opitz nicht geschrieben. Er habe Weidels Karriere als Politikerin mit Ratschlägen und Sachleistungen unterstützen wollen.

Rückerstattung über berüchtigtes Konto

Lediglich eine Rückerstattung Weidels ist aktenkundig: 1892,10 Euro überwies sie ausgerechnet von ihrem Wahlkampf-Sonderkonto des AfD-Kreisverbands Bodenseekreis an Opitz‘ Firma. Über diese Überweisung hatten auch der "Spiegel" , das Recherchebüro Correctiv und das ARD-Magazin Kontraste berichtet. Es ist jenes Konto, auf das Weidel eine nach Ansicht der Bundestagsverwaltung illegale Parteispende über 132.000 Euro für ihren persönlichen Bundestagswahlkampf 2017 erhalten hatte.

Diese Kontoauszüge und die AfD-Spendenaffäre hatten ein Jahr später NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" enthüllt. Seither führt die Staatsanwaltschaft Konstanz in diesem Zusammenhang auch ein noch laufendes Ermittlungsverfahren. Bei der Überweisung an Opitz‘ Firma ging es um einen Mietwagen, den sie im Sommer des vergangenen Bundestagswahlkampfs fuhr. Eine Teilrechnung für dasselbe Fahrzeuge, die aus den Vormonaten stammt, blieb laut Opitz offen, was Weidel bestreitet. Weidel sagte auf Anfrage zu den Rechnungen, dass sie einige privat bezahlt habe, jedoch nicht alle Rechnungen nachvollziehen könne.

Vertrauliche Nachrichten im Chat

Opitz und Weidel pflegten bis zu einem Zerwürfnis vor etwa einem Jahr einen freundschaftlichen Kontakt, Chatverläufe zeigen ein vertrautes Verhältnis. Neben Privatem ging es auch immer wieder um politische und geschäftliche Themen. Weidel hörte offenbar auch auf ganz konkrete Ratschläge: An einem Sonntag im Juli 2018 schickte ihr Opitz per Mail ein Foto von einem Wanderausflug. "Für Facebook" hieß es im Betreff, und Opitz textete: "Ist der Weg auch noch so steinig, werden wir diesen zusammen meistern. Wir holen uns unser Land zurück."

Am Tag darauf postete Weidel das Bild und den Text so bei Facebook. Der Post trug ihr viele Schlagzeilen ein, war das Bild doch am St. Gotthard aufgenommen und damit in der Schweiz, nicht in Deutschland. Opitz half auch, als Weidel eine kleine Wohnung für die Parlamentswochen in Berlin suchte, gemeinsam mit einem ihrer Bundestagsmitarbeiter eine geeignete Bleibe zu finden.

Alice Weidel hat sich erst kürzlich wegen anderer Aufenthalte in teuren Hotels erklären müssen. Zu diesen hatte sie der dubiose Berater Tom Rohrböck eingeladen, mit dem Weidel mehr als zwei Jahre lang in Kontakt stand, wie sie einräumte. Recherchen von NDR, WDR und "Zeit" hatten vor wenigen Wochen ergeben, dass Rohrböck seit Gründung der Partei versucht hat, massiv Einfluss auf Funktionäre und die personelle Ausrichtung der Partei zu nehmen. Mehrfach soll er Funktionären demnach Hilfe bei ihren Parteikarrieren angeboten haben.

Die AfD hat im Fall Rohrböck eine parteiinterne Untersuchungskommission eingerichtet. Rohrböck wollte sich auf wiederholte Anfrage nicht äußern.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 19. August 2021 um 07:37 Uhr.