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Geheimes Netzwerk Das "rechte Phantom" der AfD

Stand: 23.06.2021 17:00 Uhr

AfD-Spitzenkandidatin Weidel und der Bundesschatzmeister der Partei wollen ein Netzwerk untersuchen, das innerparteiliche Prozesse in der AfD massiv beeinflusst haben soll. Hintergrund sind Recherchen von NDR, WDR und der "Zeit".

Von Christian Fuchs, Katja Riedel, Sebastian Pittelkow und Hannes Vogel, NDR/WDR

Der Unternehmer Tom Rohrböck soll seit Gründung der AfD massiv Einfluss auf führende Politiker und die personelle Ausrichtung der Partei genommen haben. Das zeigen Recherchen von NDR, WDR und der "Zeit". Rohrböck konnte demzufolge offenbar auf ein Netzwerk von rund 40 Bundestagsabgeordneten und weiteren Funktionären zugreifen - darunter AfD-Fraktionschefin und Spitzenkandidatin Alice Weidel. Sie bestätigte die Recherchen, schätzt das Kontaktnetz Rohrböcks auf etwa "die Hälfte" der Bundestagsfraktion. Es sei ein "sehr belastbares Netzwerk".

Der Bundesschatzmeister der AfD, Carsten Hütter, will nun dem Bundesvorstand eine interne Untersuchung vorschlagen, nachdem ihm aus der Partei mehrfach von finanziellen Angeboten Rohrböcks an AfD-Funktionäre berichtet worden sei. Hütter sagte, eine äußere Beeinflussung durch Dritte sei etwas, was "wir oftmals anderen Parteien vorwerfen". Das dürfe nicht Schule machen.

Weitreichende Verbindungen Rohrböcks

Die Verbindungen Rohrböcks reichten den Recherchen zufolge auch zu einzelnen Politikern in FDP, CDU und NPD hinein. Doch in der AfD konnte er offenbar systematisch ein Netz spannen, das über Mitarbeiterbüros, Funktionäre in Landesverbänden bis hin zu Schlüsselpositionen der Partei reicht. Einen offiziellen Beratervertrag hatte Rohrböck offenbar in keiner dieser Parteien, hieß es auf Anfrage.

Auch Weidel, die von 2017 an zwei Jahre mit ihm in Kontakt gestanden hat, spricht sich im Interview für Aufklärung aus. Hinter Rohrböcks Wirken "steckt Geld". Woher dieses stamme, sei ihr ein "völliges Rätsel". Einige Parteifunktionäre ließen sich von Rohrböck wiederholt in noble Luxushotels einladen - darunter auch Weidel selbst. Das erste Treffen der beiden fand im Sommer 2017 statt. Kurz zuvor war sie Spitzenkandidatin geworden. Von den Treffen erhoffte sie sich auch Unterstützung für die Finanzierung ihres Bundestagswahlkampfes.

Weidel gab falschen Namen an

Weidel sagte, bei einem der Treffen im November 2017 habe es um die "beginnenden Koalitionsverhandlungen" gehen sollen, einen "Informationsaustausch zur bevorstehenden Regierungsbildung". Bei einem Treffen in Österreich im Sommer desselben Jahres sei es um einen "Meinungsaustausch" von Vertretern der AfD mit anderen Parteien gegangen. Ihre Teilnahme sollte offenbar geheim bleiben. So checkte sie unter falschem Namen ein, "aus Sicherheitsgründen", wie Weidel heute sagt. Rohrböck beglich die Hotelrechnung zumindest in einem der Luxushotels.

Auch die heutige bayerische Landesvorsitzende der AfD, Corinna Miazga, und Damian Lohr, damals Chef der Jungen Alternative, waren mehrfach Rohrböcks Gäste in Luxushotels. Allein die Aufenthalte der drei AfD-Spitzenpolitiker in einem der Luxusressorts kosteten den Politikberater 6192 Euro. Reporter von NDR, WDR und "Zeit" konnten entsprechende Unterlagen einsehen. Lohr und Miazga betonten auf Anfrage, dass es sich auch um private Termine gehandelt habe. Dass Rohrböck wiederholt Hotelübernachtungen beglichen habe, räumte Miazga ein. Lohr sagte, es seien nicht die gesamten Kosten übernommen worden.

Fragwürdiges Unternehmenskonstrukt

Einige dieser Hotelrechnungen bezahlte Rohrböck mit der Kreditkarte einer Firma, die zu einem zumindest fragwürdigen Unternehmenskonstrukt gehört. Diesem gehörten etwa 30 Online-Plattformen und einige undurchsichtige Investmentfirmen an. Geldeingänge stammen - Rechnungen und Kontoauszügen zufolge - etwa aus Liechtenstein, von dubios erscheinenden PR-Firmen aus unterschiedlichen Teilen der Welt sowie von Kleinanlegern, die sich eine gewinnträchtige Geldanlage erhofften.

Auf dem Papier tauchen häufig Verwandte oder Freunde Rohrböcks als Geschäftsführer und Firmeninhaber auf. Tatsächlich aber soll er die Unternehmen steuern oder zumindest involviert sein. So berichten es ehemalige Geschäftsführer gegenüber NDR, WDR und der "Zeit". Laut internem Mailverkehr ordnete er etwa Zahlungen und Rechtsgeschäfte an. In dem Firmennetzwerk waren immer wieder Politiker als Geschäftsführer tätig - auch aus der AfD.

Gegenüber Gesprächspartnern erweckte Rohrböck den Eindruck, im Auftrag reicher Auftraggeber zu handeln. Sich selbst soll er als "Söldner" beschrieben haben. Wer diese Hintermänner sein könnten und ob sie tatsächlich Gelder zur Verfügung stellten, bleibt unklar. Mehreren Gesprächspartnern soll Rohrböck im Laufe der Jahre erzählt haben, Gelder des als streng konservativ geltenden Milliardärs August von Finck besorgen zu wollen oder gar bekommen zu haben. Einen Beleg dafür gibt es nicht. Von Finck ließ eine Anfrage unbeantwortet.

Konkrete politische Empfehlungen gegeben

Recherchen von NDR, WDR und "Zeit" zeigen, dass Rohrböck in Gesprächen und Chats einigen AfD-Politikern konkrete politische Empfehlungen gegeben und strategische Manöver betrieben hat. So soll er etwa 2019 in einer Auseinandersetzung um die Spitze der bayerischen Landespartei zugunsten Corinna Miazgas tätig geworden sein. Zunächst soll er sie zur Kandidatur ermuntert und schließlich einen Konkurrenten für das Amt gezielt ausgebremst haben, legen Chats nahe.

So schrieb er ihm drei Tage vor der Wahl: "Ich denke nicht, dass du kandidieren solltest." Und einen weiteren Tag später legt er nach: "Du läufst in eine Falle. Mehr als 30 Prozent bekommst du nicht." Kurz vor der Abstimmung zieht der Konkurrent tatsächlich seine Kandidatur zurück. Ob es am Einfluss Rohrböcks lag, ist unklar. Miazga bestreitet auf Anfrage, den Landesvorsitz aufgrund seiner Hilfe errungen zu haben.

Auch bei der AfD-Vorstandswahl in Baden-Württemberg 2020 mischte sich Rohrböck offenbar ein. Hier soll er sich mit einem Kompromissvorschlag zwischen den Konkurrenten Alice Weidel und Dirk Spaniel in die Wahl eingebracht haben. Spaniel bestätigte dies auf Anfrage. Der Unternehmer habe "deeskalierend" auf den Konflikt eingewirkt. Tom Rohrböck ließ einen umfangreichen Fragenkatalog unbeantwortet.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Juni 2021 um 20:00 Uhr in den Nachrichten.