Deutschland exportiert seinen Plastikmüll. | Bildquelle: dpa

Illegale Müllexporte nach Polen Verdacht gegen 36 deutsche Firmen

Stand: 29.08.2019 07:59 Uhr

Nach einem Großbrand auf einer Deponie in Polen hat die Staatsanwaltschaft Lódz 36 deutsche Firmen im Visier. Sie werden laut Monitor-Recherchen verdächtigt, Müll illegal exportiert zu haben. Ein Geschäft, das boomt.

Von Mathea Schülke, Lara Straatmann und Susanna Zdrzalek, WDR

Es ist der späte Abend des 25. Mai 2018: Die Mülldeponie in der polnischen Kreisstadt Zgierz bei Lódz geht in Flammen auf. 50.000 Tonnen Müll, vor allem Plastikabfälle, brennen lichterloh. Meterhoch lodert das Feuer - über mehrere Tage lang. Eine tiefschwarze Rauchwolke zieht kilometerweit über das Land.

Nach Monitor-Recherchen stammte mehr als ein Viertel der Abfälle aus Deutschland. Die zuständige Staatsanwaltschaft vermutet, dass ein großer Teil davon illegal nach Polen transportiert wurde. Sie hat nun 36 deutsche Unternehmen im Visier: 29 Entsorger und sieben Transportfirmen. Mit Hilfe deutscher Staatsanwaltschaften will sie jetzt herausfinden, ob und wie die Firmen in den Fall verstrickt sind.

Feuerwehr löscht Brand auf Deponie | Bildquelle: picture alliance / Grzegorz Mich
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Im Mai 2018 brach auf einer illegalen Mülldeponie in Polen ein Großbrand aus.

Boom deutscher Müll-Exporte

Der Fall Zgierz wirft ein Schlaglicht auf das schmutzige, aber lukrative Geschäft mit Müll. Ausgerechnet Deutschland, das als Weltmeister im Recyceln gilt, exportiert nämlich jede Menge Müll ins Ausland. Einer der großen Abnehmer: Polen. Deutschland gehört zu den Spitzenreitern beim Export von Abfall nach Polen. Vergangenes Jahr verzeichnete die polnische Umweltschutzbehörde GIOS einen neuen Rekord: 250.400 Tonnen deutschen Abfalls. 2015 waren es noch 54.000 Tonnen.

Das Geschäft lohnt sich für deutsche Entsorger, denn die Entsorgungspreise sind in Polen deutlich niedriger. Auch, weil der Müll oft nicht in Recycling- oder Verbrennungsanlagen landet, sondern einfach auf Deponien abgeladen wird. "In Deutschland bezahlen sie für das Verbrennen einer Tonne Abfall zurzeit bis zu 200 Euro. Der polnische Deponiebetreiber nimmt vielleicht 75 bis 80 Euro", sagt Umwelttechniker Grzegorz Wielgosinski von der Technischen Universität Lódz.

Mehr als 100 Brände

Auffällig häufig geraten solche polnischen Müll-Deponien in Brand. Allein im letzten Jahr waren gab es 117 Deponie-Brände. Oft steht Brandstiftung im Raum. Die Vermutung: Um Kosten zu sparen, zünden die Deponiebetreiber den Müll, der eigentlich recycelt werden sollte, einfach an, um ihn loszuwerden. Auf Kosten der Umwelt und der Menschen vor Ort.

Was genau da brennt, ist oft nur schwer festzustellen. Denn auch die Zahl der illegalen Mülltransporte von Deutschland nach Polen ist in den vergangenen Jahren offenbar gestiegen. Bei Stichproben finden Zöllner immer mehr Müll, der so gar nicht hätte exportiert werden dürfen - und trotzdem zu polnischen Deponien unterwegs war. Allein in der Region rund um den Grenzübergang Gubinek haben Zöllner in diesem Jahr bislang 21 Transporte erwischt, die unter das reine Plastik, das sie eigentlich an Bord haben sollten, andere Abfälle gemischt hatten.

Bislang kaum strafrechtliche Konsequenzen

Der illegale Müll landet offenbar auf Deponien in ganz Polen. Auf einer Deponie in der Nähe von Breslau etwa fanden polnische Behörden große Mengen falsch deklarierten deutschen Mülls. Die Umweltschutzbehörde schrieb sieben deutsche Behörden an. Auf Anfrage erklären einige von ihnen, der Abfall sei bereits nach Deutschland zurückgebracht worden. Geldbußen bekamen die Müllsünder aber nicht, der illegale Transport sei nicht hinreichend belegt.

Experten fordern schon lange mehr Kontrollen und härtere Strafen für illegale Mülltransporte. Umweltorganisationen wie Greenpeace gehen noch weiter. Solange der Müll dort entsorgt werde, wo es am billigsten sei, solle der Export von Plastikmüll vollständig verboten werden. "Ein Land wie Deutschland, das sich selbst Recyclingweltmeister nennt, muss selber mit seinem Plastikmüll klarkommen. Wir dürfen uns nicht länger dahinter verstecken, dass wir unseren Müll aus den Augen, aus dem Sinn in andere Länder karren", sagt Viola Wohlgemuth, Chemie-Expertin von Greenpeace.

Die Bundesregierung sieht aber offenbar keinen akuten Handlungsbedarf. Auf Anfrage von Monitor geht das Bundesumweltministerium auf den Vorschlag nicht ein. Man verurteile aber "jede Form der illegalen Abfallverbringung".

Diesen und weitere Beiträge sehen Sie heute um 21.45 Uhr bei Monitor im Ersten.

Über dieses Thema berichtete WDR5 im "Morgenecho" am 29. August 2019 um 08:49 Uhr.

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