Ein Bauer versprüht auf einem Feld ein Pestizid | Bildquelle: dpa

Pestizide Hochgiftige Exporte

Stand: 10.09.2020 09:02 Uhr

Deutsche Konzerne exportieren nach Monitor-Recherchen hochgiftige Pestizide, die in der EU nicht zugelassen sind. Fachleute kritisieren doppelte Standards und werfen den Unternehmen vor, eine schwächere Regulierung in ärmeren Staaten auszunutzen.

Von Elke Brandstätter und Andreas Maus, WDR

Natalie Castex erinnert sich noch genau an den Schock, als ihre Kinder plötzlich krank wurden. Morgens um 5 Uhr habe ihr Sohn Lucas plötzlich heftig aus der Nase geblutet, erzählt sie. Seine Augen seien blutrot gewesen. Dazu die Kopfschmerzen, die auch ihre Tochter hatte, dazu Erbrechen und Durchfall.

Eigentlich sei es ein normaler Morgen wie jeder andere gewesen, sagt Natalie Castex. Allerdings sei das "Monster" wieder unterwegs gewesen. So nennt sie die Traktoren, die rund um ihr Haus Pestizide versprühten im chilenischen Valle Elqui. In der Region wird Wein angebaut. Im chilenischen Winter werden die Pflanzen intensiv mit Pestiziden und Wachstumsregulatoren behandelt. Als ihre Kinder krank wurden, seien die Sprüh-Traktoren besonders häufig unterwegs gewesen. Dass die Symptome ihrer Kinder auf Pestizide zurückzuführen sind, lässt sich nicht nachweisen. Aber viele in der Region berichten von solchen und ähnlichen Schädigungen. Im Verdacht steht ein Produkt, das aus Deutschland importiert wurde und in Europa als Pestizid nicht zugelassen ist.

In Europa nicht zugelassen

Dass Pestizide akute Vergiftungen und auch gravierende Langzeitschäden hervorrufen können, ist unumstritten. Die für das Thema Pestizide zuständigen UN-Sonderberichterstatter schätzten 2017, dass akute Pestizidvergiftungen jährlich 200.000 Todesopfer fordern.* Die meisten der Opfer leben in Schwellenländern. Dort gelten oft laschere Regeln und viele Bauern wissen zu wenig über die Gefahren. Produziert werden die Pestizide aber häufig in Europa - auch in Deutschland. Europäische Chemiekonzerne exportieren zahlreiche Stoffe, die in Europa nicht zugelassen sind, weil sie Gesundheit und Umwelt schwer schädigen können.

In welchem Umfang das geschieht, zeigt nun erstmals eine Analyse der Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen Public Eye und Unearthed. Sie stützen ihre Erkenntnisse auf die systematische Analyse sogenannter Exportnotifikationen. Damit müssen europäische Unternehmen anzeigen, dass sie in Europa nicht zugelassene Pestizide exportieren wollen. Den Daten zufolge wurden im Jahr 2018 Exportnotifikationen für 41 Chemikalien erstellt, die in der EU nicht zur Anwendung als Pestizide oder Agrarchemikalien zugelassen sind. An erster Stelle steht dabei das Pestizid Paraquat, ein extrem giftiger Stoff, der beim Verschlucken tödlich ist und schon bei geringem Kontakt schwere Langzeitschädigungen hervorrufen kann. "Zum ersten Mal waren wir in der Lage, alle Exporte von Pestiziden, die als zu gefährlich für den Einsatz in der EU gelten, in andere Länder zu erfassen", sagt Laurent Gaberell von PublicEye. Das Ergebnis sei "ziemlich schockierend, weil wir nicht über eine oder zwei Chemikalien sprechen, sondern über eine ganze Reihe".

"Doppelmoral"

Deutschland steht den Recherchen zufolge an dritter Stelle der Exportnationen. Deutsche Unternehmen meldeten demnach 2018 mehr als 8000 Tonnen in Europa nicht zugelassener Pestizide für den Export an. Zwei Drittel davon gingen in Länder mit niedrigem oder mittlerem Einkommen. Fachleute wie der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für Pestizide, Baskut Tuncak, halten das für skandalös: "Es handelt sich bei dieser Doppelmoral um absichtlich geschaffene Schlupflöcher in der Gesetzgebung, die es der Industrie erlauben, weiterhin Auswirkungen auf Bevölkerungsgruppen außerhalb zu verlagern, die anfälliger für die Risiken toxischer Substanzen sind."

Das am meisten aus Deutschland exportierte Produkt war den Daten zufolge der Wachstumsregulator Dormex mit dem in Europa nicht für diesen Zweck zugelassenen Wirkstoff Cyanamid. Die bayerische AlzChem AG meldete den Export von fast 7000 Tonnen des Produktes, häufig in Länder Südamerikas wie Peru, Mexiko und Chile. Cyanamid gilt als giftig beim Verschlucken und steht im Verdacht, Krebs zu verursachen und die Fruchtbarkeit sowie das ungeborene Leben zu schädigen.

"Bei richtiger Anwendung ungefährlich"

Auch die deutschen Chemieriesen Bayer und BASF mischen den Daten zufolge beim Geschäft mit in der EU verbotenen Pestiziden mit. Der Bayer-Konzern hatte demnach 2018 den Export von rund 2500 Tonnen aus Ländern der EU gemeldet, darunter vor allem Produkte mit dem Wirkstoff Acetochlor, der als giftig für Säugetiere gilt und im Verdacht steht, Krebs auszulösen. BASF exportierte unter anderem 200 Tonnen Produkte mit Tepraloxydim. Der Stoff steht unter Verdacht, Krebs auszulösen und Kinder im Mutterleib zu schädigen. Die Konzerne betonen auf Anfrage von Monitor, man halte sich an alle Vorschriften. Die Stoffe seien in den Empfängerländern zugelassen und bei richtiger Anwendung ungefährlich.

Der ehemalige UN-Sonderberichterstatter Tuncak kennt viele Fälle von Vergiftungen gerade in Schwellenländern. Er fordert grundsätzliche Änderungen. Der Export von Pestiziden, die in Europa nicht zugelassen sind, müsse europäischen Konzernen grundsätzlich verboten werden: "Die Staaten sollten diese Schlupflöcher schließen und dafür sorgen, dass die Unternehmen innerhalb ihres Rechtsraumes nicht in der Lage sind, durch den Verkauf dieser zweifellos giftigen, schädlichen Pestizide und anderer Industriechemikalien Bevölkerungsgruppen anderswo auszubeuten." Das Bundeslandwirtschaftsministerium weist auf Monitor-Anfrage jede Verantwortung von sich. Für die Zulassung außerhalb der EU seien die jeweiligen Staaten zuständig. Man greife "nicht in die Souveränität von Drittstaaten ein".

*Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version bezog sich der Text auf eine ältere Studie der WHO. Da dies missverständlich wirken konnte, haben wir die Quelle für die Zahl der Todesfälle durch Pestizide geändert.

Beiträge zu diesem und weiteren Themen zeigt das ARD-Magazin Monitor am 10.09. um 21.45 Uhr.

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