Soldaten stehen vor einer Geburtsklinik in Kabul | Bildquelle: AP

Afghanistan Der unsichtbare Krieg

Stand: 18.06.2020 10:11 Uhr

US-Militär und NATO halten immer mehr Daten über den Afghanistan-Konflikt unter Verschluss. Kritiker sprechen von einer Verschleierungstaktik.

Von Nikolaus Steiner, WDR

Dr. Khan Agha, Direktor der Klinik Bartschi im Westen Kabuls
galerie

Der Direktor der Klinik Bartschi, Khan Agha, zeigt auf die Einschlusslöcher.

Dr. Khan Agha zeigt auf die Einschusslöcher und steht noch sichtlich unter Schock. Der stellvertretende Direktor der Klinik Bartschi im Westen Kabuls musste vor wenigen Wochen miterleben, wie bewaffnete Angreifer die Entbindungsstation stürmten. Sie schossen um sich, warfen Handgranaten. "Das ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, einfach unvorstellbar", sagt der Arzt. Laut der Organisation Ärzte ohne Grenzen starben bei dem Angriff 25 Menschen. 16 Mütter wurden gezielt in ihren Betten erschossen, zwei Kinder getötet. Wer dahinter steckt, ist bis heute unklar.

Trotz Abkommens - die Gewalt geht weiter

Das Verbrechen macht deutlich: Afghanistan kommt nicht zur Ruhe. Die Gewalt geht trotz eines Abkommens zwischen den USA und den Taliban weiter. Aber es wird immer mühsamer, sich ein genaues Bild davon zu machen. Und künftig dürfte es noch schwieriger werden, denn NATO und US-Militär geben immer weniger Daten über die Lage heraus.

Das kritisiert John Sopko scharf. Er ist unabhängiger Sonderbeauftragter der US-Regierung für den Wiederaufbau Afghanistans, SIGAR. Regelmäßig veröffentlicht SIGAR Berichte für den US-Kongress und die Öffentlichkeit über die Lage in Afghanistan: Über den Stand des Wiederaufbaus, die Sicherheitslage oder die wirtschaftliche und soziale Entwicklung.

Der Afghanistan-Sonderbeauftragte der US-Regierung Sopko.
galerie

Der Sonderbeauftragte der US-Regierung Sopko kritisiert, dass ihm die nötigen Unterlagen fehlen, um die Lage wirklich analysieren zu können.

Kennzahlen bleiben unter Verschluss

Doch Sopko und sein Team bekämen immer weniger Daten für ihre Berichte zur Verfügung gestellt, klagte er im Januar in einer Anhörung im US-Kongress: "Jede Kennzahl, die wir Ihnen, dem Kongress, und dem amerikanischen Volk in unseren Berichten zur Verfügung stellten, jede Kennzahl, die für Sie von Nutzen war, ist nun entweder geheim oder nicht mehr erhältlich", so Sopko. Militärische Informationen, die über Jahre veröffentlicht wurden, seien ihm jetzt einfach weggenommen worden.

Informationen über Distriktkontrolle und Angriffe

Vor zwei Jahren konnte SIGAR zum Beispiel noch detailliert aufzeigen, welche Gebiete in Afghanistan von den Aufständischen und nicht von der Regierung kontrolliert werden. Diese Daten werden laut SIGAR nicht mehr von der NATO und dem US-Militär erhoben und ihnen zur Verfügung gestellt. Ebenso wenig wie Daten, die zeigen, wie viele Angriffe von Aufständischen es in Afghanistan in jüngster Zeit gegeben hatte. Diese Informationen gelten neuerdings als geheim, kritisiert SIGAR. Begründung des Militärs: Die Verhandlungen und das Abkommen mit den Taliban.

US-Präsident Trump
galerie

US-Präsident Trump meint, solche Berichte dürften nicht an die Öffentlichkeit.

US-Präsident Donald Trump sind solche Berichte wie von SIGAR offenbar ein Dorn im Auge. Das machte er bereits im Januar 2019 in einer Kabinettssitzung deutlich: "Irgendein Sonderbeauftragter fährt da rüber und macht einen Bericht über jede Einzelheit, die passiert und sie geben das an die Öffentlichkeit weiter. Was ist das?" fragte Trump. "Wir führen Kriege und die geben solche Berichte an die Öffentlichkeit? Das ist verrückt!" Und an seinen Verteidigungsminister richtete er eine klare Botschaft: "Ich will, dass das nicht noch einmal vorkommt. Haben Sie das verstanden?"

"Eindeutige Verschleierungstaktik"

Afghanistan-Experte Thomas Ruttig
galerie

Der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig wirft Trump "Verschleierungstaktik" vor.

Für Afghanistan-Experte Thomas Ruttig steckt dahinter ein System. "Das ist eine eindeutige Verschleierungstaktik", sagt er. Trump wolle so schnell wie möglich die US-Truppen abziehen. Dass die Entwicklungen in Afghanistan alles andere als positiv sind, könne der US-Präsident dabei nicht gebrauchen. "Wenn es keine konkreten Daten gibt, auf die man sich berufen kann, kann man leichter die öffentliche Meinung manipulieren und sagen, es läuft doch alles einigermaßen positiv. Aber das ist nicht der Fall", so der Experte vom Afghanistan Analysts Network im Interview mit dem ARD-Magazin Monitor.

Keine Informationen über Luftangriffe mehr

Journalistin Jessica Purkiss  vom "Bureau for Investigative Journalism"
galerie

Die Journalistin Jessica Purkiss vom "Bureau for Investigative Journalism" beklagt ebenfalls den mangelnden Zugang zu Berichten.

Und auch an anderer Stelle sind die USA mittlerweile restriktiv bei der Informationsherausgabe. Jahrelang hatte das US-Militär detailliert aufgelistet, wo, wann und wie viele Luftangriffe in Afghanistan erfolgten - abrufbar auf der Homepage der NATO-Mission. Seit März, kurz nach dem Abkommen mit den Taliban, werden diese Informationen nicht mehr veröffentlicht.

Für Jessica Purkiss ist das ein großes Problem. Die Journalistin vom "Bureau for Investigative Journalism" aus Großbritannien recherchiert seit Jahren zu zivilen Opfern in Afghanistan, veröffentlichte umfangreiche Untersuchungen. Nach ihren Berechnungen sind in den vergangenen Jahren Tausende Zivilisten Opfer von Luftangriffen geworden, einige davon durch Angriffe der US-Militärkoalition.

Keine Daten, keine Aufklärung

Ohne die Daten des US-Militärs zu den Luftangriffen aber, werde Aufklärung immer schwieriger, sagt sie: "Es scheint mittlerweile einen völligen Blackout zu geben, was Daten über den Luftkrieg in Afghanistan betrifft. Das ist, glaube ich, dass erste Mal seit zehn Jahren, dass diese Daten nicht mehr verfügbar sind. Wir sehen einen massiven Wandel, was die Transparenz betrifft. Das ist besorgniserregend."

Auf Monitor-Anfrage verweisen NATO und US-Militär lediglich darauf, dass die UN in jüngster Zeit keine zivilen Opfer durch Luftangriffe der US-Koalition registriert haben. Die Bundesregierung erklärte allgemein, man teile die Sorge angesichts vieler ziviler Toter in Afghanistan. Bezüglich der Herausgabe von Daten schreibt sie, dass zur Einschätzung der Lage in Afghanistan "weiterhin Quellen zur Verfügung" stünden, wie etwa die Berichte der Vereinten Nationen.

Sanktionen gegen Aufklärer

Es gibt mittlerweile also weniger Informationen über einen ungeliebten Krieg und auch keine Aufklärung möglicher Kriegsverbrechen. Vergangene Woche autorisierte der US-Präsident Wirtschaftssanktionen gegen Mitarbeiter des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, die mutmaßliche US-Kriegsverbrechen in Afghanistan untersuchen wollen. Es scheint, als solle künftig nichts mehr ans Licht der Weltöffentlichkeit geraten - nicht der Krieg in Afghanistan und nicht seine Gräuel.

(Kein) Krieg in Afghanistan? Die Verschleierungstaktik der NATO
Nikolaus Steiner, WDR
18.06.2020 14:14 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Magazin "Monitor" am 18. Juni 2020 um 21:45 Uhr.

Logo Monitor
Darstellung: