Ein Pfleger hält die Hand einer alten Frau.

Intensivtherapie am Lebensende Zu Tode therapiert?

Stand: 07.11.2019 11:18 Uhr

Immer mehr Krankenhäuser bauen ihre Intensivstationen aus. Kritiker warnen: Durch finanzielle Anreize gebe es zunehmend Behandlungen, die sinnlos seien und das Leiden der Patienten vergrößern.

Von Lutz Polanz und Jochen Taßler, WDR

Angela S. stand kurz vor ihrem 71. Geburtstag, als bei ihr Eierstockkrebs diagnostiziert wurde. Sie entschied sich für eine Operation, wollte kämpfen, wieder gesund werden. Aber gleich nach dem Eingriff gab es Komplikationen. Angela S. musste notoperiert werden - und damit begann das Martyrium. Schlaganfall, Lungenentzündung, weitere Eingriffe.

Ausbau der Intensivmedizin
mittagsmagazin, 07.11.2019, J. Taßler/L. Polanz, WDR

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In ihrer Patientenverfügung hatte Angela S. festgehalten, dass sie "keine lebensverlängernden Maßnahmen" wolle, wenn dadurch das "Leiden ohne Aussicht auf erfolgreiche Behandlung" verlängert würde. Ihre Angehörigen waren schnell sicher, dass dieser Zustand erreicht sei. Doch die Ärzte hätten gegen ihren Willen immer neue Behandlungen durchgeführt, sagen sie. Insgesamt 14 Eingriffe musste Angela S. in den letzten vier Monaten ihres Lebens noch über sich ergehen lassen. 

Wie Angela S. wollen die meisten Menschen zuhause sterben. Aber bei vielen kommt es anders. Sie landen am Ende ihres Lebens auf Intensivstationen und werden komplexen Behandlungen unterzogen. Wie kommt das? Sind diese Eingriffe im Sinne der Patienten? Oder wollen die Kliniken damit vor allem Geld verdienen, wie Kritiker sagen? 

Intensivmedizin am Lebensende nimmt zu

Auf der Suche nach Antworten fehlte es bislang an belastbaren Zahlen, wie sich die "Intensivmedizin am Lebensende" entwickelt hat. Eine aktuelle Studie hat das nun erstmals systematisch untersucht. Dabei wurde festgestellt, dass die Zahl der Intensivbehandlungen zwischen 2007 und 2015 stark zugenommen hat: um drei Prozent jährlich - und damit deutlich stärker als die Zahl der Behandlungen insgesamt (plus 0,8 Prozent).

Die Studie zeigt auch, dass Intensivmedizin gerade am Lebensende zunimmt. Von den Menschen, die im Krankenhaus starben, war 2007 jeder fünfte vorher in Intensivtherapie, 2015 bereits jeder vierte. Und: Die Intensivtherapie-Patienten werden immer älter. Mit der allgemeinen Alterung der Gesellschaft sei dieser Anstieg nicht zu erklären, sagt Studienautorin Christiane Hartog. Die hätten die Forscher herausgerechnet. "Ich denke, dass die Krankenhäuser das wirklich mit dem Blick darauf tun, dass sie darüber Erlöse erzielen", so Hartog.

Finanzielle Anreize

Kliniken rechnen in Deutschland über ein Fallpauschalensystem ab. Das heißt: Für jede Behandlung bekommt eine Klinik eine festgelegte Summe. Kalkuliert wird anhand des Aufwands. Komplizierte Behandlungen lohnen sich in der Regel mehr als andere. Die Idee ist, dass leistungsgerecht honoriert wird. Aber das System schaffe so auch Fehlanreize, sagen Fachleute wie Günther Jonitz von der Berliner Ärztekammer. "In dem Moment, wo ich als Arzt die Entscheidung treffe für die Durchführung einer besonders aufwändigen Untersuchung, läuft automatisch der Film mit, wie viel Geld mir das bringt", sagt Jonitz. Und da werde dann eben lieber zu viel als zu wenig behandelt.  

Wie lukrativ manche Behandlungen sein können, zeigt das Beispiel der künstlichen Beatmungen. Für eine Beatmung zwischen 95 und 249 Stunden erhalten Krankenhäuser 2019 in bestimmten Fällen bis zu 89.000 Euro. Je länger beatmet wird, desto mehr bekommt das Krankenhaus. Gerade solche lukrativen Behandlungen werden an Krankenhäusern immer häufiger durchgeführt. Die Zahl der intensivmedizinischen Beatmungsfälle etwa ist in Krankenhäusern von 354.000 im Jahr 2008 auf 430.000 im Jahr 2017 angestiegen. Ein Plus von rund 22 Prozent. 

Krankenhäuser unter Druck

Ist der Bedarf so stark gestiegen? Oder behandeln deutsche Krankenhäuser auch unnötig, weil es sich finanziell lohnt? Die offiziellen Statistiken geben darauf keine Antworten. Fakt ist aber: Viele Krankenhäuser stehen finanziell unter Druck. So stark, dass sie praktisch gezwungen seien, mehr Fälle zu generieren, sagt Günther Jonitz. Sein drastisches Fazit: "Ein Krankenhaus, das eine grundsolide, angemessene Medizin macht, ist nach einem Jahr pleite."

Die deutsche Krankenhausgesellschaft räumt ein, dass es wegen Fehlanreizen in einzelnen Fällen zu unnötigen Behandlungen auf Intensivstationen kommt. "Ich kann nicht ausschließen, dass auch Fälle, die im Zweifelsfall auf der Normalstation behandelt werden könnten, noch einige Tage auf einer Intensivstation behalten werden, um dann die höheren Leistungen dort abrechnen zu können", sagt Gerald Gaß, der Präsident der Krankenhausgesellschaft gegenüber dem ARD-Magazin Monitor. Die Schuld daran sieht er jedoch nicht bei den Ärzten, sondern im System. "Das ist die Folge der Vorgaben, die wir von außen gemacht bekommen.", so Gaß. 

Immer mehr Intensivbehandlungen am Lebensende, Fehlanreize, die das begünstigen und Ärzte, die sich unter Druck fühlen: In der Antwort auf eine Anfrage des ARD-Magazins Monitor geht das Bundesgesundheitsministerium darauf kaum ein. Laut Ministerium habe sich die "Qualität der stationären Versorgung" seit Einführung des Fallpauschalensystems " sogar deutlich verbessert". Die neue Studie liefere lediglich "rein statistische Zusammenhänge", die "in dieser Form keine Ursachenzuweisung erlauben". 

Über dieses Thema berichtete das mittagsmagazin am 07. November 2019 ab 13:00 Uhr. Außerdem berichtete das ARD-Magazin Monitor am 07. November 2019 um 21:45 Uhr.

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