Ein Landwirt fährt mit einer Pestizid- und Düngerspritze über ein Feld | picture alliance / ZB
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Auch in Deutschland Industrie finanziert Glyphosat-Studien mit

Stand: 05.12.2019 10:00 Uhr

Glyphosat ist das weltweit am häufigsten eingesetzte Pestizid und das wohl umstrittenste. Dokumente zeigen erstmals, dass Monsanto auch in Deutschland verdeckt Studien finanziert hat, die den Nutzen von Glyphosat betonen.

Von Elke Brandstätter und Lutz Polanz, WDR

Seit Jahren tobt eine Lobbyschlacht um Glyphosat. Befürworter halten das Pestizid für unverzichtbar, um gute Ernten einzufahren. Gegner halten es für krebserregend und eine Bedrohung für die Artenvielfalt. Für Hersteller können gerade wissenschaftliche Studien gute Argumente sein - etwa wenn es um die Zulassung geht.

Gerade Monsanto hat in der Vergangenheit immer wieder Studien mitgeschrieben oder finanziert. Bekannt war das bislang aber nur aus den USA. Dokumente, auf die LobbyControl bei Recherchen gestoßen ist und die auch dem ARD-Magazin Monitor vorliegen, zeigen nun erstmals, dass auch in Deutschland verdeckt Studien finanziert wurden.

Es geht um mindestens zwei Studien des Agrarökonomen Michael Schmitz - ein angesehener Wissenschaftler, der bis 2015 an der Universität Gießen lehrte. 20 Jahre lang war er Sachverständiger für das Bundeslandwirtschaftsministerium und arbeitete als Gutachter für die Deutsche Forschungsgemeinschaft.

Teurer Glyphosat-Verzicht?

In einer Studie von 2011 setzte sich Schmitz zum Beispiel mit dem ökonomischen Nutzen von Glyphosat auseinander. Er kam gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern zu eindeutigen Ergebnissen: Ein Verzicht auf Glyphosat käme Deutschland und die EU teuer zu stehen. Pro Jahr ist von bis zu 1,4 Milliarden US-Dollar "Wohlstandsverlust" die Rede.

2015 kam er in einer Studie mit Kollegen zu dem Schluss, dass der Glyphosat-Einsatz ökologisch von Vorteil sei. Er schone den Ackerboden und senke den CO2-Ausstoß. Positive Einschätzungen, die nicht alle Wissenschaftler teilen. Beide Studien wurden von Monsanto mitfinanziert. Schmitz gab das jedoch nicht an.

Mit "finanzieller Förderung" von Monsanto

Jahrelang betrieb er unter der Adresse der Hochschule den Verein für Agribusiness-Forschung und ein dazugehöriges Institut. Dort entstand die Studie. In internen Protokollen, auf die LobbyControl bei Recherchen gestoßen ist und die Monitor vorliegen, schreibt der Verein selbst, die Studien seien mit "finanzieller Förderung" durch Monsanto zustande gekommen.

Auf Anfrage möchte Schmitz zur verdeckten Finanzierung keine Stellung nehmen. Er betont aber, wissenschaftlich seien die Arbeiten nicht zu beanstanden. "Die Unabhängigkeit der Wissenschaft ist am Output zu messen, also an den Veröffentlichungen und deren Qualität."

In den USA sieht sich Bayer Schadensersatzklagen wegen der angeblich krebserregenden Wirkung von Glyphosat konfrontiert. | REUTERS

In den USA sieht sich Bayer Schadensersatzklagen wegen der angeblich krebserregenden Wirkung von Glyphosat konfrontiert. Bild: REUTERS

LobbyControl: Verdeckte Finanzierung ist gefährlich

Ulrich Müller von LobbyControl hält die verdeckte Finanzierung für gefährlich. "Die Studien liefern den Glyphosat-Herstellern zentrale Argumente, die sie in ihrer Lobbyarbeit verwendet haben", sagt er. "Wenn diese Argumente als scheinbar neutrale Botschaften unhinterfragt in den Medien und in der Politik auftauchen, dann wird es natürlich problematisch."

Schmitz und seine Mitautoren verschwiegen aber nicht nur die Finanzierung ihrer Arbeit. Sie stellten ihre Ergebnisse zum Teil auch mit falscher Herkunft vor. Auf der 58. Deutschen Pflanzenschutztagung 2012 etwa präsentieren die Autoren ihre Ergebnisse offiziell als Vertreter der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Beide Glyphosat-Studien wurden später im Journal für Kulturpflanzen veröffentlicht, dem Fachjournal des zuständigen Bundesforschungsinstitutes, ebenfalls mit Verweis auf die Uni Gießen. Und von dort ging es dann weiter, etwa in die Glyphosat-Information der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft, in die Literaturliste des Bundestages und andere Publikationen.

"Gekaufte Forschung"

Christian Kreiß, Wirtschaftswissenschaftler und Autor des Buches "Gekaufte Forschung", sieht das kritisch: "Wenn eine wissenschaftliche Studie von Dr. Marlboro oder von Dr. Volkswagen oder Dr. Monsanto unterschrieben ist, glaubt das kein Mensch. Aber wenn ich mir einen Wissenschaftler an einer Uni suche oder auch nur die Uni-Nähe, dann hat man natürlich die Integrität der Universitäten auf seiner Seite, und dann hat das Wort ein völlig anderes Gewicht."

Auch der Bayer-Konzern, zu dem Monsanto inzwischen gehört, nutzte bis zuletzt eine der Studien von Schmitz für seine Öffentlichkeitsarbeit. Auf seiner weltweiten Info-Seite zu Glyphosat tauchte sie bis noch Anfang Dezember 2019 als ganz normale Informationsquelle auf. Erst nachdem Monitor dazu angefragt hatte, verschwand die Studie von der Seite.

Bayer: Kein Anlass, an Studieninhalten zu zweifeln

Dabei hätte Bayer deutlich früher wissen können, dass die Finanzierung durch Monsanto verschwiegen wurde. Denn die Dokumente, die Monitor vorliegen, zeigen auch: Hochrangige Vertreter von Bayer CropScience saßen jahrelang im Vorstand von Schmitz' "Verein für Agribusiness". Bayer teilte auf Anfrage mit, der fehlende Hinweis auf die Finanzierung entspreche nicht den Grundsätzen des Unternehmens. Man habe aber "keinen Anlass, an den Methoden, Inhalten oder Ergebnissen der Studien zu zweifeln".

Müller von LobbyControl fordert, Bayer müsse nun offenlegen, welche Studien von Monsanto in Deutschland und in Europa zu Glyphosat finanziert wurden. "Das Unternehmen muss sicherstellen, dass in der weiteren Glyphosat-Debatte nicht noch mal Studien verwendet werden als vermeintlich unabhängige Studien, die aber von Industrieseite finanziert werden", so Müller.