Ein Mitarbeiter des Präventionsteams der Bahn kontrolliert Reisende, ob sie die vorgeschriebenen Masken tragen. | Bildquelle: dpa

Bahnfahren und Corona Unterschätztes Risiko?

Stand: 20.08.2020 09:24 Uhr

Fahrgäste ohne Masken, fehlender Abstand, defekte Klimaanlagen: Laut Monitor-Recherchen werden die Risiken bei Bahnreisen möglicherweise unterschätzt. Dafür spricht auch eine neue Studie. Gewerkschaften schlagen Alarm.

Niklas Schenk und Leon Kaschel, WDR

"Alle sind in Deutschland unterwegs, alle sind hier unterwegs mit der Deutschen Bahn zu ihren Reisezielen." Die Züge würden immer voller. So beschreibt Zugbegleiter Christian Deckert die aktuelle Lage.

Deckert ist Mitglied im Bezirksvorstand NRW der Lokführergewerkschaft GdL und sorgt sich um die Gesundheit seiner Kolleginnen und Kollegen sowie die der Reisenden. Es sei "ein mulmiges Gefühl, da unterwegs zu sein und zu wissen, dass man in einer besonderen Situation ist, dass man dicht an dicht unterwegs ist, keine Abstandsregeln einhalten kann". Und man wisse auch nie, ob eventuell infizierte Personen unterwegs seien.

Lange Zeit auf engstem Raum gemeinsam mit vielen Personen - gerade auf Fernstrecken sei das Risiko offensichtlich, meinen Experten wie der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach im Gespräch mit dem ARD-Magazin Monitor. Aber auch Regionalbahnen seien "zum Teil schon wieder überfüllt". Daher müssten jetzt Maßnahmen ergriffen werden, weil sonst auch die Bahnfahrten das Risiko einer zweiten Welle erhöhten.

Neue Studie aus China

Eine neue Studie aus China zeigt: Je kleiner der Abstand zwischen Reisenden ist und je länger die Fahrt dauert, umso höher ist auch das Risiko einer Infektion. Dies sei "eine bemerkenswerte Studie", sagt Gérard Krause, Epidemiologe vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, "weil sie wirklich groß angelegt und daher erst mal sehr wertvoll" sei. 

Die Studie belege den Zusammenhang zwischen Abstand der Sitzplätze und dem Infektionsrisiko bei Bahnfahrten. Auch deshalb weist Krause auf die Notwendigkeit von Schutzmaßnahmen hin, insbesondere auf einen wirksamen Mund-Nasen-Schutz. Auch die Deutsche Bahn hält einen solchen Schutz für nötig - und offenbar für ausreichend. "Die Studie macht deutlich, wie wichtig das Tragen von Masken in Bussen und Bahnen ist. Hier sehen wir uns bestätigt", heißt es auf Anfrage.

Maskenpflicht kaum durchsetzbar

Allerdings: Viele der Bahnreisenden halten sich nicht daran. Schon beim Kaffeetrinken wird die Maske abgezogen, wenn sie denn überhaupt die ganze Zugfahrt über getragen wird. Zugbegleiter müssen Reisende immer wieder ermahnen, ihren Mund-Nasen-Schutz richtig zu tragen. "Wenn man durch jeden Wagen geht, bei jedem Gang, den man da durchgeht" komme das "mindestens fünf Mal" vor, sagt Zugbegleiter Deckert.

Eine Handhabe gegen die Reisenden haben die Bahnmitarbeiter nicht. Sie können Maskenverweigerer nicht des Zuges verweisen. Dies dürfte nur die Bundespolizei, die aber nicht über ausreichend Personal verfügt, um die Maskenpflicht in allen Zügen durchzusetzen.

Keine Virenfilter in Klimaanlagen

Und dann gibt es da noch die Klimaanlagen. Nach Aussage der Bahn droht hier keine Gefahr, weil die "Schienenfahrzeuge eine hohe Luftwechselrate" aufwiesen und "sehr viel Frischluft zugeführt" werde. Eine Übertragung von Viren durch die Klimaanlagen halte man für "äußerst unwahrscheinlich".

Anders als in Flugzeugen verfügen die Züge allerdings über keine Virenfilter. Inwieweit dadurch ein erhöhtes Infektionsrisiko auch über Aerosole besteht, will die Bahn erst noch erforschen, obwohl sich das Problem wohl schon im Winter verschärfen dürfte. Denn je mehr die Luft in den Zügen erhitzt werden muss, umso höher ist der so genannte Umluftanteil - und umso weniger Frischluft wird zugeführt.

Genau darauf komme es aber an, sagen Experten wie Markus Hecht, Leiter des Fachgebiets Schienenfahrzeuge an der TU Berlin: "Man sollte den Umluftanteil so klein wie möglich halten." Gerade im Winter werde es nicht ohne gehen, weil sonst die Temperaturen zu sehr absänken. "Und deshalb müssen wir die Zeit bis zum Winter nutzen, um da die Anlagen noch zu verbessern."

Dazu kommt: Immer wieder fallen Klimaanlagen aus - und oft bleiben die Reisenden in den Abteilen sitzen. Die mangelnde Zuverlässigkeit der Anlagen sei "ein riesiges Problem", sagt Hecht. Er würde "ganz dringend empfehlen, wenn eine Anlage ausfällt, diesen Wagen zu räumen, den Zug zu räumen".

Reservierungspflicht als Lösung?

Die Bahn setzt dennoch auch in Corona-Zeiten auf stärkere Auslastung. Während der Reise unterstütze "das Bordservicepersonal die Kunden dabei, sich innerhalb der Züge bestmöglich zu verteilen", heißt es.

Gewerkschaftsvertreter halten das für unverantwortlich. GdL-Chef Claus Weselsky fordert eine allgemeine Reservierungspflicht, um überfüllte Züge zu vermeiden und Abstandsgebote einhalten zu können. Damit könne man zumindest sicherstellen, dass nie mehr als 100 Prozent der Sitzplätze vergeben seien: "Man sollte nicht davon träumen, von überfüllten Zügen die Fahrgeldeinnahmen zu haben und dabei unsere Kolleginnen und Kollegen einem höherem Risiko auszusetzen."

"Offenes System"

Vorbilder dafür gäbe es. In Italien darf niemand ohne eine Reservierung einen Fernzug besteigen. Dort bleiben auch viele Sitze frei. Aber die Deutsche Bahn lehnt einen solchen Vorschlag ab. Man wolle an dem "offenen System, das Bahnkunden in Deutschland sehr schätzen" festhalten.

Für Gewerkschaftsvertreter wie Zugbegleiter ist das nicht nachvollziehbar, auch wenn sie die wirtschaftlichen Probleme der Bahn durchaus sehen. Die Stimmung unter seinen Kollegen und Kolleginnen sei mittlerweile "sehr angespannt", sagt Zugbegleiter Deckert. Schließlich wisse man, "dass es keine Sache ist, die in den nächsten zwei, drei Wochen wieder vorbei sein wird".

Über dieses Thema berichtete das Erste am 20. August 2020 um 21:45 Uhr in der Sendung "Monitor".

Logo Monitor
Darstellung: