Ärzte stehe neben einem Patienten | Bildquelle: Redaktion MONITOR

Beatmung bei Covid-19 Mehr Schaden als Nutzen?

Stand: 30.04.2020 11:26 Uhr

Weltweit gilt die invasive Beatmung als vielversprechender Weg, besonders schwere Covid-19 Verläufe in den Griff zu bekommen. Doch es gibt auch Zweifel.

Von Jochen Taßler und Jan Schmitt, WDR

Als Arzt in New York hat Stefan Flores an vorderster Front gegen Covid-19 gekämpft. Kaum eine Stadt hat es so hart getroffen wie die Millionenmetropole - und sein Krankenhaus wurde geradezu überrannt. Die besonders schweren Fälle habe er am Anfang früh intubiert, also Patienten an Maschinen angeschlossen, die das Atmen komplett übernehmen. Er hatte gehofft, ihr Leben damit retten zu können, aber das gelang nur selten. "Die Patienten starben einfach alle gleichzeitig während meiner Schicht", sagt Flores. "So etwas habe ich noch nie erlebt."

Eine Erfahrung, die Ärzte bei Covid-19 offenbar weltweit machen. Erste Studien deuten auf extrem hohe Sterblichkeit bei invasiver Beatmung hin - viel mehr als üblicherweise bei dieser Behandlung. Hinzu kommen sehr oft Folgeschäden bei den Patienten, die diese Beatmung überlebt haben, wie etwa Infektionen und schwerwiegende Lungenschäden.

Intubation "auf jeden Fall vermeiden"

Die Risiken sind hoch, die Erfolge fragwürdig. Trotzdem ist Intubation weiterhin der Standard, wenn Covid-19 einen besonders schweren Verlauf nimmt.  "Der Glaube ist, dass das an der schweren Krankheit des Patienten liegt und nicht eben an der Therapie", sagt der Lungenarzt Dr. Gerhard Laier-Groeneveld von der Lungenklinik Neustadt im Harz. Er glaubt das nicht. Stattdessen ist er sich sicher, "dass die Intubation und Beatmung gefährlich sind und dass man auf jeden Fall die Intubation vermeiden muss." Deswegen geht Laier-Groeneveld ganz andere Wege. An seiner Klinik behandelt er Covid-19-Patienten mit Beatmungsmasken und bei Bewusstsein. Er hat bisher keinen einzigen Patienten intubiert - und keinen einzigen Patienten verloren.

Weil die Krankenhäuser im Elsass überlastet waren, hatte seine Klinik auch vier Patienten aus Frankreich übernommen, die vorher intubiert worden waren. "Man hätte erwartet, dass wir das genauso weiter machen, aber mit dem Eintreten in unsere Klinik haben wir die Strategie geändert", sagt Laier-Groeneveld. Mit Erfolg. Zwei der Patienten konnten vorgestern per Hubschrauber die Heimreise nach Frankreich antreten.

Blick auf ein Beatmungsgerät | Bildquelle: Redaktion MONITOR
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Auf den meisten Intensivstationen in Deutschland ist die Beatmung gängige Praxis.

Anästhesisten sind für frühzeitige Intubation

In Deutschland ist sein Weg eher die Ausnahme. Die meisten Covid-19-Patienten, die auf Intensivstationen landen, werden intubiert - oft wochenlang. Verlässliche Zahlen dazu, wie viele von ihnen sterben, gibt es noch nicht. Denn viele intubierte Patienten befinden sich noch in Behandlung.

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Dr. Rolf Rossaint, hält das für richtig. Sein Verband gilt als besonders einflussreich - und empfiehlt frühzeitige Intubation sogar explizit. In seinen Handlungsempfehlungen an Mediziner zum Umgang mit Covid-19-Patienten heißt es, die Krankheit nehme oft einen raschen Verlauf, so dass eine "Intubation durch nicht-invasive Beatmung nicht verzögert werden sollte". Es werde zwar auch nicht-invasiv beatmet, so Rossaint, "wenn aber dann die Erkrankung noch schwerer ist - und das ist eben bei 75 Prozent der Intensivpatienten -, dann muss man aber auch zum richtigen Zeitpunkt die Intubation durchführen".

Der Zeitpunkt ist entscheidend

Thomas Voshaar | Bildquelle: Redaktion MONITOR
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Lungenarzt Thomas Voshaar intubiert nur im äußersten Notfall.

Aber wann ist der richtige Zeitpunkt? Lungenarzt Dr. Thomas Voshaar vom Bethanien-Krankenhaus in Moers glaubt, dass in Deutschland oft zu früh intubiert wird. Gerade angesichts der großen Risiken. Er findet, allein die hohen Todesraten in anderen Ländern "müssten Grund genug sein, diese Strategie der frühen Intubation zu hinterfragen". Auch Voshaar versucht an seiner Klinik, Covid-19-Patienten nur im äußersten Notfall zu intubieren. Nur einen von 40 Patienten habe er bisher maschinell beatmet. Dieser Patient sei in der Folge gestorben. Alle anderen hätten überlebt. Die meisten Patienten konnten die Klinik bereits wieder geheilt verlassen.

Verband hält an Empfehlungen fest

Bei der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin sieht man aber keinen Anlass, die Empfehlungen für die Behandlung von Covid-19-Patienten zu ändern. Auf die Frage, wie hoch in Deutschland der Prozentsatz der nach einer Intubation verstorbenen Patienten ist, teilt man mit, dies sei "völlig irrelevant, da nicht die Intubation als solche bedeutsam ist, sondern die Schwere der Erkrankung des Patienten, die zu dem Erfordernis einer Intubation und Beatmung geführt hat". Die Behandlung an sich wird also grundsätzlich nicht hinterfragt.

Über dieses Thema berichtete das Magazin MONITOR im Ersten am 30. April 2020 um 21:45 Uhr.

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Jan Schmitt, WDR

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