Taliban auf Patrouille in Kabul. | EPA
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Abschiebepolitik Vom Allgäu nach Afghanistan

Stand: 28.10.2021 09:56 Uhr

Noch kurz vor der Machtübernahme der Taliban haben deutsche Ausländerbehörden Menschen nach Kabul abgeschoben. Darunter nach Monitor-Recherchen auch solche, die eigentlich ein Bleiberecht haben.

Von Andreas Maus, WDR

Die Geschichte seiner Odyssee beginnt im malerischen Allgäu. Hier lebte Amir bis vor einigen Monaten mit seiner Frau Zeynep, die im siebten Monat schwanger ist. Die Bilder an der Wand erzählen vom Glück. Amir und Zeynep vor romantischer bayerischer Bergkulisse. Amir und Zeynep im Standesamt. Alles schien perfekt, erzählt uns Zeynep. "Wir konnten uns diese Wohnung zusammen mieten, wir konnten heiraten. Es war ein Leben, wie jeder andere von uns auch führt."

Doch Ende Mai stellte die Zentrale Ausländerbehörde Schwaben Amir in einem Schreiben vor die Wahl: Entweder er reise jetzt "freiwillig" aus oder ihm drohe eine Abschiebung.

Die Stunde der Bürokratie

Amirs Geschichte zeigt die Absurdität deutscher Flüchtlingspolitik. Vor sechs Jahren kam Amir über die Balkanroute als Flüchtling ins Allgäu. Er lernte deutsch, fand eine feste Arbeit und heiratete Zeynep, die Deutsche ist. Damit hat Amir als Ehepartner einen Rechtsanspruch, in Deutschland zu bleiben - eigentlich.

Denn hier schlägt die Stunde der Bürokratie. Weil Amir als Flüchtling kam und sein Asylantrag kurz vor der Hochzeit abgelehnt wurde, gilt er als illegal. Hochzeit hin oder her. Deshalb, so die Behörde, müsse er jetzt erst einmal aus Deutschland ausreisen und ein sogenanntes Visumverfahren durchlaufen. Dann könne er mit Visum wieder einreisen. Wenn er nicht "freiwillig" ausreise, drohe ihm die Abschiebung.

Ausreisen und wieder einreisen? Nur damit dann alles wieder so ist wie vorher? Das sei völlig absurd, sagt Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat. "Das ist in meinen Augen nicht als Schikane", so der Migrationsexperte. "Das ist eine Flüchtlingspolitik, die nicht auf Vernunft, sondern auf Abwehr setzt."

Die neuen Herrscher in Kabul

Ende Mai reiste Amir aus - und landete in einem Alptraum. Er konnte zwar einen Visumsantrag stellen, aber dann hieß es Warten in Kabul. Demselben Kabul, das kurz darauf von den Taliban überrannt wurde. Amir saß fest. Voller Angst vor den Taliban - und ohne die Möglichkeit auszureisen. Es erging ihm wie vielen Ortskräften, die mit deutschen und anderen internationalen Organisationen zusammengearbeitet hatten: Afghaninnen und Afghanen mit Angehörigen in Deutschland, die teilweise seit Jahren einen Rechtsanspruch auf Familiennachzug haben. Sie alle leben bis heute in Angst vor der Willkür der Taliban. "Die haben Maschinengewehre", sagt Amir. "Alles kann passieren. Vielleicht erschießen sie mich - oder ich wandere in den Knast."

In Deutschland lebt die jetzt hochschwangere Zeynep in ständiger Angst um ihren Mann. Bis heute kann sie nicht verstehen, warum er ausreisen musste. "Er hatte einen unbefristeten Arbeitsvertrag", sagt Zeynep. "Er hatte gerade seinen Führerschein gemacht, sich ein Auto gekauft."

Eine andere Lösung als die "freiwillige" Ausreise habe es nicht gegeben, erklärt die Ausländerbehörde auf Monitor-Anfrage. Die dramatische Entwicklung in Afghanistan sei kurz vor der Machtübernehme der Taliban "noch gar nicht absehbar" gewesen. Der Vorwurf einer Mitverantwortung am Schicksal von Amir deshalb "unbegründet".

Aber gab es wirklich keine andere Lösung? Natürlich hätte es die gegeben, sagt die Fachanwältin für Migrationsrecht Bettina Feix. "Die Ausländerbehörde hätte berücksichtigen müssen, dass mein Mandant fest in den Arbeitsprozess integriert ist. Sie hätte berücksichtigen müssen, dass das Visumverfahren sehr, sehr lange dauert." Auch dass Amir gut integriert sei, gut deutsch spreche, nie negativ aufgefallen sei, hätte die Behörde berücksichtigen müssen und die Formalitäten in Deutschland regeln können. "Stattdessen hat sie auf der Ausreise bestanden!" so Feix. Nur deshalb sei Amir jetzt in Kabul und komme nicht raus.

Fast jede Woche hat Amir versucht, irgendwie aus dem Land zu kommen. Vergeblich. Dass er nicht an der Seite seiner schwangeren Frau sein kann, lässt ihn jeden Tag mehr verzweifeln. Im Allgäu hofft Zeynep weiter, dass Amir bald einreisen kann. Das Kinderzimmer wollte sie mit ihrem Mann gemeinsam einrichten. Jetzt hat sie es alleine gemacht. Sie hofft, dass es Amir doch noch raus schafft - irgendwie.

Über dieses Thema berichtet das ARD-Magazin "Monitor" am 28. Oktober 2021 um 21:45 Uhr.