SAP-zentrale in Walldorf | dpa
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Mangelhafte Software Aufsichtsräte wollen gegen SAP aussagen

Stand: 29.04.2021 16:07 Uhr

Viele Firmen haben mit der Einführung von SAP-Software schlechte Erfahrungen gemacht - offenbar zu viele. Denn in einem Gerichtsprozess in Frankreich wollen SAP-Aufsichtsräte nun gegen das Unternehmen aussagen.

Von Tim Bartz, Christian Bergmann und Britta Sandberg, MDR

SAP ist das größte europäische Softwareunternehmen - doch immer wieder hat es Probleme mit den Programmen der Firma aus Deutschland gegeben. Nun sorgt ein Fall in Frankreich für Aufsehen. In einem Gerichtsverfahren wollen mehrere langjährige SAP-Aufsichtsräte nach Recherchen des ARD-Magazins Fakt und des Magazins "Der Spiegel" gegen SAP aussagen.

Es geht um die SAP-Software Chorus. Diese Buchhaltungs- und Finanzsoftware hatte das französische Verteidigungsministerium im Jahr 2009 installieren lassen. Das Programm arbeitete so fehlerhaft, dass Rechnungen verspätet oder gar nicht bezahlt wurden. Durch das Desaster gingen in Frankreich zahlreiche Dienstleister pleite.

Einer von ihnen ist Lionel Bieder. Seine Reinigungsfirma ging 2013 insolvent, weil das Ministerium Rechnungen in Millionenhöhe nicht zahlte, der Geldfluss stockte und Kunden absprangen. Deshalb verklagte der 50-Jährige den Staat Frankreich auf 20 Millionen Euro Schadensersatz. "Mehr als 1000 kleine und mittelgroße Unternehmen sind kollabiert, mehr als 15.000 Arbeitsplätze hat Chorus vernichtet", sagt Bieder. Er selbst habe etwa 300 Leute entlassen müssen.

Keine Goldbären im Supermarkt

Je mehr er sich mit Chorus beschäftigt habe, sagt einer der SAP-Aufsichtsräte, die vorerst anonym bleiben wollen, umso mehr habe er Parallelen zu anderen Projekten erkannt, die wegen des Einsatzes ungeeigneter oder fehlerhafter SAP-Software zum Problemfall wurden.

Ein bekanntes Beispiel: Bei Haribo sorgte die Umstellung auf eine SAP-Software für zahlreiche Fehler. Zeitweise geriet die Ausfuhr von Goldbären ins Stocken, es blieben einige Regale in den Supermärkten leer. Mit zahlreichen weiteren Software-Projekten von SAP gab es Probleme: Lidl, Otto-Versand, Deutsche Bank, Edeka oder Deutsche Post. Oft sollen dabei viele Millionen Euro versenkt worden sein.

In einer Studie für das britische SAP-Beratungsunternehmen Resulting IT kommt der Analyst Derek Prior zu dem Schluss, dass nur noch 36 Prozent der SAP-Projekte innerhalb des geplanten Zeitraums umgesetzt werden. Mehr als zwei Drittel der befragten Kunden gaben an, dass die Einführung der SAP-Software sie mehr als vereinbart gekostet habe. Am beängstigendsten sei jedoch, dass weniger als die Hälfte der SAP-Projekte ihre Geschäftsziele erreicht hätten. "Wer würde in ein Flugzeug steigen, das nur eine 50-prozentige Chance hat, sicher zu landen?", fragte Prior.

Viele kleine Dienstleister sind pleite

Von den aufgezählten deutschen Unternehmen ist keines durch SAP abgestürzt, auch wenn es schmerzhafte Verluste gab. In Frankreich entstanden durch das Desaster mit der Software des Unternehmens schwere Kollateralschäden.

Auch deshalb kämpft Lionel Bieder seit acht Jahren vor dem Gericht im französischen Nancy. Jetzt ist er zuversichtlich, als Gewinner aus dem Prozess hervorzugehen. Frankreichs höchstes Verwaltungsgericht, der Conseil d’Etat, wies den Richtern in Nancy bereits Formfehler nach. Der Fall nähert sich dem Ende, vor allem, wenn es nun prominente Hilfe durch die Aufsichtsräte gibt.

Aufsichtsräte gegen das eigene Unternehmen

Die hochrangigen SAP-Mitarbeiter seien unter anderem aufgrund der "damaligen massiven Probleme der SAP in der Software-Entwicklung und bei der Durchführung großer Projekte, gegebenenfalls in Verbindung mit irreführenden Versprechungen" eingestiegen, sagt einer von Bieders Vertrauten. Die Räte seien bereit, "vor Gericht in Frankreich als Zeuge auszusagen und den Kampf von Herrn Bieder um Gerechtigkeit für die unschuldig Betroffenen zu unterstützen." Aufsichtsräte, die vor Gericht gegen ihr Unternehmen antreten: Das hat es bei einem deutschen Unternehmen bislang noch nicht gegeben.

Zwar steht SAP in diesem Verfahren nicht selbst vor Gericht, doch das könnte sich ändern, wenn sich das französische Verteidigungsministerium Schadensersatz beim Unternehmen zurückholen will. Nach einem juristischen Erfolg Bieders könnten zudem weitere Geschädigte klagen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 30. April 2021 um 00:20 Uhr.