Ein Soldat trainiert mit einem G36-Gewehr im Schießausbildungszentrum auf dem Kasernengelände des Kommandos Spezialkräfte (KSK). | dpa
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KSK-Skandal Munitionsbeschaffung weiterhin unklar

Stand: 01.07.2021 06:06 Uhr

Vor einem Jahr ist die 2. Kompanie des KSK aufgelöst worden. Ein internes Dokument zeigt laut MDR-Recherchen, dass die Bundeswehr bis heute nicht weiß, wie ein ehemaliger Elitekämpfer dort Munition entwenden konnte.

Von Florian Barth, Florian Farken und Lucas Grothe, MDR

Auch mehr als ein Jahr nach dem Waffen- und Munitionsfund beim ehemaligen KSK-Soldaten Philipp S. ist weiterhin unklar, wie der Ex-Elitekämpfer so viel Munition hatte sammeln können. Einem aktuellen Dokument des Verteidigungsministeriums zufolge haben Bundeswehr-Ermittler überprüft, ob S. die Munition beim Schießen habe beiseite schaffen können. Doch die Überprüfungen haben dem Dokument zufolge "keine Unstimmigkeiten" ergeben. Das Papier liegt dem MDR-Magazin exakt vor. Insgesamt waren bei S. mehr als 6000 Schuss Munition gefunden worden.

In einem anderen internen Bericht aus dem März 2021 hatte es noch geheißen, Bundeswehr-Ermittler hätten 17 Schießvorhaben identifiziert, bei denen Philipp S. die Möglichkeit gehabt hätte, Munition oder Sprengstoff zu entwenden. So hätten spezielle Nummern, anhand derer Munition identifiziert werden kann, mit Schießvorhaben beim KSK und der gefundenen Munition bei Philipp S. übereingestimmt. Das neue Dokument zeigt, diese 17 Schießvorhaben wurden überprüft - mit dem nun bekannt gewordenen Ergebnis.

Ermittlungen kommen nicht voran

Es zeigt aber auch, dass die Ermittlungen der Bundeswehr zur Frage, wie S. an die Munition gekommen war, auch mehr als ein Jahr nach dem Fund bei Philipp S. offenbar nicht vorangekommen sind. Damit ist ebenfalls weiterhin unklar, ob S. Hilfe durch andere hatte, als er die Munition von der Bundeswehr entwendet hatte. Auch ein ziviles Gerichtsverfahren vor dem Landgericht Leipzig konnte diese Frage nicht klären. Auf Anfrage des MDR sagte ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums, man könne sich zu Einzelpersonalangelegenheiten und etwaigen laufenden Ermittlungen nicht äußern.

Im Mai vergangenen Jahres hatten Polizeibeamte das Grundstück des damals 45-jährigen Philipp S. im sächsischen Collm durchsucht und dabei Waffen, Sprengstoff und Nazi-Devotionalien gefunden. Ermittler fanden bei ihm unter anderem auch zwei Kilogramm des Sprengstoffes PETN, neun Blendgranaten, eine Kalaschnikow, mehr als 6000 Schuss Munition und Zeitschriften mit rechtsextremem Gedankengut.

AKK löst zweite Kompanie auf

Als Reaktion auf den Waffenfund und weitere rechtsextreme Umtriebe in der Einheit von S. hatte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) vor einem Jahr entschieden, die 2. Kompanie des KSK aufzulösen. S. hatte hier als einer der Sprengstoffexperten gegolten.

Als weiterer Grund für die Auflösung galt eine aus Sicht des Ministeriums zu diesem Zeitpunkt nicht ausreichend aufgeklärte Abschiedsfeier des damaligen Kompaniechefs Pascal D. im Jahr 2017. Dabei sollen rechtsextreme Parolen gerufen, Rechtsrock gehört und mit Schweineköpfen geworfen worden sein. Die Bundeswehr-Ermittler waren zu diesem Komplex nach eigenen Angaben auf eine "Mauer des Schweigens" getroffen.

Trotz Auflösung: meiste Soldaten weiterhin beim KSK

Die Auflösung der 2. Kompanie war - wie sich heute zeigt - nur die Fortführung eines bereits angeschobenen Prozesses nach der Abschiedsfeier 2017. So hatten bereits zwischen der Feier und der offiziellen Auflösung der Kompanie 26 Soldaten - knapp die Hälfte - die Einheit verlassen müssen. So steht es im offiziellen Abschlussbericht des Verteidigungsministeriums zum KSK-Komplex. Zum Zeitpunkt der offiziellen Auflösung der Truppe waren demnach 66 Soldaten betroffen. Diese wurden in einem vierstufigen Verfahren vom Nachrichtendienst MAD überprüft. Bei 65 von ihnen hätten sich keine Bedenken ergeben. 61 sind weiter beim KSK beschäftigt.

Für die Linken-Bundestagsabgeordnete Christine Buchholz sind die Rechtsextremismus-Probleme weiterhin nicht gelöst. Die Auflösung habe aus ihrer Sicht nur "einen symbolischen Wert". Buchholz kritisiert, dass die Aufklärung "der brandgefährlichen rechten Netzwerke und die strukturellen Ursachen des Rechtsextremismus" beim KSK für das Verteidigungsministerium nicht im Vordergrund standen, sondern, "die Verbesserung der Einsatzfähigkeit und Öffentlichkeitsmaßnahmen".

Ähnlich äußert sich der Grünen-Verteidigungspolitiker Tobias Lindner. Dem MDR sagt er: "Für die Tatsache, dass heute - über ein Jahr nach den Vorfällen, die diesen Reformprozess ausgelöst haben - immer noch so viele Fragen offen sind, trägt die Ministerin die politische Verantwortung." Kramp-Karrenbauer müsse sich vorwerfen lassen, dass durch ihre nachlässige und zögernde Aufklärung nach wie vor kein vollständiges Bild vorliege.

Auch Marcus Faber, FDP-Politiker und Mitglied im Verteidigungsausschuss des Bundestags, sagt, er könne nicht einschätzen, ob das Problem des politischen Extremismus wirklich verschwunden sei. "Das muss die Zeit zeigen und wir können nicht in die Köpfe hineinschauen", sagt er dem MDR.

Zukunft der Truppe

Trotz der vielen Skandale rund um das KSK sieht das Verteidigungsministerium aber offenbar die meisten Probleme gelöst. Mitte Juni hatte Kramp-Karrenbauer mitgeteilt, dass die Eliteeinheit bestehen bleiben soll.

Im Ministerium wird offenbar intensiv an der Zukunft der Spezialkräfte innerhalb der Bundeswehr gearbeitet: Bei der Bundeswehr soll künftig ein Direktor für Spezialkräfte die internationalen Einsätze koordinieren, diese könnten in Zukunft noch bedeutender für die Einheit werden. Allerdings ist auch mehr Transparenz geplant: So soll nach MDR-Informationen in Zukunft zumindest über abgeschlossene Einsätze des KSK berichtet werden. Unklar ist noch, in welchem Rahmen das geschehen soll.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Juni 2021 um 06:50 Uhr.

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Moderation 01.07.2021 • 15:29 Uhr

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