Schülerinnen und Schüler mit Masken in einem Klassenraum
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Corona-Schutz Frischer Wind in den Schulen?

Stand: 01.07.2021 04:37 Uhr

Die Schulen sollen nach den Ferien regulär und dauerhaft im Präsenzunterricht starten. Die Länder sind sich einig, dass impfen und testen zentral seien. Bei den Luftfiltern gleicht die Lage hingegen einem Flickenteppich.

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder

Die niedrige Inzidenz und das Sommerwetter haben den Schulen in den vergangenen Wochen wieder die Möglichkeit gegeben, vollständigen Präsenzunterricht anzubieten. Doch die fehlende Stiko-Empfehlung zur Impfung von Kindern und Jugendlichen sowie die Verbreitung der Delta-Variante in Europa beunruhigt Fachleute.

Die Bundesländer bereiten sich derweil auf das kommende Schuljahr vor. Den grundlegenden Kurs dafür hat die Kultusministerkonferenz (KMK) Mitte Juni festgelegt. Die zuständigen Politikerinnen und Politiker peilen das Ziel eines vollständigen und dauerhaften Präsenzunterrichts an. Wie eine Umfrage von tagesschau.de bei den 16 Bundesländern zeigt, blicken die zuständigen Ministerien optimistischer auf das neue Schuljahr, da sich die Rahmenbedingungen verbessert hätten.

Impfen und testen

Thüringen teilt beispielsweise mit, im kommenden Schuljahr gebe es "hoffentlich eine grundlegend neue Situation, weil bis dahin, wenn die Aussagen der Bundesregierung belastbar sind, allen Erwachsenen und womöglich auch schon allen Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren ein Impfangebot gemacht worden ist". Das Land wolle in den kommenden Wochen noch einmal verstärkt die Aufklärungskampagne für Impfungen forcieren.

Alle Länder setzen auf den Fortschritt bei der Impfkampagne und bewährte Hygiene-Konzepte. Unter anderem Bremen verweist zudem auf weiterhin verpflichtende Tests. Berlin will die Schülerinnen und Schüler in der ersten Woche nach den Ferien jeweils drei mal und danach wöchentlich zwei mal testen.

Neue Kriterien zur Bewertung?

Saarlands Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot sagte im Gespräch mit tagesschau.de: "Bei aller gebotenen Vorsicht halte ich es nicht für angebracht, Ängste zu schüren - zumal gerade Menschen mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf zum neuen Schuljahr weitestgehend geimpft sein werden."

Sofern das Virus seine Eigenschaften nicht grundlegend verändere und der Impfschutz insbesondere für diese Gruppen erhalten bleibe, "vermittelt der reine Blick auf die Infektionszahlen uns dann kein vernünftiges Lagebild mehr. Da müssen wir uns auch andere Kriterien anschauen, die Aufschluss über die Belastung unseres Gesundheitssystems geben", so die SPD-Politikerin.

Stückwerk bei Luftfiltern

So einig sich die Länder in der Einschätzung der Lage und dem Ziel sind, so uneinheitlich scheint der Weg dorthin. Insbesondere beim Thema Luftfilter gleicht die Republik einem Flickenteppich. Hamburg teilte mit, man orientiere "sich (nach wie vor) an den Empfehlungen des Umweltbundesamtes" und "setzt (auch weiterhin) auf Masken- und Testpflicht, die Trennung von Altersgruppen, regelmäßiges Stoßlüften und die weiteren Vorgaben unseres Musterhygieneplans".

Darüber hinaus verfügten Hamburgs Schulen über ein eigenes Budget, um Maßnahmen zur Verbesserung der Lüftung einzuleiten, beispielsweise die Aufstellung der "CO2-Ampeln", die bei verbrauchter Luft per Warnton zum Lüften auffordern oder auch Luftfilteranlagen für Räume, die schlecht gelüftet werden können. "Die Nutzung von Luftfilteranlagen wird vom Umweltbundesamt allerdings nur im Ausnahmefall empfohlen."

Kommunen zuständig

Auch das Saarland beruft sich auf die Empfehlungen des Umweltbundesamtes. Für die räumliche Ausstattung der Schulen seien zudem die Schulträger zuständig. Das Land fördere die Anschaffung von Luftfiltern "bedarfsorientiert". Hierfür stehen rund vier Millionen Euro zur Verfügung. Bis Mitte Mai seien rund 200 Klassenräume mit entsprechenden Geräten ausgestattet und rund 480.000 Euro der Fördersumme abgerufen worden.

Auch Bayern, Bremen und Hessen fördern Lüftungsanlagen und mobile Luftreinigungsgeräte. Das Bildungsministerium NRW verwies auf das Kommunalministerium, das für das entsprechende Programm zuständig sei. Berlin hat nach eigenen Angaben bis zum Schulstart 8000 Geräte für 14,6 Millionen Euro beschafft.

"Nicht immer sachbasiert"

In Sachsen haben einige Kommunen ebenfalls Luftfilter in den Schulen eingebaut, so das zuständige Ministerium. Thüringen teilte mit, bei den Kommunen sei hinsichtlich der Luftfilter "weiterhin eine abwartende Haltung abzusehen". Das Land habe aber fünf Millionen Euro Fördermittel bereitgestellt, "die vielfältig genutzt werden können". Beim Thema Luftfilter liefen die "politischen Diskussionen jedoch nicht immer entlang sachbasierter Wege", teilte das Bildungsministerium in Erfurt mit. Die Empfehlungen des Umweltbundesamtes beispielsweise ließen sich zugespitzt so zusammenfassen: "Der beste Luftreiniger ist das geöffnete Fenster."

Die Empfehlungen des Umweltbundesamts spielen bei Ausrüstung von Schulen also eine zentrale Rolle. Tatsächlich heißt es dort, mobile Luftreiniger seien lediglich "als Ergänzung zum Lüften sinnvoll". Da mobile Luftreinigungsgeräte nicht das in Klassenräumen anfallende Kohlendioxid (CO2) und den Wasserdampf aus der Raumluft entfernten, könnten "sie nicht als vollständigen Ersatz für Lüftungsmaßnahmen eingesetzt werden". Das Amt empfehle daher "die Fensterlüftung als prioritäre Maßnahme" - und darauf berufen sich KMK und Länder.

RLT-Anlagen empfohlen

Das heißt aber nicht im Umkehrschluss, dass mobile Lüftungsanlagen sinnlos seien. Dies gilt umso mehr für "raumluft-technische Anlagen" - kurz RLT-Anlagen. Der Einbau solcher Anlagen braucht allerdings Zeit, da es sich zumeist um bauliche Veränderungen handelt. Darauf verweist beispielsweise Rheinland-Pflalz.

Das Umweltbundesamt schreibt zu den RLT-Anlagen allerdings, diese seien nicht nur zu Pandemiezeiten sinnvoll:

Aus gesundheitlichen und Nachhaltigkeits-Gründen sollten perspektivisch alle dicht belegten Veranstaltungsräume in Schulen und Bildungseinrichtungen mit raumluft-technischen (RLT)-Anlagen ausgerüstet bzw. nachgerüstet werden. Solche Anlagen beseitigen die Vielzahl innenraumhygienischer Probleme in dicht belegten Räumen (Luftgetragene Erreger, Kohlendioxid, Wasserdampf, Gerüche) in einem Gang.

Dass eine Umsetzung dieser Empfehlung des Umweltbundesamtes flächendeckend angegangen würde, davon kann bislang nicht die Rede sein. Hamburg teilte beispielsweise auf die Nachfrage, ob man diese Empfehlung zum Einbau von RLT-Anlagen umsetzen wolle: "Das ist zurzeit Gegenstand von Beratungen."

Bund legt Programm auf

Der Bund legte zwar jüngst ein Programm zur Förderung von Luftfilter-Anlagen auf - doch dieses ist an verschiedene Bedingungen geknüpft.

Das heißt: Die Ausrüstung von Schulen mit mobilen Luftfiltern liegt bei den jeweiligen Kommunen, eine flächendeckende Strategie gibt es nicht. Die Empfehlungen des Umweltbundesamtes für nachhaltige Lüftungsanlagen dürften im Schulalltag vorerst keine Rolle spielen.

Gewerkschaften und der Deutsche Lehrerverband kritisierten die abwartende Haltung und warnten vor der Gefahr, dass bei einer vierten Corona-Welle Schulen möglicherweise erneut schließen müssten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. Juni 2021 um 07:00 Uhr.