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Vergewaltigungen in Klinik Neue Vorwürfe gegen Chefarzt

Stand: 17.02.2022 10:27 Uhr

Im Fall des Assistenzarztes, der an einer Bielefelder Klinik etwa 30 Frauen vergewaltigt hat, gibt es neue Vorwürfe gegen einen Chefarzt - dies ergeben Recherchen des ARD-Politikmagazins Kontraste.

Von Simone Brannahl und Daniel Schmidthäussler, rbb

Das evangelische Bethel-Klinikum in Bielefeld war der Tatort eines Serienvergewaltigers. Assistenzarzt Phillip G. soll hier in den Jahren 2019 und 2020 rund 30 Patientinnen betäubt, und - teils mehrfach - vergewaltigt haben. Seine Taten filmte der Arzt.

Bereits im September 2019 erstattet die erste Patientin Anzeige wegen gefährlicher Körperverletzung durch eine unzulässige Medikamentengabe. Von den Vergewaltigungen ahnt sie damals noch nichts. Daraufhin durchsuchen Polizeibeamte die Wohnung des Verdächtigen und finden neben Betäubungsmitteln auch eine Festplatte mit zahlreichen Vergewaltigungsvideos sowie eine Liste mit Namen. Im September 2020 wird Phillip G. verhaftet und nimmt sich in der Untersuchungshaft das Leben.

Ermittlungen eingestellt - Opfer nicht informiert

Die Staatsanwaltschaft Bielefeld stellt daraufhin die Ermittlungen ein. Ein Großteil der betroffenen Frauen wird nicht darüber informiert, dass sie vergewaltigt worden sind. Obwohl sie ein Anrecht darauf haben und obwohl der Fall nicht ausermittelt ist. So ist bis heute unklar, ob Verantwortliche der Klinik, darunter ein Chefarzt, Hinweisen auf die Taten nicht ausreichend genug nachgegangen sind.

Auch Ermittlungen gegen Klinik-Verantwortliche wegen des Vorwurfs der Beihilfe zur Vergewaltigung durch Unterlassen stellt die Staatsanwaltschaft Bielefeld ein. Der Versuch von zwei Anwälten, bei der übergeordneten Generalstaatsanwaltschaft Hamm eine Fortführung dieser Ermittlungen zu erreichen, scheiterte.

Justizministerium misstraut Generalstaatsanwaltschaft

Im November 2021 schaltet sich das Justizministerium in Düsseldorf ein und weist an: Die Ermittlungen gegen die Klinik-Verantwortlichen müssen wieder aufgenommen werden. Das Ministerium beauftragt damit diesmal die 170 Kilometer von Bielefeld entfernte Staatsanwaltschaft in Duisburg - ein höchst ungewöhnlicher Vorgang.

Ungewöhnlich klar ist auch die Begründung, die das Ministerium jetzt erstmals öffentlich gegenüber dem ARD-Politikmagazin Kontraste nennt: "Die zuständige Fachabteilung gelangte in einer Gesamtschau zu der Besorgnis einer möglichen Befangenheit auf Seiten der Generalstaatsanwaltschaft Hamm. Daher sollte mit der Staatsanwaltschaft Duisburg eine mit der Angelegenheit bislang nicht befasste Behörde beauftragt werden, um eine unvoreingenommene Prüfung zu gewährleisten."

 Prof. Christian Pfeiffer

Kriminologe Pfeiffer erhebt schwere Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft.

Die Entscheidung, die Frauen zunächst nicht zu informieren, hält der Kriminologe Christian Pfeiffer für ungeheuerlich: "Das war kein Opferschutz, sondern Klinikschutz." Die Rechte der Frauen "wurden gründlich missachtet im Interesse der Klinik und vielleicht auch im Interesse der Staatsanwaltschaft, weil sie sich vor Arbeit geschützt hat". Pfeiffer, ehemaliger Justizminister von Niedersachsen, hält das Eingreifen des NRW-Justizministeriums für richtig: "Wenn so gravierende Fehler passieren, dann bleibt nur der Weg, den das Justizministerium dort eingeschlagen hat", erklärt er gegenüber Kontraste.

Chefarzt soll frühzeitig Hinweise bekommen haben

Inzwischen sind fast alle der rund 30 Frauen informiert worden, dass sie Opfer eines Sexualverbrechens wurden. So auch Anja S. (Name geändert), die im Februar 2019 ebenfalls Patientin in Bethel war und dort betäubt und vergewaltigt wurde. Sie erinnert sich, dass sie nachts wachgeworden sei und Philipp G. an Ihrem Bett gesessen habe. Sie glaubt, dass ihr etwas gespritzt wurde und sie sofort bewusstlos geworden war. Später sei sie sehr müde und kaum ansprechbar gewesen und habe sich erbrochen sowie Nierenschmerzen und Schüttelfrost gehabt.

Ihr Vater berichtet Kontraste, dass er sich damals gleich an den zuständigen Chefarzt gewandt und ihm den Zustand seiner Tochter geschildert habe: "Er sagte mir nur: Machen Sie sich keine Sorgen. Es ist alles okay. Sie ist in guten Händen." Der Chefarzt hat sich auf Anfrage von Kontraste dazu nicht geäußert.


Klinik: Wille zur Aufarbeitung

Die Bethel-Klinik hingegen teilte Kontraste im April 2021 auf Anfrage mit, dass man erst im September 2019 von einer Patientin erstmalig über den Verdacht einer falschen Medikamentengabe durch den Assistenzarzt informiert worden sei. Zu einer Anfrage zu den neuen Vorwürfen möchte sich die Klinik nicht äußern und teilt mit, dass "der Wille zur Aufarbeitung und zur Hilfe für die Opfer" allumfassend weiter gelte.

Anja S. gehört möglicherweise zu den ersten Opfern von Philipp G. Nach dieser ersten Meldung ihres Vaters gibt es nach Kontraste-Recherchen noch mindestens drei ähnlich lautende Hinweise an Klinikpersonal, vorgebracht durch Patientinnen.

Beim Pflegepersonal sollen zudem Gerüchte darüber kursiert haben, dass der Assistenzarzt nicht angeordnete Infusionen verabreiche. Dazu schreibt eine Mitarbeiterin Kontraste: "Auf dem Flurfunk mit anderen Schwestern hörte ich, dass der Chefarzt dem Personal gesagt habe: Wir müssen die Klinik und den jungen Neurologen schützen, dem nicht die Zukunft verbauen, weil der übernimmt auch so viele Nachtdienste und entlastet uns." Auch dazu hat sich der Chefarzt auf Anfrage von Kontraste nicht geäußert.

Opfer-Anwältin fordert Anklage

"Die neuen Erkenntnisse belegen, dass der Chefarzt informiert war, dass Klinikpersonal informiert war, dass die Ärzteschaft informiert war", sagt die Opferanwältin Stefanie Höke in Bezug auf Hinweise auf Unregelmäßigkeiten. Sie vertritt inzwischen mehrere betroffene Frauen. Und sie wird deutlich: "Dementsprechend gehen wir so weit, dass wir sagen, sie haben ganz klar hier den Assistenzarzt gedeckt, sodass hier das Strafverfahren in einer Anklage mindestens enden, wenn nicht zu einer Verurteilung führen muss." Gegenüber der "Neuen Westfälischen" gab der Chefarzt kurz nach dem Suizid des Täters an, Phillip G. habe ihn und alle Kollegen getäuscht und ihr Vertrauen missbraucht.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 17. Februar 2022 um 21:45 Uhr in dem Magazin "Kontraste".