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Rechte Telegram-Gruppen Der Netzwerker

Stand: 15.04.2021 12:57 Uhr

Telegram hat sich zu einem Hort für Corona-Leugner und rechte Propaganda entwickelt: Über den Dienst vernetzt und mobilisiert sich die Szene. Nach Kontraste- und "t-online"-Recherchen scheint ein Mann dabei eine zentrale Rolle zu spielen.

Von Silvio Duwe, Chris Humbs und Pune Jalilevand, rbb

Bei der Vernetzung von Rechtsradikalen und Coronaleugnern im Messengerdienst-Telegram spielt ein Nutzer offenbar eine herausragende Rolle - dies ergibt sich aus einer Datenanalyse, die dem ARD-Politikmagazin Kontraste und "t-online" exklusiv vorliegt. Die Analyse hat ein IT-Spezialist vorgenommen, der anonym bleiben möchte. Sie umfasst rund 300.000 Telegram-Profile aus rund 500 öffentlich zugänglichen deutschsprachigen Telegram-Gruppen.

Der Nutzer, der aus diesen Datensätzen durch seine Aktivitäten herausragt, nennt sich "Frank der Reisende". Der Mann, der mit bürgerlichem Namen Frank Schreibmüller heißt, sieht sich als "Netzwerker und technischer Administrator" und ist an bis zu 4000 "Projekten" - also Telegram-Gruppen und -Kanälen - beteiligt, wie er im Interview mit Kontraste und "t-online" erklärt.

Die Inhalte in den Gruppen sind teils rechtsradikal, teils rechtsextrem oder propagieren Verschwörungsmythen. Telegram-Gruppen, bei denen Frank Schreibmüller eine bedeutende Rolle spielt, nennen sich beispielsweise "querdenken", "Patrioten-Chat" oder "Die BRD ist kein Staat".

Frank Schreibmüller  | rbb/ Silvio Duwe

Schreibmüller ist nach eigenen Angaben "aus dem System ausgestiegen". Bild: rbb/ Silvio Duwe

Mobilisierung via Telegram

Telegram ist mehr als ein reines Chatprogramm. Die Kanäle und Gruppen innerhalb des Messengers funktionieren wie ein soziales Netzwerk. Videos, Sprachnachrichten und Texte aus einer Gruppe können schnell in jede beliebige andere Gruppe kopiert werden und verbreiten sich entsprechend schnell.

So ist im deutschsprachigen Telegram eine Vielzahl von rechten, demokratiefeindlichen und verschwörungsideologischen Foren entstanden, die gegenseitig aufeinander verweisen und die Radikalisierung der User vorantreiben. Telegram-Gruppen spielen inzwischen eine zentrale Rolle bei der Mobilisierung und Vernetzung von Gruppen, wie der sogenannten "Gelbwesten"- oder auch der "Querdenken"-Bewegung. Letztere wird inzwischen in vier Bundesländern vom Verfassungsschutz beobachtet.

Querdenken-Demo Dresden 13.03.21 | dpa

Die Demonstrationen der "Querdenken"-Bewegungen werden auch über Telegram organisiert. Bild: dpa

Projekt: Autobahnverkehr stören

Schreibmüllers Vorgehensweise ist simpel, aber effektiv: Er legt Gruppen und Kanäle auf Telegram an, die leicht zu finden sind. Zum Beispiel für die "D-Day"-Aktionen. Deren Ziel war es unter anderem, den Verkehr auf Autobahnen durch verabredetes Langsamfahren gezielt lahmzulegen. In der Folge kam es bundesweit an verschiedenen Stellen zu Staus und Verkehrsbehinderungen.

Schreibmüller kümmerte sich darum, dass es für jeden Postleitzahlenbereich eine lokale D-Day-Gruppe gab und stattete diese Gruppen mit Bots aus, um Kritiker der Aktion automatisch aus allen Gruppen ausschließen zu können. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) wertet die D-Day-Aktionen als "besorgniserregende neue Dimension des Protests und eine deutliche Eskalation".

Anschlussfähig in die Mitte der Gesellschaft

Auch für Prominente wie Xavier Naidoo legte Schreibmüller Telegram-Kanäle an, bespielte sie mit Inhalten. Später habe Naidoo dann den Kanal übernommen und selbst Inhalte dort verbreitet. Schreibmüller veröffentlicht dort jedoch auch weiterhin eigene Beiträge, beispielsweise einen Aufruf zu einer Sitzblockade vor dem Bundestag.

Selbst Promis wie Nena werden auf Inhalte aufmerksam, die in Telegram-Kanälen gepostet werden, die Schreibmüller betreut. Die Sängerin verbreitete ein Dankesvideo eines rechten Aktivisten für die Teilnehmer einer gewalttätigen Querdenken-Demo in Kassel auf ihrem Instagram-Kanal. So erreichen Inhalte aus rechten Telegram-Kanälen ein neues Publikum in der Mitte der Gesellschaft.

Organisator wird als Rechtsextremist eingeschätzt

"'Frank, der Reisende' ist uns seit einigen Jahren bekannt. Er hat seine Karriere begonnen, nach unserer Einschätzung, im Bereich der Reichsbürgerschaft. Und hat sich dann fortentwickelt. Nach den letzten Erkenntnissen muss ich davon ausgehen, dass er in der Zwischenzeit ein Rechtsextremist geworden ist", erklärt Stephan Kramer, Präsident des Thüringer Amtes für Verfassungsschutz, im Interview mit Kontraste.

Tatsächlich finden sich szenetypische Äußerungen von Schreibmüller auf Telegram. Im "Patrioten-Chat" behauptet er in einer Sprachnachricht: "Der Holocaust hat nicht so stattgefunden, wie man ihn uns weißmachen will."

Im November 2019 ist Schreibmüller zu Gast bei der Antizensur-Koalition, einer jährlichen Großveranstaltung der demokratiefeindlichen Sekte "Organische Christus Generation" OCG aus der Schweiz. Die Antizensur-Koalition bietet ein Forum für Antisemitismus bis hin zur Holocaustleugnung, rechte Esoterik und Rassismus. Schreibmüller baute nach eigenen Angaben die Telegramkanäle der Sekte auf. Im Dezember 2019 war er sogar als Gast bei einer Doppelhochzeit der Familie des Sektenchefs anwesend.

Gut vernetzt in der rechten Szene

Neben seinen Aktivitäten bei Telegram ist Schreibmüller auch im realen Leben gut vernetzt in der rechten Szene, wie Kontraste-Recherchen zeigen. Ein Video zeigt ihn bei einem " in Plauen im Oktober 2018 - inmitten von Plakaten wie "Asylflut stoppen!" und "Kriminelle Ausländer raus!".

Fackelmarsch der Neonazi-Partei "Der Dritte Weg" | rbb/ Silvio Duwe

Schreibmüller will bei dem Fackelmarsch der Neonazi-Partei "Der Dritte Weg" lediglich "mit einem Licht in der Hand spazieren gegangen" sein. Bild: rbb/ Silvio Duwe

Im Dezember 2018 tauchte Schreibmüller bei einer Demo der "Gelbwesten"-Bewegung in München auf - neben ihm: Frank H., einer der führenden Aktivisten der rechtsextremen Bürgerwehr "Wodans Erben" in Bayern. Im Februar 2019 nahm Schreibmüller dann an einer Aktion von Wodans Erben teil und drang dabei mit 15 weiteren Personen in das Gelände einer Asylbewerberunterkunft ein. Gegen drei Beteiligte läuft deshalb ein Verfahren wegen Hausfriedensbruchs beim Amtsgericht München.

Doch der Prozess stockt, da zwei der Angeklagten, darunter auch Frank H., parallel in Stuttgart im Zusammenhang mit der rechtsextremen mutmaßlich terroristischen "Gruppe S" vor Gericht stehen. Der "Gruppe S" wird vorgeworfen, Anschläge auf Politiker, Asylsuchende und Muslime geplant zu haben, um einen Bürgerkrieg auszulösen.

Auch gegen Schreibmüller hat die Generalstaatsanwaltschaft München ein Verfahren wegen Hausfriedensbruchs im Zusammenhang mit dem Eindringen in das Asylbewerberheim eingeleitet. Da den Behörden jedoch sein Aufenthaltsort nicht bekannt ist, wurde das Verfahren vorläufig eingestellt und Schreibmüller zur Aufenthaltsermittlung ausgeschrieben.

Schreibmüller ist nach eigenen Angaben untergetaucht und lebt ohne festen Wohnsitz, daher auch der Nutzername "Frank der Reisende". In einem Telegram-Chat schreibt er im September 2020 von seinem "Systemausstieg". Die Behörden hätten keine Meldeadresse von ihm, er "habe nichts mehr zu verlieren, biete ihnen keine Möglichkeit mehr dich bedrohen, erpressen, dir etwas wegnehmen oder dich einschüchtern zu können...". In der warmen Jahreszeit schlafe er unter freiem Himmel.

Schreibmüller distanziert sich vom Rechtsextremismus

Kontraste und "t-online" konnten Schreibmüller interviewen, am Neufelder See in Österreich. Er habe nicht vor, in der nächsten Zeit in die Bundesrepublik zurückzukommen, schreibt er vor dem Treffen. Im Interview spricht Schreibmüller dann davon, dass Harmonie, Frieden und Glück zu seinen Zielen gehörten. Mit Rechtsextremismus habe er nichts zu tun. Von den rechtsextremen Hintergründen von "Wodans Erben" habe er nichts gewusst. Er habe nur einen Spaziergang machen wollen, wenn sich die Menschen in der Asylbewerberunterkunft unwohl gefühlt hätten, tue es ihm leid. Auch den Dritten Weg kenne er nicht, er habe nicht einmal gewusst, dass das eine Partei sei. Er sei beim Fackelmarsch lediglich mit einem Licht in der Hand spazieren gegangen. Es sei eine sehr angenehme Form eines Spaziergangs gewesen.

Auch Gewalt lehne er ab. Nachrichten, die er auf Telegram verschickt hat, sprechen hingegen eine andere Sprache. So kommentiert er das Foto eines Maskenautomaten: "kann den bitte Jemand sprengen ^^". Kurz darauf postete ein anderer User die Adresse des Automaten für das "Attentat". Schreibmüller reagierte: "wundervoll... das Ding braucht ja Niemand... und wird sicher auch nicht vermisst ^^". Auf Nachfrage erklärt er, sich an den Chat nicht mehr zu erinnern. Sollte er das geschrieben haben, täte es ihm leid.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Politikmagazin Kontraste am 15. April 2021 um 21:45 Uhr im Ersten.