Ampullen mit dem Corona-Impfstoff von Pfizer/BioNTech (Archivbild). | AFP

Kampagne gegen BioNTech/Pfizer Influencer sollten für Geld verleumden

Stand: 26.05.2021 17:42 Uhr

Eine PR-Agentur bietet Influencern auf der ganzen Welt Geld, damit sie Botschaften mit irreführenden Informationen über Impfungen verbreiten. Der Auftraggeber soll geheim bleiben - doch eine Spur führt nach Russland.

Von Daniel Donath, rbb

Eine Londoner Agentur hat Social-Media-Influencern auf mindestens drei Kontinenten Geld angeboten, damit sie Desinformation über den Impfstoff von BioNTech/Pfizer verbreiten - dies ergeben gemeinsame Recherchen des ARD-Politikmagazins Kontraste und von "netzpolitik.org". Mindestens zwei Influencer haben sich offenbar auf das Angebot eingelassen und Videos veröffentlicht, in denen sie behaupteten, eine große Zahl von Menschen sei wegen der Impfung mit dem Impfstoff Comirnaty von BioNTech und Pfizer gestorben. Auch in Deutschland und Frankreich sollten solche Beiträge in den sozialen Medien erscheinen. Nach Recherchen der beiden Redaktionen steckt dahinter eine Scheinfirma mit engen Verbindungen nach Russland.

Mirko Drotschmann | picture alliance/dpa

Mirko Drotschmann alias "MrWissen2Go" wurde ebenfalls von der ominösen Agentur angeschrieben. Bild: picture alliance/dpa

So liegen Kontraste und "netzpolitik.org" E-Mails vor, die die Agentur mit dem Namen Fazze dem deutschen YouTuber und Journalisten Mirko Drotschmann geschickt hat. Drotschmann ist bekannt für seinen Kanal "MrWissen2Go" bei funk, dem Online-Angebot von ARD und ZDF. Auf YouTube haben ihn rund 1,5 Millionen Menschen abonniert. Die Agentur Fazze bot Drotschmann Geld dafür, wenn er die angeblich brisanten Informationen verbreitet.

Streng vertrauliche Informationen

Drotschmann stellte eigene Nachforschungen an und wurde stutzig. Ein Mitarbeiter der Agentur wollte ihm nicht sagen, wer die Negativkampagne bezahlt habe - dabei handele es sich um eine "streng vertrauliche" Information. Drotschmann sagte, es passiere immer wieder, dass Influencer dubiose Anfragen erhielten. "Aber dass man Geld angeboten bekommt, um Falschnachrichten zu verbreiten, ist eine völlig neue Dimension."



Influencer in Brasilien und Indien nahmen Angebot an

Fazze schickte YouTubern ein Passwort, das ihnen Zugang zu einem geschützten Bereich auf der Website der Agentur verschaffte. Dort erteilte die Agentur detaillierte Anweisungen, wie Influencer die Desinformation ihren Followern präsentieren sollten und forderte die Beteiligten dazu auf, zu verschweigen, dass es sich um eine bezahlte Botschaft handele. Stattdessen sollten sie so tun, als wären sie selbst in Sorge über die angeblichen Impftoten.

Ein brasilianischer Influencer teilte seine vermeintlichen Sorgen über Impftote auf Instagram, wo er mehr als drei Millionen Abonnenten hat. Auch der indische YouTuber Ashkar Techy mit circa 500.000 Abonnenten unterbrach vergangene Woche einen Zusammenschnitt mit lustigen Filmchen und blendete eine Tabelle ein, die ihm offenkundig Fazze geschickt hatte.

Diese Tabelle steht im Zentrum der Kampagne, ihrem Titel zufolge stellt sie Impftote durch unterschiedliche Impfstoffen dar, aufgeschlüsselt nach Ländern. Die Kernaussage: Deutlich häufiger seien Menschen durch eine Impfung mit BioNTech/Pfizer gestorben als durch eine Impfung mit AstraZeneca.

Zahlen "grob irreführend"

Doch während die für Deutschland genannten Zahlen tatsächlich aus einem Bericht des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) zu stammen scheinen, ist die Überschrift falsch. Tatsächlich erfasst wurde demnach lediglich, wie viele Menschen innerhalb von 40 Tagen nach einer Impfung gestorben sind - ein tatsächlicher Zusammenhang zwischen den Impfungen und den Todesfällen ist hingegen unbelegt.

Dazu kommt, dass die Verstorbenen laut dem PEI-Bericht im Schnitt älter als 80 Jahre waren - also altersbedingt ein deutlich erhöhtes Risiko hatten, aus natürlichen Gründen zu sterben. Diesen Zusammenhang unterschlägt Fazze bei seiner Kampagne, die über die sozialen Medien wohl vor allem junge Menschen erreichen sollte. Und so bewertet das Paul-Ehrlich-Institut auf Kontraste-Anfrage die Darstellung der Agentur Fazze auch als "grob irreführend".

Die Daten stammten laut Fazze angeblich aus einem Hack des Impfstoffherstellers AstraZeneca. Das Unternehmen distanziert sich auf Nachfrage von Kontraste und netzpolitik.org jedoch deutlich von diesen Behauptungen. "Wir verurteilen auf das Schärfste jede Initiative, die darauf abzielt, das Vertrauen in Impfstoffe zu untergraben", so eine Sprecherin von AstraZeneca.

Scheinfirma hat vor allem russische Kunden

Genauso wie die Tabelle mit den angeblichen Impftoten hält auch die Agentur Fazze einem zweiten Blick nicht stand. Kontraste und netzpolitik.org haben versucht, sie in London ausfindig zu machen, aber an der auf ihrer Website genannten Adresse hat sich noch nicht einmal ein Klingelschild befunden. Auch im britischen Handelsregister wurde Fazze nie eingetragen: Es handelt sich offenbar um eine reine Scheinfirma. Laut Angaben auf seinem Social-Media-Profil arbeitet der angebliche Geschäftsführer von Moskau aus. Auch alle vier Kunden, die Fazze auf seiner Website Influencern als mögliche Auftraggeber präsentiert, haben ihre Ursprünge in Russland.

Im Hintergrund scheint zudem eine zweite Firma mit dem Namen AdNow zu stehen, die an derselben Londoner Adresse gegründet wurde und ebenfalls von einem Mann mit russischen Wurzeln geführt wird. E-Mails, die an Fazze adressiert waren, wurden zuletzt zu AdNow umgeleitet, auch der vorgebliche Geschäftsführer von Fazze soll dort gearbeitet haben. Als Kontraste bei der Firma anrief und nach seinem Namen fragte, wurde schnell aufgelegt. Auch auf schriftliche Anfragen reagierten die Verantwortlichen nicht.

Stimmungsmache gegen westliche Impfstoffe

Bereits in der Vergangenheit wurden aus Russland Zweifel an westlichen Impfstoffen gestreut. Ein offizielles Twitterkonto, das auf den Namen des russischen Impfstoffs "Sputnik V" läuft und offenbar Teil einer staatlich finanzierten Kampagne ist, machte Zahlen von Todesfällen nach Impfungen mit BioNTech/Pfizer bereits im April zum Thema.

Laut dem Desinformationsexperten Felix Kartte von der Initiative Reset.Tech ist es schwierig zu beurteilen, ob der Kreml hinter der Kampagne steckt, für die Fazze nun Influencer angeworben hat. Das Vorgehen entspreche jedoch Taktiken, die man während der Pandemie beobachtet habe. Häufig konzentriere sich Russland auf Themen, die das Potenzial hätten, Angst zu schüren und Gesellschaften zu spalten. "Es ist überhaupt nicht unüblich, dass der Kreml PR-Agenturen beauftragt. Ein Grund dafür ist, dass das die Zuordnung schwieriger macht."

Der außenpolitische Sprecher der Grünen-Fraktion im Bundestag, Omid Nouripour, sieht einen eindeutigen Nutznießer derartiger Kampagnen. "Das Schlechtreden der Impfstoffe im Westen unterminiert das Vertrauen in unsere Demokratien und soll das Vertrauen in die Impfstoffe Russlands erhöhen und da gibt es nur eine Seite, die etwas was davon hat und das ist der Kreml."

Omid Nouripour, Außenpolitischer Sprecher der Grünen | dpa

Der Grünen-Außenpolitiker Nouripour hält eine Beteiligung des Kreml für möglich. Bild: dpa

In Frankreich, wo Fazze mehrere Influencer kontaktiert hatte, äußerte sich am Dienstag gegenüber dem Sender BMFTV der Gesundheitsminister Olivier Véran. Er nannte das Vorgehen "armselig, gefährlich und verantwortungslos".

Auch in Deutschland sind die Behörden auf den Fall aufmerksam geworden. Nach Informationen von Kontraste und "netzpolitik.org" ist das beim Bundesinnenministerium angesiedelte Referat "Hybride Bedrohungen" an dem Fall interessiert.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 26. Mai 2021 um 13:03 Uhr.