Ein Junge spielt mit einem Fußball | Kontraste/rbb
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Nachwuchsfußball Die Ware Kind

Stand: 25.11.2021 06:00 Uhr

Der Fußball-Bundesligist Union Berlin nahm Kinder in seine Obhut, die er nach Einschätzung eines Betreuers zeitweise nicht altersgerecht betreute. Mehrere Eltern ehemaliger Nachwuchsspieler erheben deshalb Vorwürfe.

Von Christian Humbs, Daniel Laufer und Laurenz Schreiner, rbb

Dass Paul 2018 in eine WG im Berliner Osten zieht, ist ungewöhnlich, denn Paul ist da gerade erst zwölf Jahre alt. Er will Fußball spielen - im Nachwuchs von Union Berlin. In Absprache mit den Eltern übernimmt der Verein die Unterbringung. Dabei ist die Wohnung nur eine Übergangslösung: Ein neues Gebäude für die Kinder- und Jugendabteilung muss erst noch gebaut werden. Trotzdem ziehen schon ein Jahr darauf zwei weitere Zwölfjährige in die WG, darunter auch Felix.

Über das, was Paul und Felix (Namen geändert) bei Union erleben, gehen die Erzählungen auseinander. Ihre Eltern sagen heute, die Betreuung in der Wohnung sei zeitweise "katastrophal" gewesen. Der Verein bezeichnet das als "unglaubwürdig", die Eltern hätten sich nie negativ geäußert, vielmehr habe es positive Rückmeldungen gegeben.

Recherchen des ARD-Politikmagazins Kontraste und von "Ippen Investigativ" wecken jedoch Zweifel daran, dass der Klub seiner Verantwortung für die Kinder immer gerecht wurde.

Schlechte Betreuung

Aus einem Unterbringungsvertrag geht hervor, dass Union Berlin den Eltern versichert hatte, die Kinder von Sonntag bis Freitag zu betreuen. Zuständig dafür war ein Sportpsychologe, Mitte 20, der ebenfalls in der WG lebte. Dieser sei häufig nicht da gewesen, sagt Paul. Das Alleinsein machte dem 12-Jährigen zu schaffen: "Manchmal hatte ich ein bisschen Angst."

Auch Felix‘ Vater gibt an, die Kinder seien oft allein gewesen. Vertraglich geregelt war neben der Unterbringung auch eine sportgerechte Grundversorgung der Nachwuchsspieler. Eltern zufolge haben aber oft Lebensmittel gefehlt. Der Verein widerspricht: Die Kinder seien betreut worden und auch die Versorgung sei zu jeder Zeit sichergestellt gewesen.

Mit den Vorwürfen konfrontiert, reagiert der Betreuer überrascht: "Aus meiner Perspektive war die Wohnung nur vorübergehend gedacht." Zunächst hätten vor allem ältere Nachwuchsspieler in der WG gelebt, dann seien mehrere jüngere eingezogen.

An diesem Punkt habe der Verein gemerkt, dass die Form der Betreuung "nicht altersgerecht" sei, sagt der Betreuer. Der Verein habe eine weitere Person engagiert, die zweimal pro Woche kam, als der Betreuer abends weg war. Grundlegend änderte sich die Situation für die Jugendlichen offenbar erst, als der Verein im vergangenen Jahr neue Räume anmietete.

Vereinshaus von Eisern Union 1920 | Kontraste/rbb

Das Vereinshaus von Union Berlin - gegen den Verein erheben Eltern massive Vorwürfe. Bild: Kontraste/rbb

Unfall auf der Auswärtsfahrt

Ein Vorfall scheint das Vertrauen von Eltern in den Verein besonders erschüttert zu haben: Auf dem Rückweg von einer Auswärtsfahrt entgingen die Kinder nur knapp einer Katastrophe: Ein Bereichsleiter des NLZ verlor offenbar die Kontrolle über einen Kleinbus mit den Jugendspielern an Bord und prallte gegen eine Leitplanke. Der Verein soll die Eltern erst mit einigem Zeitverzug über den Unfall informiert haben. In einer WhatsApp-Nachricht vom Nachmittag des Folgetags schilderte ein Mitarbeiter knapp, dass es einen Unfall gegeben habe.

Ein Vater nennt diese Art der Kommunikation im Interview eine "Frechheit". Der Verein teilt dazu auf Anfrage mit, der Schaden sei erst bei Tageslicht erkennbar gewesen. Intern hielt er den Vorgang offenbar jedoch für so problematisch, dass er gegen den Unfallfahrer ein Fahrverbot verhängte.

Eine nicht ausgezahlte Prämie

Für Ärger sorgte auch ein Vertrag, den Union Berlin mit Felix abgeschlossen hatte. Die Fußballverbände wollen eigentlich verhindern, dass schon bei sehr jungen Talenten Geld im Spiel ist. Förderverträge unterhalb der U16 haben sie deshalb eigentlich verboten. Bei dem, was Union Berlin für Felix aufgesetzt hat, handelt es sich daher um eine sogenannte "Nachwuchsfördervereinbarung", die ihm jedoch auch eine Art Prämie in Aussicht stellte.

Der Verein verpflichtete sich, über einen Zeitraum von drei Jahren hinweg 3000 Euro auf ein Sparkonto einzuzahlen. Ausbezahlen wollte er das Geld aber nur, sollte der Spieler am Ende einen Fördervertrag unterzeichnen. Doch den bot Union Felix gar nicht an - seine Leistungen reichten aus Sicht des Vereins dafür nicht aus. Union Berlin spricht von einem "vereinsseitigen Angebot ohne daraus resultierende Verpflichtungen oder Bindungen für Eltern oder Spieler".

Ein Leiter eines Nachwuchsleistungszentrums eines anderen Bundesligavereins bezeichnet die Vereinbarung gegenüber Kontraste und "Ippen Investigativ" als "unseriös" und "höchst bedenklich". Ein solches Dokument habe er trotz langjähriger Erfahrung im Jugendfußball noch nie gesehen.

Studie: Hohe psychische Belastung

Junge Fußballer könnten langfristig darunter leiden, wenn sie früh bei den Bundesligisten landen. Zu diesem Schluss kommen die Sportwissenschaftler Arne Güllich und Paul Larkin. Sie haben 57 Studien zur Talentförderung untersucht, das unveröffentlichte Ergebnis ihrer Auswertung liegt Kontraste und "Ippen Investigativ" exklusiv vor. Ihr vernichtendes Fazit: Je früher ein Spieler in ein NLZ aufgenommen wird, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er jemals Fußballprofi wird.

Arne Güllich | Kontraste/rbb

Der Sportwissenschaftler Güllich hat zur Belastung im Nachwuchsfußball geforscht. Bild: Kontraste/rbb

"Mehr als 50 Prozent der ausgemusterten Spieler haben psychische Belastungen, die klinisch relevant sind", sagt Güllich. "Das ganze bisherige Leben gibt es nicht mehr, die eigene Identität geht verloren."

Oft platzt der Traum von der Karriere

Im Nachwuchs der Bundesligisten reicht es am Ende nur für die Allerwenigsten. Pauls Traum von der Karriere bei Union ist geplatzt. Im Sommer verließ er den Verein, wechselte die Schule. Jetzt wohnt er wieder bei seinen Eltern in Brandenburg, die inzwischen sagen, es sei deutlich zu früh gewesen, ihren Sohn mit zwölf in das NLZ zu schicken.

Am Ende habe Paul sich gefühlt, als habe er komplett versagt. "Bis heute weiß ich nicht, warum ich rausgeflogen bin", sagt er. Der Verein schreibt dazu auf Anfrage, Pauls und Felix' Leistung habe stagniert. Folglich habe man den beiden frühzeitig mitgeteilt, dass sie die "Weiterführungskriterien" nicht erfüllten.

Mehr zu diesem Thema sehen Sie in der Sendung Kontraste um 21:45 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Magazin „Kontraste“ am 25. November 2021 um 21:45 Uhr.