Moderna Impfstoff | AFP

Vakzin-Lagerhaltung einiger Länder "TÜV-Mentalität" bremst Impf-Tempo

Stand: 06.05.2021 06:00 Uhr

Manche Bundesländer legen immer noch viele Impfdosen als Reserve zurück - und das, während die Liefermengen steigen. Das zeigen Datenanalysen, die Kontraste vorliegen. Kritiker sprechen von "TÜV-Mentalität".

Von Ursel Sieber, Cosima Gill und Sascha Adamek, rbb

Seit Februar wertet der Datenanalytiker Alfred Müller aus München den Impffortschritt in Deutschland täglich aus. Und stößt immer wieder auf eine Lagerhaltung, die manche Bundesländer besonders exzessiv betreiben - um Zweitimpfungen abzusichern oder aber, um Termine für Erstimpfungen abzusichern, die erst Wochen später stattfinden. Gut vier Millionen Impfdosen liegen im Durchschnitt in der Reserve.

Kontraste hat die Bundesländer mit den größten Lagerbeständen angefragt - zum Beispiel in Baden-Württemberg, das beim Impftempo zu den Schlusslichtern in Deutschland gehört: Das Land hatte am 4. Mai rund 570.000 Dosen Impfstoff in der "Bestandsreserve" - immerhin zwölf Prozent aller gelieferten Dosen. Damit hätte man fast ganz Stuttgart impfen können. Allein vom Moderna-Impfstoff waren fast 40 Prozent der gelieferten Dosen nicht verimpft.

"Zuviel schwäbische Sparsamkeit"

Das sei offenbar "ein Schuss zu viel schwäbische Sparsamkeit", räumt das grüne Gesundheitsministerium auf Anfrage ein. Die Impfzentren hätten weniger Impftermine freigeschaltet als möglich gewesen wäre, so der Sprecher. Zur Begründung heißt es, der Hersteller Moderna habe unregelmäßig geliefert - darum würden Dosen als Reserve zurückgehalten, allerdings nur etwa 25 Prozent.

Recherchen von Kontraste zeigen: Tatsächlich hat Moderna Anfang März eine Lieferung ausfallen lassen und auch um Ostern herum kam zunächst weniger als eingeplant. Doch seit Mitte April liefert Moderna jede Woche und auch die Zahl der Impfdosen soll insgesamt auf bis zu 6,7 Millionen Ende Juni steigen.

Deutsche TÜV-Mentalität

Als "deutsche TÜV-Mentalität" kritisiert Carsten Watzl von der Deutschen Gesellschaft für Immunologie dieses Vorgehen. Natürlich sei es für die Landesminister und die Impfzentren einfacher, die Dosis für die zweite Impfung zur Sicherheit ein paar Wochen zurückzulegen. "Doch in einer Pandemie gilt: impfen, impfen, impfen, weil schon die erste Impfung sehr gut schützt", so Watzl. "Alles andere kostet de facto Menschenleben."

Tatsächlich zeigen wissenschaftliche Studien aus Schottland und England, die Millionen Impfungen ausgewertet haben, dass 14 Tage nach der ersten Impfung die Krankenhauseinweisungen schon um etwa 80 Prozent sinken.

Hauptsache kein zusätzlicher Aufwand

Doch in den Ministerien stehen offenbar andere Überlegungen im Vordergrund. In Hessen zum Beispiel: Da zeigt die Datenanalyse der letzten Wochen, dass rund 40 und 50 Prozent des Moderna-Impfstoffs nicht verimpft waren, ebenso wie rund zehn Prozent der Dosen von Biontech/Pfizer.

Doch für Hessen steht es offenbar im Vordergrund, alle Absprachen einzuhalten. Bisher hätten "keine Impftermine aufgrund nicht gelieferter Dosen abgesagt werden müssen", schreibt das Ministerium. Wobei abgesagt im Zweifel bedeutet, dass Erstimpfungen schlimmstenfalls um kurze Zeit verschoben werden müssten.

"So vorzugehen ist logistisch einfacher, so macht man keine Fehler, man geht auf Nummer sicher", kommentiert Immunologe Watzl. Doch faktisch würde damit Millionen Menschen eine schnelle Erstimpfung vorenthalten. Watzl sieht hier die Politik in der Pflicht: Politiker müssten verstehen, wie wichtig schnelle Erstimpfungen für Millionen von Menschen seien und Verantwortung übernehmen.

Das hessische Gesundheitsministerium betont, man habe die Impfzentren bereits am 21. April informiert, dass die Impfstoffreserve auf maximal zwei Tagesreserven reduziert werden soll. Das schlägt sich freilich in den Zahlen noch nicht nieder.

Auch in NRW stapelt sich Moderna-Impfstoff

Nordrhein-Westfalen hat immerhin seine Lagerbestände von Biontech/Pfizer kräftig abgebaut und hält von diesem Impfstoff nur noch vier Prozent der gelieferten Dosen zurück. Beim Moderna-Impfstoff sieht die Lage anders aus: Da waren am 4. Mai etwa 48 Prozent der gelieferten Dosen nicht verimpft.

Das rechtfertigt das Gesundheitsministerium damit, dass der Impfstoff eigentlich für die Gruppe der über 70-jährigen und für Krankenhauspersonal reserviert worden sei - doch man habe dafür weniger benötigt als gedacht. Offenbar braucht es aber seine Zeit, bis das Ministerium darauf reagiert und die Impfstoffe für andere freigibt. 

Auffällig ist, dass einige Länder auch große Bestände an AstraZeneca-Dosen ausweisen - Hessen hatte am 4. Mai etwa 13 Prozent der gelieferten AstraZeneca-Dosen nicht verimpft, Brandenburg rund 21 Prozent. In Hessen liegt das nach Kontraste-Recherchen daran, dass vor allem Ältere eine Impfung mit AstraZeneca oft ablehnen.

Über dieses Thema berichtete die ARD in der Sendung Kontraste am 06. Mai 2021 um 21:45 Uhr.