Ikea zahl Millionen an die Eltern eines getöteten Kleinkindes. | AP
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IKEA und Nachhaltigkeit Kindermöbel aus Urwaldholz?

Stand: 15.07.2021 06:00 Uhr

IKEA verspricht als größter Holzverbraucher der Welt Nachhaltigkeit und strenge Kontrollen seiner Zulieferer. Recherchen des ARD-Magazins Kontraste und der Umweltschutzorganisation Earthsight zeigen jedoch: An diesem Bekenntnis gibt es große Zweifel.

Von Alexander Bühler und Marcus Weller, rbb

Seit 2020 gibt IKEA ein umfassendes Versprechen: Alles Holz sei entweder FSC-zertifiziert oder recycelt, heißt es in Image-Filmen des Möbelhauses. Eine Zertifizierung durch FSC, den größten Holzzertifizierer der Welt, bedeutet, dass das Holz nachhaltig erzeugt, legal geschlagen und fair gehandelt wurde.

Umweltschützer: "Riesiger Abholzungsskandal"

Zumindest bei einem indonesischen Hersteller von IKEA-Produkten hielt das FSC-Zertifikat nach Recherchen von Kontraste und der Umweltschutzorganisation Earthsight nicht, was es verspricht. Man sei "einem riesigen Abholzungsskandal" auf die Spur gekommen, sagt Sam Lawson, Direktor von Earthsight. Dieser sei "unter dem Radar und unbemerkt von der größten Öko-Kennzeichnungsstelle der Welt, dem FSC, abgelaufen".

Bei dem IKEA-Zulieferer in Indonesien handelt es sich um die Firma PT Karya Sutarindo, einem der größten Hersteller von Kindermöbeln für IKEA. Allein im Jahr 2020 wurden von dort mehr als zwei Millionen Produkte an IKEA geliefert. Darunter das "Latt-Set" mit Tisch und zwei Stühlen sowie die meisten Artikel der Sundvik-Kinderserie, darunter Stühle, Tische, Betten und Kleiderschränke. Alle Produkte sind aus Kiefernholz. Da es auf der Insel Java keine Kiefern gibt, muss das Holz importiert werden.

IKEAs globalisierte Lieferkette

Kontraste liegen Frachtpapiere vor, die zeigen, dass gut ein Viertel der Kiefern, die bei der Firma PT Karya Sutarindo verarbeitet wurden, aus Sibirien stammen. Einer ihrer größten Lieferanten ist nach Kontraste-Recherchen die Firma Uspekh. Sie sitzt in Bratsk, mitten in Sibirien, umgeben von undurchdringlichen Wäldern. Uspekh hat keine eigenen Wälder, die Firma vertreibt Holz, das sie von örtlichen Anbietern kauft, darunter die Firma Vilis als größter Rohmateriallieferant. Vilis gehört Jewgenj Bakurov, einem 44-jährigen Unternehmer, dessen Firmen dank zahlreicher staatlicher Lizenzen große Waldflächen zur Verfügung stehen.

Legal oder illegal?

Unterlagen, die Kontraste vorliegen, zeigen, dass Bakurov über die Firma Vilis und andere Firmen immer wieder mehr Holz geschlagen hat als er offiziell durfte. So waren in einem Lizenzgebiet beispielsweise maximal 5200 Kubikmeter Holz pro Jahr erlaubt, er schlug aber 37.000 Kubikmeter. Möglich machten das Zusatzlizenzen, die er sich bei den zuständigen Behörden illegal besorgt hatte.

Bei mehreren Firmen, die der Holzbaron besitzt, fiel regelmäßig ein Vielfaches der erlaubten Menge an, wie Dokumente der russischen Forstbehörde belegen. Satellitenbilder zeigen zudem, dass mehrfach besonders geschützte Waldflächen abgeerntet wurden. Zwar sind sogenannte Sanitärholz- oder Rettungsschnitte auch in geschützten Gebieten erlaubt, doch Bakurovs Firmen missbrauchten diese "Rettungsschnitte" immer wieder als Vorwand. Das zumindest haben russische Behörden entdeckt und mehrfach gerichtlich zwischen 2012 und 2018 beanstandet.

Bakurovs Unternehmen wurden einige Lizenzen entzogen, doch erst nachdem der Schaden angerichtet war. Insgesamt, so rechnet Earthsight vor, sollen die Firmen in den letzten zehn Jahren 2,16 Millionen Kubikmeter Holz illegal gefällt haben. Auf Kontraste-Anfrage zu den Vorwürfen hat Bakurov nicht reagiert.

Systematisches Problem von FSC

Die Praktiken von Bakurovs Firmen hätten nicht nur den staatlichen Kontrolleuren, sondern auch dem Zertifizierer FSC auffallen müssen, sagt Pierre Ibisch, Professor für "Nature Conservation" an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde. Denn jede einzelne Firma in IKEAs Lieferkette, von Bakurovs Unternehmen über den Exporteur Uspekh und den indonesischen Holzverarbeiter PT Karya Sutarindo, war im Besitz eines Zertifikates von FSC.

Gerichtsurteile, in denen Bakurovs Firmen die Lizenzen entzogen wurden, sind öffentlich einsehbar und hätten bei FSC die Alarmglocken schellen lassen müssen. Doch die Firmen behielten ihr Siegel.

Forstwissenschaftler Ibisch sieht ein "systemisches Problem von FSC". Die Organisation verlasse sich auf örtliche Prüfer, die wiederum "leicht zu beeinflussen" seien. Insgesamt kommt Ibisch zu einem harten Urteil: "Das FSC-Siegel dient eher als Beruhigungspille für den Verbraucher denn als effektives Kontrollsystem", sagt er.

FSC will Angelegenheit untersuchen lassen

Mit den Recherchen konfrontiert schreibt FSC, man werde die Angelegenheit untersuchen und die Zertifizierungsstelle vor Ort überprüfen lassen. Seit März 2021 sei ein verbesserter FSC-Waldbewirtschaftungsstandard für Russland in Kraft, der "alle FSC-zertifizierten Wälder strengeren Kontrollen" unterziehe. Außerdem erwöge man gezielte Übergangsmaßnahmen in Russland, die darauf abzielten, "das Eindringen von nicht konformen Produkten in FSC-zertifizierte Lieferketten sofort zu verhindern."

IKEA gelobt Besserung

Auf Kontraste-Nachfrage im Juni 2021 räumt IKEA nun eine frühere Zusammenarbeit mit Bakurovs Firmen ein und schreibt, es könne nirgendwo auf der Welt Raum für den Missbrauch des Sanitärholzeinschlags geben. Deshalb habe man im März 2021 die Entscheidung getroffen, als vorsorgliche Sicherheitsmaßnahme kein Holz mehr von einer Reihe von Unternehmen anzunehmen, die mit Bakurov verbunden seien. Von welchen Unternehmen genau, teilte der Konzern nicht mit.

In einer Antwort an Earthsight bestand IKEA noch darauf, dass das Holz legal geschlagen worden sei. Kontraste gegenüber heißt es nun nur noch, dass das Holz legal erworben worden sei.

Die indonesische Firma PT Karya Sutarindo hat auf Anfrage nicht reagiert. Erst nachdem Earthsight und Kontraste IKEA mit ihren Recherchen konfrontiert hatten, veröffentlichte der Konzern Ende Juni auf seiner Konzernhomepage eine Pressemitteilung, in der es unter anderem heißt, dass viele Interessengruppen seit mehreren Jahren den Missbrauch des Sanitärholzeinschlags in bestimmten Bezirken Russlands beobachten würden.

Tatsächlich bekennt IKEA: "Basierend auf den Erkenntnissen aus der Durchführung unseres Kontrollsystems sind wir nicht zuversichtlich, dass der heutige Einsatz von Sanitätsholzeinschlag eine verantwortungsvolle Waldbewirtschaftung garantiert. Daher hat IKEA beschlossen, die Verwendung von Sanitärholz aus dem Fernen Osten Russlands und Sibirien mit sofortiger Wirkung vorübergehend zu verbieten".

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 15. Juli 2021 um 06:54 Uhr.

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KOMMENTARE

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Nettie 15.07.2021 • 14:44 Uhr

@Sisyphos3, 14:04

"hätte es nicht genügt zu schreiben "Möbel aus Urwaldholz" muß man hier psychologisch vorgehen mit Kindern ?" Sie unterstellen hier Manipulation, weil über Ihnen offenbar nicht genehme Fakten genannt werden? Oder was genau wollen Sie dem Leser mit diesem Kommentar sagen?